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ARZNEISTOFFE

Natalizumab|Tysabri®|51|2006

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STOFFGRUPPE
51 Immunmodulatoren
WIRKSTOFF
Natalizumab
FERTIGARZNEIMITTEL
Tysabri®
HERSTELLER

Biogen

MARKTEINFÜHRUNG (D)
08/2006
DARREICHUNGSFORM

300 mg Konzentrat zur Herstellung einer Infusionslösung

Indikationen

Tysabri ist zugelassen zur Monotherapie der hochaktiven schubförmig remittierenden Multiplen Sklerose (MS). Es ist indiziert bei erwachsenen Patienten mit hoher Krankheitsaktivität trotz Behandlung mit einem Interferon beta und bei erwachsenen Patienten mit rasch fortschreitender schubförmig remittierend verlaufender MS.

Wirkmechanismus

Natalizumab ist ein monoklonaler Antikörper, der gegen Oberflächen-Rezeptoren auf Leukozyten (Integrine) gerichtet ist. Mit Hilfe der Integrine können die Zellen an Adhäsionsmoleküle auf den Endothelien der Gefäßwand „andocken“. Erst dadurch können die Entzündungszellen die Gefäßwand  beziehungsweise die Blut-Hirn-Schranke durchwandern und in das Parenchym des Gehirns eindringen. Dort schädigen sie dann die Myelinschicht der Axone. Es kommt zu den typischen Läsionen der MS und dem Untergang der Axone. Der selektive Adhäsionsmolekül-Inhibitor Natalizumab bindet spezifisch an das α4-Integrin und verhindert dadurch die Interaktion zwischen Adhäsionsmolekülen auf Entzündungszellen und Rezeptoren auf den Endothelzellen der Gefäßwand. Durch die Blockade wird die bei MS im Gehirn vorhandene Entzündungsaktivität reduziert und die weitere Rekrutierung von Immunzellen in entzündliches Gewebe gehemmt.

Anwendungsweise und -hinweise

Natalizumab 300 mg wird einmal pro Monat als intravenöse Infusion verabreicht. Eine direkte Umstellung von Interferon beta oder Glatirameracetat ist in der Regel problemlos möglich. Wegen der Gefahr einer PML darf der Arzneistoff keinesfalls mit anderen Immunsuppressiva kombiniert werden.

Wichtige Wechselwirkungen

Tysabri ist in Kombination mit Interferon beta beziehungsweise Glatirameracetat kontraindiziert.

Nebenwirkungen

Häufige Nebenwirkungen in Studien zu Natalizumab waren Harnwegsinfektionen, Nasopharyngitis (Nasen-Rachen-Raum-Entzündung), Urtikaria, Kopfschmerzen, Schwindel, Erbrechen, Übelkeit, Gelenkschmerzen, Rigor, Fieber und Abgeschlagenheit. Infusionsbedingte Reaktionen traten bei 23,1 Prozent der mit Natalizumab behandelten MS-Patienten auf (Placebo 18,7 Prozent).

Kontraindikationen und Vorsichtsmaßnahmen

Tysabri ist in Kombination mit Interferon beta beziehungsweise Glatirameracetat kontraindiziert.

Bei Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff oder einen der sonstigen Inhaltsstoffe ist das Arzneimittel kontraindiziert.

Studien

Die Zulassung von Tysabri wurde auf Basis der 2-Jahres-Daten aus den klinischen Phase-III-Studien erteilt. In der randomisierten, doppelblinden placebokontrollierten AFFIRM-Studie wurden Patienten mit schubförmig remittierender MS untersucht, die mindestens einen klinischen Schub während des Jahres vor Aufnahme in die Studie hatten. 627 Patienten erhielten einmal pro Monat 300 mg Natalizumab, 315 Placebo. Neurologische Untersuchungen wurden alle 12 Wochen und bei Verdacht auf einen Schub durchgeführt. In der Verum-Gruppe hatten nach zwei Jahren 67 Prozent keinen weiteren Schub erlitten, in der Placebogruppe waren dies 41 Prozent. In der SENTINEL-Studie wurden 1171 Patienten wöchentlich mit 30 µg Interferon beta 1a behandelt. Davon erhielten 589 Probanden zusätzlich 300 mg Natalizumab, 582 bekamen Placebo. In der Kombinationsgruppe erlitten 54 Prozent keinen weiteren Schub, während dies in der Placebogruppe 32 Prozent waren.

Hintergrundinfos

Der Hersteller musste das Präparat 2005 in den USA vom Markt nehmen, nachdem zwei Patienten an einer progressiven multifokalen Leukenzephalopathie (PML) erkrankten und starben. Die PML ist eine schwerwiegende Entmarkungskrankheit des zentralen Nervensystems. Die Infektion wird durch das JC-Virus (JCV) ausgelöst. Es tritt vorwiegend bei immungeschwächten Patienten auf. In der Folgezeit hatte der Hersteller mehr als 3000 Patienten untersucht, und versichert, dass es keinen weiteren Fall einer Infektion oder PML-Erkrankung gegeben hatte. Auf Basis dieser Daten ist Tysabri nach den USA jetzt auch in der EU seit Mitte August 2006 zugelassen.

Besonderheiten

Tysabri ist bei Temperaturen von 2–8 °C (Kühlschrank) sowie unter Lichtschutz (Umkarton) zu lagern. Das Arzneimittel darf nicht einfrieren.
Die verdünnte Lösung sollte umgehend verwendet werden. Andernfalls muss sie bei 2–8 °C (Kühlschrank) gelagert und innerhalb von 8 Stunden verbraucht werden.
Tysabri ist verschreibungspflichtig.

Weitere Hinweise

Wird eine Frau während der Behandlung mit Tysabri schwanger, sollte unter Abwägung von Nutzen und Risiken eine Beendigung der Therapie erwogen werde. Das Stillen soll während der Behandlung mit Tysabri unterbrochen werden.

Letzte Aktualisierung: 15.02.2016