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ARZNEISTOFFE

Ocrelizumab|Ocrevus®|51|2018

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STOFFGRUPPE
51 Immunmodulatoren
WIRKSTOFF
Ocrelizumab
FERTIGARZNEIMITTEL
Ocrevus®
HERSTELLER

Roche

MARKTEINFÜHRUNG (D)
02/2018
DARREICHUNGSFORM

300 mg zur Herstellung einer Infusionslösung

Indikationen

Ocrevus ist zugelassen zur Behandlung erwachsener Multiple-Sklerose-Patienten mit früher primär progredienter Verlaufsform (PPMS). Es darf zudem bei Betroffenen mit aktiver schubförmiger Multipler Sklerose (RRMS) eingesetzt werden.

Wirkmechanismus

Ocrelizumab ist ein humanisierter monoklonaler Antikörper, der selektiv gegen CD20-exprimierende B-Zellen gerichtet ist. Diese spielen im neurodegenerativen Entzündungsgeschehen bei Multipler Sklerose (MS) eine entscheidende Rolle. Der genaue Wirkmechanismus von Ocrevus ist nicht geklärt. Man vermutet einen immunmodulatorischen Effekt: Nach der Bindung an die Zelloberfläche depletiert Ocrelizumab selektiv CD20-exprimierende B-Zellen mittels antikörperabhängiger zellulärer Phagozytose, antikörperabhängiger zellulärer Zytotoxizität, komplementabhängiger Zytotoxizität und Apoptose. Da B-Zellen das Oberflächenprotein CD20 nur in bestimmten Entwicklungsphasen exprimieren und hämatopoetische Stammzellen sowie reife Plasmazellen kein CD20 tragen, bleiben die Fähigkeit zur B-Zell-Rekonstitution und das immunologische Langzeitgedächtnis unter der Behandlung weitgehend erhalten.

Anwendungsweise und -hinweise

Ocrevus wird als Infusion angewendet. Die Initialdosis von 600 mg Ocrelizumab wird auf zwei getrennte Infusionen zu je 300 mg im Abstand von zwei Wochen aufgeteilt. In der Folge werden 600 mg (zwei Infusionen à 300 mg hintereinander) alle sechs Monate gegeben.

 

Um infusionsbedingte Reaktionen (IRR) zu vermeiden, erhält der Patient etwa eine halbe Stunde vorher 100 mg Methylprednisolon intravenös und ein Antihistaminikum.

 

IRR-Symptome wie Juckreiz, Hautausschlag, Rachenreizung, Atemnot, Flush, Hypotonie und Tachykardie äußern sich in der Regel häufiger während der ersten Infusion. Um sie zu beherrschen, muss eine angemessene Ausrüstung vorhanden sein. Treten während der Infusion Bronchospasmen oder Asthma-Exazerbationen auf, muss die Infusion sofort beendet und die Behandlung abgesetzt werden. Prinzipiell sind die Patienten nach Beendigung der Infusion noch eine Stunde auf IRR zu beobachten. Die Patienten sollten darauf hingewiesen werden, dass IRR auch noch innerhalb der nächsten 24 Stunden auftreten können. Des Weiteren kann während der Infusion eine IgE-vermittelte Überempfindlichkeitsreaktion auftreten. Ist eine solche bekannt, dürfen die Patienten nicht mit Ocrevus behandelt werden.

Wichtige Wechselwirkungen

Während einer Behandlung mit Ocrevus und bis zur B-Zell-Repletion wird eine Impfung mit (attenuierten) Lebendimpfstoffen nicht empfohlen. In Studien vergingen bis zu diesem Zeitpunkt durchschnittlich 72 Wochen. Patienten, die eine Impfung benötigen, sollten die Immunisierung mindestens sechs Wochen vor der ersten Anwendung abgeschlossen haben.

 

Es wird außerdem empfohlen, mit Ocrevus behandelte Patienten mit einem inaktivierten saisonalen Influenza-Impfstoff zu impfen.

 

Säuglinge, deren Mütter während der Schwangerschaft mit Ocrelizumab behandelt wurden, sollten eine Immunisierung mit (attenuierten) Lebendimpfstoffen erst nach vollständiger Normalisierung der B-Zell-Zahl erhalten. Daher wird bei Neugeborenen und Säuglingen vor einer Impfung eine Überprüfung der CD19-positiven B-Zell- Spiegel empfohlen. Alle Impfungen, die keine Lebendimpfstoffe oder attenuierte Lebendimpfstoffe enthalten, können gemäß lokalem Impfplan durchgeführt werden. Da die Wirksamkeit der Impfung verringert sein kann, können Messungen der impfinduzierten Antworttiter zur Überprüfung des Ansprechens erwogen werden.

Nebenwirkungen

Als häufigste Nebenwirkungen traten in Studien zu Ocrelizumab Infusionsreaktionen sowie Infektionen der oberen Atemwege auf.

Kontraindikationen und Vorsichtsmaßnahmen

Ocrelizumab darf nicht bei Patienten mit einer aktiven Infektion angewendet werden. Zudem ist er kontraindiziert bei Patienten in schwer immunsupprimiertem Zustand und bei solchen mit bekannter aktiver maligner Erkrankung.

Bei Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff oder einen der sonstigen Inhaltsstoffe ist das Arzneimittel kontraindiziert.

Studien

Die Zulassung von Ocrevus stützt sich auf Daten von drei Phase-III-Studien mit insgesamt 2388 Patienten. Die Studien OPERA I und II mit insgesamt 1656 RRMS-Patienten zeigten eine deutliche Überlegenheit von Ocrelizumab im Vergleich zu Interferon-β-1a (Rebif®) bei der schubförmigen Verlaufsform. Der Antikörper senkte die jährliche Schubrate signifikant um 46 beziehungsweise 47 Prozent. In der placebokontrollierten Phase-III-Studie ORATORIO mit 727 PPMS-Patienten reduzierte der Antikörper das Risiko für eine Progression der Behinderung über eine Zeit von 12 beziehungsweise 24 Wochen signifikant um 24 beziehungsweise 25 Prozent.

Besonderheiten

Ocrevus muss bei 2 bis 8 °C im Kühlschrank sowie im Umkarton aufbewahrt werden.

Ocrevus ist verschreibungspflichtig.

Weitere Hinweise

Frauen im gebärfähigen Alter müssen während der Behandlung mit Ocrelizumab und für zwölf Monate nach der letzten Infusion eine Empfängnisverhütung anwenden. Während der Schwangerschaft soll Ocrelizumab nicht angewendet werden, es sei denn, der potenzielle Nutzen für die Mutter überwiegt das potenzielle Risiko für den Fetus.

 

Da nicht bekannt ist, ob Ocrelizumab oder dessen Metabolite in die Muttermilch übergehen, sollten Frauen während der Therapie nicht stillen.

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Letzte Aktualisierung: 06.02.2019