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ARZNEISTOFFE

Avelumab|Bavencio®|86|2017

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STOFFGRUPPE
86 Zytostatika, andere antineoplastische Mittel und Protektiva
WIRKSTOFF
Avelumab
FERTIGARZNEIMITTEL
Bavencio®
HERSTELLER

Merck Serono

MARKTEINFÜHRUNG (D)
10/2017
DARREICHUNGSFORM

20 mg/ml Konzentrat zur Herstellung einer Infusionslösung

Indikationen

Bavenico ist zugelassen zur Behandlung von Erwachsenen mit metastasiertem Merkelzellkarzinom (mMCC).

Wirkmechanismus

Anders als die Checkpoint-Inhibitoren Nivolumab (Opdivo®, Bristol-Myers Squibb) und Pembrolizumab (Keytruda®, MSD) bindet Avelumab nicht an den Checkpoint-Rezeptor PD-1 auf aktivierten T-Zellen, sondern an den PD-1-Liganden (PD-L1) und hemmt so die Interaktion zwischen Rezeptor und Ligand. Darüber hinaus blockiert es noch einen weiteren Signalweg. PD-L1 bindet normalerweise auch an den Rezeptor B7.1. Durch Avelumab wird auch dies unterbunden.

 

Die durch die PD-L1-Inhibition vermittelte duale Signal-Blockade setzt sowohl im Tumor als auch im Lymphknoten an. Im Tumor kommt es zur Reaktivierung der Immunantwort, in den Lymphknoten kann dank Avelumab durch die teilweise Wiederherstellung des T-Zell-Primings die Bildung von zytotoxischen T-Zellen verstärkt werden. Die Abläufe, die während der T-Zell-Aktivierung im Lymphknoten ablaufen, werden dabei auch als Ursache diskutiert, warum eine PD-L1-Blockade auch wirken kann, wenn der Tumor selbst kein PD-L1 exprimiert.Ein weiterer Unterschied zu Nivolumab und Pembrolizumab: Unter PD-L1-Blockade bleibt die Interaktion zwischen dem PD-1-Rezeptor und dem PD-2-Liganden (PD-L2) erhalten. Dieser Ligand spielt hinsichtlich des Tumors keine Rolle, wohl aber bei der Immunhomöostase. Wird nur PD-L1 und nicht PD-L2 gehemmt, kann dies einer überschießenden Immunantwort entgegenwirken und möglicherweise eine verbesserte Verträglichkeit bedeuten, was in einem direktem Vergleich der alten und neuen Antikörper aber noch zu beweisen wäre. Zudem konnte in präklinischen Studien nachgewiesen werden, dass Avelumab eine direkte Tumorzell-Lyse induzieren kann.

Anwendungsweise und -hinweise

Bavencio wird als Monotherapie patientenindividuell abhängig vom Körpergewicht (10 mg/kg Körpergewicht) dosiert und alle zwei Wochen intravenös als einstündige Infusion verabreicht. Dieser Behandlungsplan wird solange fortgesetzt, bis die Erkrankung fortschreitet oder die Toxizität unzumutbar ist.

 

Vor den ersten vier Infusionen sollten die Patienten ein Antihistaminikum und Paracetamol erhalten, um das Risiko infusionsbedingter Reaktionen zu reduzieren. Ist die vierte Behandlung mit Avelumab ohne infusionsbedingte Reaktionen abgelaufen, erfolgt eine weitere Prämedikation nach Ermessen des Arztes.

 

Die Patienten sollten auf Anzeichen und Symptome wie Fieber, Schüttelfrost, Hitzegefühl, Hypotonie, Dyspnoe, Giemen und Urtikaria sowie Rücken- und Bauchschmerzen überwacht werden.

Wichtige Wechselwirkungen

Da Avelumab vorwiegend über katabole Abbauwege verstoffwechselt wird, sind pharmakokinetische Wechselwirkungen mit anderen Arzneistoffen unwahrscheinlich.

Nebenwirkungen

Die häufigsten Nebenwirkungen unter Avelumab waren Fatigue, Übelkeit, Diarrhö, verminderter Appetit, Obstipation, Infusionsreaktionen, Gewichtsverlust und Erbrechen. Zu den häufigsten Nebenwirkungen vom Schweregrad ≥ 3 zählten Anämie, Dyspnoe und Bauchschmerzen.

 

Während der Dauer der Infusion sollten die Patienten auf Anzeichen und Symptome wie Fieber, Schüttelfrost, Hitzegefühl, Hypotonie, Dyspnoe, Giemen und Urtikaria sowie Rücken- und Bauchschmerzen überwacht werden.

 

Neben infusionsbedingten Reaktionen traten in den Studien zahlreiche immunvermittelte Nebenwirkungen wie Pneumonitis, Hepatitis, Kolitis und Endokrinopathien auf. Die meisten von ihnen waren reversibel und konnten durch vorübergehendes oder dauerhaftes Absetzen von Avelumab, Gabe von Corticosteroiden und/oder unterstützende Maßnahmen kontrolliert werden.

Kontraindikationen und Vorsichtsmaßnahmen

Bei Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff oder einen der sonstigen Inhaltsstoffe ist das Arzneimittel kontraindiziert.

Studien

Die Zulassung von Bavenico stützt sich auf Daten der einarmigen, offenen Phase-II-Studie JAVELIN Merkel 200, die sich in zwei Abschnitte gliederte. Studienabschnitt A umfasste 88 Patienten mit metastasiertem Merkelzellkarzinom (mMCC), deren Erkrankung nach mindestens einer vorausgegangenen Chemotherapie fortgeschritten war. Die objektive Ansprechrate betrug 33 Prozent, wobei 11 Prozent der Patienten eine Vollremission und 22 Prozent eine Teilremission erreichten. Das Tumoransprechen war anhaltend: Die Ansprechdauer betrug bei 93 Prozent der Patienten mindestens sechs Monate und bei 71 Prozent mindestens zwölf Monate; insgesamt reichte sie von 2,8 Monaten bis über 24,9 Monate. Das progressionsfreie Überleben lag nach sechs Monaten bei 40 Prozent und nach zwölf Monaten bei 29 Prozent. Studienabschnitt B umfasste 39 Patienten mit histologisch bestätigtem mMCC, die zuvor keine systemische Therapie im metastasierten Stadium erhalten hatten. Die objektive Ansprechrate betrug 62 Prozent. 14 Prozent der Patienten erreichten eine Vollremission, 48 Prozent eine Teilremission. Bei 67 Prozent der Patienten betrug das progressionsfreie Überleben drei Monate.

Hintergrundinfos

Beim Merkelzellkarzinom (MCC) handelt es sich um eine seltene und besonders aggressive Form des Hautkrebses, die vorrangig auf dauerhaft sonnengeschädigter Haut entsteht. Die malignen Zellen bilden sich typischerweise in der oberen Hautschicht und breiten sich oft frühzeitig in andere Körperregionen aus. Bei einem Drittel der betroffenen Patienten sind bereits bei der Erstdiagnose regionäre Lymphknoten von Metastasen befallen. Zudem hat das MCC ein hohes Rezidiv-Risiko. Die bisherige Therapie bestand ergänzend zu einer chirurgischen Intervention neben einer Strahlentherapie vor allem aus systemischen Chemotherapien. Diese erzielen zwar Ansprechraten von bis zu 50 bis 70 Prozent, sind jedoch mit einer kurzen Ansprechdauer von drei bis vier Monaten verbunden und gehen zudem aufgrund toxischer Nebenwirkungen mit einer Todesrate von 4 bis 7 Prozent einher.

Besonderheiten

Bavenico ist bei Temperaturen von 2–8 °C (Kühlschrank) sowie vor Licht geschützt (Umkarton) zu lagern. Es darf nicht einfrieren.

Bavenico ist verschreibungspflichtig.

Weitere Hinweise

Frauen im gebärfähigen Alter sollten während der Behandlung mit Avelumab eine Schwangerschaft vermeiden und während der Behandlung sowie bis mindestens einen Monat danach zuverlässig verhüten.

 

Die Anwendung von Avelumab bei Schwangeren wird nicht empfohlen, es sei denn, dass dies aufgrund des klinischen Zustandes der Frau erforderlich ist.

 

Frauen sollten aufgrund der Möglichkeit schwerwiegender Nebenwirkungen bei Säuglingen während der Behandlung mit Avelumab und bis mindestens einen Monat danach nicht stillen.

Vorläufige Bewertung

Sprunginnovation

Letzte Aktualisierung: 02.11.2017