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ARZNEISTOFFE

Emicizumab|Hemlibra®|16|2018

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STOFFGRUPPE
16 Antihämorrhagika (Antifibrinolytika und andere Hämostatika)
WIRKSTOFF
Emicizumab
FERTIGARZNEIMITTEL
Hemlibra®
HERSTELLER

Roche Pharma

MARKTEINFÜHRUNG (D)
04/2018
DARREICHUNGSFORM

30 mg/ml Injektionslösung

150 mg/ml Injektionslösung

Indikationen

Hemlibra ist zugelassen als Routineprophylaxe von Blutungsereignissen bei Patienten mit Hämophilie A und Faktor VIII-Hemmkörpern. Es darf bei allen Altersgruppen angewendet werden.

Wirkmechanismus

Emicizumab ist der erste Antikörper in der Therapie der Hämophilie. Emicizumab übernimmt die Funktion von Faktor VIII in der Gerinnungskaskade. Es handelt sich um einen bispezifischen Antikörper. Dieser bindet zunächst mit einer Bindungsstelle an Faktor IXa und im zweiten Schritt an Faktor X. Dadurch werden, wie durch den aktivierten Faktor VIII, beide Faktoren räumlich zusammengebracht, sodass sie miteinander reagieren können. Der aktivierte Faktor Xa entsteht und die Blutgerinnung kann weiter ablaufen, auch in Gegenwart von Inhibitoren, denn die gegen Faktor VIII gebildeten Hemmkörper können Emicizumab nicht angreifen. Zudem wurde bislang keine Antikörperbildung gegen Emicizumab beobachtet.

Anwendungsweise und -hinweise

Die empfohlene Dosis beträgt 3 mg Emicizumab pro kg Körpergewicht einmal wöchentlich in den ersten vier Wochen (Initialdosis), gefolgt von 1,5 mg pro kg Körpergewicht einmal wöchentlich (Erhaltungsdosis). Die lange Halbwertszeit von 28 bis 34 Tagen ermöglicht die wöchentliche Gabe. Im Vergleich zur intravenösen Gabe der Faktorpräparate ist zudem die subkutane Applikation einfacher und für die Patienten weniger belastend.

Nebenwirkungen

Die häufigsten Nebenwirkungen, die nach Behandlung mit mindestens einer Dosis Emicizumab in den beiden Zulassungsstudien beobachtet wurden, waren Reaktionen an der Injektionsstelle (19 Prozent), Kopfschmerzen (15 Prozent) und Arthralgie (10 Prozent).

Kontraindikationen und Vorsichtsmaßnahmen

Bei Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff oder einen der sonstigen Inhaltsstoffe ist das Arzneimittel kontraindiziert.

Studien

Die Zulassung von Emicizumab basiert auf zwei Phase-III-Studien mit Patienten mit Hämophilie A und Inhibitoren im Alter ab 12 Jahren (HAVEN 1) und unter 12 Jahren (HAVEN 2). 53 Patienten in HAVEN 1, die zuvor nach Bedarf mit Bypass-Präparaten behandelt worden waren, wurden randomisiert und erhielten entweder eine Prophylaxe mit Hemlibra oder keine Prophylaxe. Unter Hemlibra reduzierte sich die jährliche Blutungsrate (Annualized Bleeding Rate, ABR) gegenüber der Vergleichsgruppe signifikant um 87 Prozent (2,9 versus 23,3 behandelte Blutungen). Die Reduktion der Ereignisse war für alle untersuchten Blutungstypen, etwa Spontanblutungen und Gelenkblutungen, nachweisbar. Bei 62,9 Prozent der Teilnehmer mit Hemlibra-Prophylaxe traten in einem 24-wöchigen Beobachtungszeitraum keine Blutungsereignisse auf im Gegensatz zu 5,6 Prozent in der Gruppe ohne Prophylaxe.

 

49 Patienten, die zuvor prophylaktisch mit Bypass-Medikamenten behandelt worden waren, erhielten in der Studie fortan eine Prophylaxe mit Emicizumab. Nach der Einstellung auf den Antikörper reduzierte sich im intraindividuellen Patientenvergleich die ABR signifikant um 79 Prozent (3,3 versus 15,7 behandelte Blutungen). In dieser Gruppe blieben 70,8 Prozent der Teilnehmer in einem 24-wöchigen Beobachtungszeitraum ohne Blutungsereignis. Zuvor war das nur bei 12,5 Prozent der Patienten erreicht worden.

 

In die einarmige Studie HAVEN 2 wurden Kinder mit Hämophilie A und Inhibitoren gegen Faktor VIII eingeschlossen, die alle eine Prophylaxe mit Emicizumab erhielten. In einer Zwischenanalyse wurden bei 20 von 23 Kindern (87 Prozent) keine behandelten Blutungen erfasst. Ein intraindividueller Vergleich (n = 13) zeigte zudem, dass Hemlibra bei Kindern, die zuvor mit einem Bypass-Medikament (bedarfsabhängig oder prophylaktisch) behandelt worden waren, die Anzahl behandelter Blutungen um 99 Prozent verringerte.

 

Weitere Studien mit Emicizumab laufen. Auch Hämophilie-A-Patienten ohne Hemmkörperbildung werden mit dem Antikörper behandelt. Positive Ergebnisse vorausgesetzt, könnten über kurz oder lang dann vielleicht alle Betroffenen mit Hemlibra behandelt werden.

 

Ergebnisse aus HAVEN 4 zeigen, dass die monatliche subkutane Injektion von 6 mg/kg ebenso effizient ist wie eine wöchentliche Gabe. Die Gabe einmal pro Monat statt einmal pro Woche steht somit auch in den Startlöchern.

Hintergrundinfos

Bei Hämophilie A ist die Blutgerinnung gestört. Die Ursache liegt in einem fehlenden oder nicht ausreichend funktionellen Gerinnungsfaktor VIII (FVIII). Wichtigstes Therapieziel ist es, Blutungen und deren Folgen zu vermeiden sowie aufgetretene Blutungen zu stillen. Dazu wird Faktor VIII durch intravenöse Injektionen von sogenannten Faktorpräparaten substituiert. Abhängig vom Schweregrad der Erkrankung werden die Patienten entweder akut anlassbezogen oder mit einer prophylaktischen Dauertherapie behandelt.

 

Bei etwa 30 Prozent der Hämophilie-A-Patienten reagiert das Immunsystem mit der Bildung von Hemmkörpern gegen das eingesetzte Faktorpräparat. Diese neutralisieren den injizierten Faktor VIII und behindern dadurch dessen Wirkung. Solange der Titer der gebildeten Inhibitoren niedrig bleibt, lässt sich diese unerwünschte Reaktion durch die Injektion höherer Dosen des Faktorpräparats kompensieren. In vielen Fällen wird jedoch eine Immuntoleranztherapie notwendig oder die Betroffenen sind auf Therapieoptionen mit Bypass-Medikamenten angewiesen. Diese Produkte haben jedoch nur eine geringe Halbwertszeit.

Besonderheiten

Hemlibra ist bei Temperaturen von 2–8 °C (Kühlschrank) zu lagern und darf nicht einfrieren. Die Durchstechflaschen sind außerdem vor Licht geschützt (Umkarton) aufzubewahren.

Hemlibra ist verschreibungspflichtig.

Weitere Hinweise

Frauen, die schwanger werden können, müssen während und mindestens sechs Monate nach Abschluss der Therapie mit Emicizumab eine wirksame Verhütungsmethode anwenden. Während der Schwangerschaft sollte Emicizumab nur verwendet werden, wenn der zu erwartende Nutzen für die Mutter das mögliche Risiko für den Fötus überwiegt. Dabei ist zu berücksichtigen, dass während der Schwangerschaft und nach der Entbindung ein erhöhtes Thromboserisiko besteht.

 

In der Stillzeit muss muss entschieden werden, ob das Stillen unterbrochen oder die Behandlung mit Emicizumab ausgesetzt werden soll. Dabei sind der Nutzen des Stillens für das Kind und der Nutzen der Therapie für die Frau zu berücksichtigen.

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Letzte Aktualisierung: 25.01.2019