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ARZNEISTOFFE

Pitolisant|Wakix®|71|2016

STOFFGRUPPE
71 Psychopharmaka
WIRKSTOFF
Pitolisant
FERTIGARZNEIMITTEL
Wakix®
HERSTELLER

Bioprojet Pharma

MARKTEINFÜHRUNG (D)
08/2016
DARREICHUNGSFORM

4,5 mg Filmtabletten

18 mg Filmtabletten

Indikationen

Wakix ist zugelassen bei Erwachsenen zur Behandlung der Narkolepsie mit oder ohne Kataplexie.

Wirkmechanismus

Pitolisant wirkt sowohl als inverser Agonist als auch als klassischer Antagonist an Histamin-H3-Rezeptoren (H3R), die vor allem im zentralen und peripheren Nervensystem vorhanden sind. Dabei handelt es sich um sogenannte spontanaktive Rezeptoren. Bei diesen ist ständig eine Basalaktivität vorhanden, ohne dass ein Agonist an den Rezeptor bindet. Während Agonisten diese Aktivität erhöhen, können inverse Agonisten die konstitutive Aktivität reduzieren und damit einen entgegengesetzten zellu­lären Effekt auslösen.

 

H3-Rezeptoren fungieren auf histaminergen Neuronen als präsynaptische Autorezeptoren. Diese kontrollieren die Synthese und Freisetzung des endogenen Liganden Hist­amin. Da eine Aktivierung des Rezeptors einen Hemmeffekt auf die Bildung und Freisetzung hat, führt die Bindung eines Antagonisten/inversen Agonisten infolge des blockierten negativen Feedback-Mechanismus zu einer Stimulierung. Die Folge ist eine vermehrte Histamin-Ausschüttung in den synaptischen Spalt. Es kommt so zu einem stimulierenden Effekt, der sich positiv auf Wachheit und Aufmerksamkeit auswirkt.

 

H3-Rezeptoren werden außerdem auf Neuronen anderer Neurotransmitter als Heterorezeptoren exprimiert, sodass Pitolisant auch die Freisetzung nicht-histaminerger Botenstoffe wie Dopamin, Acetylcholin und Serotonin beeinflusst.

Anwendungsweise und -hinweise

In der ersten Woche der Behandlung beträgt die empfohlene Dosis 9 mg Pitolisant pro Tag. In der zweiten Woche kann die Dosis auf 18 mg pro Tag erhöht oder auf 4,5 mg pro Tag gesenkt werden. In der dritten Woche kann der Arzt sie weiter bis auf eine Höchstdosis von 36 mg pro Tag steigern.

 

Im Vergleich zu extensiven CYP2D6-Metabolisierern ist bei schlechten CYP2D6-Metabolisierern eine höhere systemische Exposition (um bis zu dem 3-Fachen) zu beobachten. Dies sollte im Rahmen der Auftitration berücksichtigt werden.

 

Die Patienten sollten die Tagesgesamtdosis als Einzeldosis am Morgen während des Frühstücks einnehmen. Da nur begrenzt Daten zur Langzeitwirksamkeit vorliegen, sollte der Arzt regelmäßig überprüfen, ob die Behandlung weiterhin wirksam ist.

 

Bei Patienten mit mittelschwerer Leberfunktionsstörung oder Nierenproblemen sollte er beachten, dass die Höchstdosis 18 mg pro Tag beträgt. Bei Patienten mit schwerer Leberfunktionsstörung darf Pitolisant nicht angewendet werden.

 

Nur mit Vorsicht zum Einsatz kommen sollte Pitolisant bei Patienten mit psychiatrischen Erkrankungen  wie einer schwere Angststörung oder einer schweren Depression mit Suizidneigung, bei Patienten mit einer Ernährungsstörung (schwere Adipositas/schwere Anorexie) oder bei Patienten mit schwerer Epilepsie. Im Zusammenhang mit der Anwendung von Pitolisant wurde außerdem über Magenerkrankungen berichtet. Deshalb sollte das Arzneimittel bei Patienten mit säurebedingten Magenerkrankungen oder bei gleichzeitiger Anwendung von magenreizenden Arzneimitteln wie Corticoiden oder NSAR nur mit Vorsicht angewendet werden.

Wichtige Wechselwirkungen

Da Pitolisant die Wirksamkeit von hormonellen Kontrazeptiva reduzieren kann, müssen Frauen eine alternative Verhütungsmethode anwenden.

 

In Sachen Wechselwirkungen ist ferner zu beachten, dass die Kombina­tion von Pitolisant und Substraten von CYP3A4 mit einer geringen therapeutischen Breite vermieden werden sollte. Auch können CYP3A4-Induktoren dazu führen, dass die Wirksamkeit von Pitolisant reduziert ist. CYP2D6-Inhibitoren können den Wirkspiegel dagegen erhöhen. Zu beachten ist weiterhin, dass tri- oder tetrazyklische Antidepressiva die Wirksamkeit von Pitolisant beeinträchtigen können, da sie eine Histamin-H1-Rezeptzor-antagonistische Wirkung aufweisen und möglicherweise die Wirkung von endogenem Histamin, das aufgrund der Behandlung im Gehirn ausgeschüttet wird, aufheben. Ferner können H1-Rezeptor-Antagonisten, die die Blut-Hirn-Schranke überwinden, etwa Diphenhydramin, die Wirksamkeit von Pitolisant beeinträchtigen. Bei die QT-Zeit verlängernden Stoffen oder Substanzen, die bekanntermaßen das Risiko für Repolarisationsstörungen erhöhen, sollte eine Kombination mit Pitolisant nur unter sorgfältiger Überwachung stattfinden.

 

Pitolisant hemmt möglicherweise den Transporter OCT1. Bei gleichzeitiger Anwendung von OCT1-Substraten ist daher Vorsicht geboten. Zu diesen gehört beispielsweise Metformin.

Nebenwirkungen

Die häufigsten im Zusammenhang mit Pitolisant gemeldeten unerwünschten Arzneimittelwirkungen waren in Studien Schlaflosigkeit (8 Prozent), Kopfschmerzen (8 Prozent), Übelkeit (5 Prozent), Angst (2 Prozent) und Reizbarkeit (2 Prozent). Schwere, jedoch seltene Nebenwirkungen sind abnormaler Gewichtsverlust und Spontanabort.

Kontraindikationen und Vorsichtsmaßnahmen

Bei Patienten mit schweren Leberfunktionsstörungen und in der Stillzeit ist Pitolisant kontraindiziert.

 

 

Bei Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff oder einen der sonstigen Inhaltsstoffe ist das Arzneimittel kontraindiziert.

Studien

In einer randomisierten Doppelblindstudie mit 94 Patienten wurde Pitolisant mit Placebo und Modafinil (400 mg/d) verglichen. Die Anfangsdosis Pitolisant betrug 9 mg einmal täglich und wurde entsprechend der Wirksamkeit, dem Ansprechen und der Verträglichkeit in Abständen von einer Woche auf 18 beziehungsweise 36 mg/d erhöht. 60 Prozent der Patienten in der Pitolisant-Gruppe erreichten die 36-mg-Dosierung. Um die Wirksamkeit von Pitolisant auf die exzessive Tagesschläfrigkeit zu beurteilen, wurde der Punktwert auf dem Epworth-Test zur Tagesschläfrigkeit (Epworth Sleepiness Scale, ESS) als primäres Wirksamkeitskriterium herangezogen. Nach achtwöchiger Behandlung zeigten die Patienten im Pitolisant-Arm eine Senkung um drei Punkte mehr auf der ESS als jene, die Placebo eingenommen hatten. Im Vergleich zwischen Modafinil und Pitolisant zeigten sich dagegen keine signifikanten Unterschiede.

 

Eine zweite randomisierte und placebokontrollierte Doppelblindstudie mit 105 Patienten war darauf ausgelegt, die Wirksamkeit von Pitolisant bei Narkolepsie-Patienten mit häufig auftretender Kataplexie nachzuweisen. Der primäre Wirksamkeitsendpunkt war die Veränderung der durchschnittlichen Anzahl an Kataplexie-Attacken pro Woche zwischen der zweiwöchigen Baseline und dem vierwöchigen Zeitraum mit stabiler Behandlung zum Ende der Studie. Zum Baseline-Zeitpunkt betrug das geometrische Mittel der wöchentlichen Anzahl an Kataplexien in der Placebo- beziehungsweise Pitolisant-Gruppe 7,31 und 9,15. Während des Behandlungszeitraums mit stabiler Dosisgabe verringerte sich bei Patienten, bei denen mindestens eine Kataplexie-Episode aufgetreten war, das geometrische Mittel der wöchentlichen Kataplexie-Rate in der Placebo- und in Pitolisant-Gruppe auf 6,79 beziehungsweise 3,28.

Hintergrundinfos

Die Narkolepsie, eine chronische neurologische Erkrankung, führt zu unkontrollierbaren imperativen Schlafattacken und kann von einer Kataplexie, also einem akuten, reversiblen Verlust des Muskeltonus, begleitet sein. Neben nicht medikamentösen Maßnahmen kommen bislang verschiedene Arzneistoffe zum Einsatz. Zur Behandlung von Hypersomnien verordnen Ärzte häufig Stimulanzien wie Modafinil oder Methylphenidat. Betroffene mit Kataplexien erhalten oft auch ein Antidepressivum wie Clomipramin oder ein SSRI. Ferner besitzt auch das Natriumoxybat-haltige Präparat Xyrem® eine Zulassung zur Behandlung der Narkolepsie mit Kataplexien. Laut S3-Leitlinie »Nicht erholsamer Schlaf/Schlafstörungen« der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin ist Natriumoxybat Mittel der zweiten Wahl bei Tagesschläfrigkeit, aber der ersten Wahl, wenn eine Kombination der Symptome Kataplexie, Tagesschläfrigkeit und gestörter Nachtschlaf vorliegt.

Besonderheiten

Bei der Lagerung von Wakix sind keine besonderen Bedingungen zu berücksichtigen.

Wakix ist verschreibungspflichtig.

Formeln

Pitolisant

Pitolisant

Die dreidimensionale Strukturformel können Sie mit einem kostenlosen Zusatzprogramm aus dem Internet, zum Beispiel Cortona von Parallelgraphics, ansehen (externer Link).

Pitolisant.wrl

Weitere Hinweise

Frauen im gebärfähigen Alter müssen während und mindestens bis zu 21 Tage nach der Behandlung eine zuverlässige Verhütungsmethode anwenden. Da Pitolisant die Wirksamkeit von hormonellen Kontrazeptiva reduzieren kann, müssen sie in diesem Fall eine alternative Verhütungsmethode anwenden.

 

Pitolisant sollte bei Schwangeren nicht zum Einsatz kommen, es sei denn, der mögliche Nutzen überwiegt das potenzielle Risiko für den Fetus. In der Stillzeit ist Pitolisant kontraindiziert.

Packshot

Letzte Aktualisierung: 26.06.2020