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ARZNEISTOFFE

Blinatumomab|Blincyto®|86|2015

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STOFFGRUPPE
86 Zytostatika, andere antineoplastische Mittel und Protektiva
WIRKSTOFF
Blinatumomab
FERTIGARZNEIMITTEL
Blincyto®
HERSTELLER

Amgen

MARKTEINFÜHRUNG (D)
12/2015
DARREICHUNGSFORM

38,5 µg Pulver für ein Konzentrat und Lösung zur Herstellung einer Infusionslösung

Indikationen

Blincyto darf zur Behandlung von erwachsenen Patienten mit Philadelphia Chromosom negativer (Ph-) B-Zell-Vorläufer-ALL eingesetzt werden, die auf andere Therapien nicht (mehr) angesprochen haben.

Wirkmechanismus

Blinatumomab ist der erste Vertreter der sogenannten BiTE-Antikörper (bi-specific T-cell engager). Diese werden so konzipiert, dass sie als Brücke zwischen Krebszellen und T-Zellen fungieren. Über die vom Antikörper gebildete Brücke kann die T-Zelle direkt Proteine und Enzyme in die Tumorzelle einschleusen, die dort den programmierten Zelltod auslösen. Im Fall von Blinatumomab binden der eine »Greifarm« an CD19 auf der Oberfläche von Krebszellen und der andere an CD3 auf der Oberfläche von T-Zellen.

Anwendungsweise und -hinweise

Blinatumomab wird in Behandlungszyklen als Dauerinfusion verabreicht. Ein einzelner Zyklus umfasst vier Wochen, auf die jeweils ein zweiwöchiges behandlungsfreies Intervall folgt. Vor Therapiebeginn sollten die Patienten intravenös 20 mg Dexamethason erhalten. Zudem sollten sie während der ersten 48 Stunden jedes Zyklus' Antipyretika bekommen. Des Weiteren wird empfohlen, den Patienten prophylaktisch vor und während der Blinatumomab-Behandlung eine intrathekale Chemotherapie zu verabreichen, um einem Rezidiv im Zentralnervensystem vorzubeugen.

 

Während der Therapie können mehrere schwere Nebenwirkungen der Grade 3 oder 4 auftreten, die ein Abbrechen zwingend erforderlich machen. Dauert die Unterbrechung nicht länger als sieben Tage, kann der Zyklus fortgesetzt werden. Ansonsten muss ein neuer Zyklus begonnen werden. Falls die Toxizität länger als 14 Tage andauert, bedingt dies in der Regel einen finalen Therapieabbruch.

Nebenwirkungen

Als sehr häufige unerwünschte Wirkungen von Blinatumomab traten infusionsbedingte Reaktionen, Infek­tionen, Fieber, Kopfschmerzen, periphere Ödeme, Übelkeit, Hypokaliämie, Verstopfung, Anämie, Husten, Durchfall, Neutropenie, Bauchschmerzen, Schlaflosigkeit sowie Fatigue und Schüttelfrost auf.

 

Zu den schwerwiegenden Nebenwirkungen zählen unter anderem neurologische Ereignisse wie Enzephalopathie, Krampfanfälle, Sprach- und Bewusstseinsstörungen sowie Verwirrtheit und Koordinationsstörungen. Es wird daher empfohlen, die Patienten vor Behandlungsbeginn neuro­logisch zu untersuchen.


Zudem traten in den Studien lebens­bedrohliche oder tödliche virale und bakterielle Infektionen sowie Pilzinfektionen auf. Die Patienten sollten dahingehend überwacht werden. Bei 0,5 Prozent der Patienten trat in den klinischen Studien ein lebensbedrohliches oder tödliches Zytokinfreisetzungs-Syndrom (CRS) auf. Symptome eines CRS können Fieber, Erschöpfung, Kopfschmerzen, Hypotonie, erhöhtes Gesamtbilirubin und Übelkeit sein, die meistens zwei Tage nach Behandlungsbeginn auftraten. In der Regel ist ein Absetzen von Blinatumomab nicht nötig, die Patienten sollten aber engmaschig auf diese Anzeichen überwacht werden. Des Weiteren wurde in den Studien ein Tumorlyse-Syndrom beobachtet, das ebenfalls lebensbedrohlich oder tödlich sein kann. Daher gilt es, den Flüssigkeitshaushalt und die Nierenfunktion besonders im Blick zu haben. Gleiches gilt für die Leberwerte, da unter der Therapie bei 28 Prozent der Patienten ein Anstieg der Transaminasen beobachtet wurde. Zudem wurde über Patienten mit MRT/CT-Befunden des Gehirns berichtet, die einer Leukenzephalopathie entsprachen. Zwar wurde im Rahmen der Zulassungsstudien kein Fall von progressiver multifokaler Leukenzephalopathie bekannt, dennoch sollten die Patienten auf Anzeichen wie Sprach- und Bewegungsstörungen und Lähmungen beobachtet werden.

Kontraindikationen und Vorsichtsmaßnahmen

Schwangere sollten kein Blinatumomab erhalten, es sei denn, der mögliche Nutzen überwiegt das potenzielle Risiko für den Fetus. Frauen im gebärfähigen Alter müssen während und bis zu mindestens 48 Stunden nach der Infusion von Blinatumomab zuverlässig verhüten. Das Stillen ist während und für mindestens 48 Stunden nach der Behandlung kontraindiziert.

Bei Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff oder einen der sonstigen Inhaltsstoffe ist das Arzneimittel kontraindiziert.

Studien

Die Zulassung basiert auf den Ergebnissen der beiden Phase-II-Studien '211 und '206. An der Studie '211 nahmen 189 ALL-Patienten teil, die Blinatumo­mab als Dauerinfusion erhielten. Im ersten Zyklus betrug die Anfangsdosis 9 μg/Tag für Woche 1, dann 28 μg/Tag für die verbleibenden drei Wochen. Die Zieldosis von 28 μg/Tag wurde in Zyklus 2 und in allen folgenden Zyklen jeweils ab Tag 1 angewendet. Als primärer Endpunkt war die Rate kompletter Remission (CR) oder kompletter Remission mit einer partiellen hämatologischen Erholung (CRh*) innerhalb zweier Zyklen von Blinatumomab definiert. Diesen erreichten 42,9 Prozent der Patienten (81 von 189).

 

Die Studie '206 untersuchte die Wirksamkeit und Sicherheit von Blinatumomab in einer offenen Dosis-Eskalations-Studie an 36 ALL-Patienten, die bei vorherigen Behandlungen mit standardmäßiger Chemotherapie oder allogener Stammzelltransplantation einen Rückfall erlitten hatten. Die Patienten erhielten für 28 Tage Blinatumomab, gefolgt von zwei Wochen Behandlungspause für bis zu fünf Behandlungszyklen. Verabreicht wurde Blinatumomab als kontinuierliche intravenöse Infusion mit einer anfänglichen Dosis von 5 oder 15 µg/Tag. Die Dosis wurde im Verlauf der Behandlung auf 30 µg gesteigert. 69,4 Prozent der Patienten (25 von 36) erreichten den primären Endpunkt (Rate an CR/CRh*).

Hintergrundinfos

Die akute lymphatische Leukämie (ALL) ist eine seltene, rasch fortschreitende Krebserkrankung des Blutes und des Knochenmarks. Derzeit stehen mit Chemotherapie, Bestrahlung und Immuntherapien nur begrenze Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung. Die meisten Erkrankten erleiden einen Rückfall, und für diese Patienten beträgt das durchschnittliche Gesamtüberleben etwa drei bis fünf Monate. 

Besonderheiten

Blincyto ist bei 2 bis 8 °C im Kühlschrank zu lagern.

Die Durchstechflaschen sind vor Licht geschützt (Umkarton) zu lagern.

Blincyto ist verschreibungspflichtig.

Weitere Hinweise

Schwangere sollten kein Blinatumomab erhalten, es sei denn, der mögliche Nutzen überwiegt das potenzielle Risiko für den Fetus. Frauen im gebärfähigen Alter müssen während und bis zu mindestens 48 Stunden nach der Infusion von Blinatumomab zuverlässig verhüten. Das Stillen ist während und für mindestens 48 Stunden nach der Behandlung kontraindiziert.

Packshot

Letzte Aktualisierung: 12.04.2016

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