Pharmazeutische Zeitung online
ARZNEISTOFFE

Tiotropiumbromid|Spiriva®|28|2002

STOFFGRUPPE
28 Bronchospasmolytika/Antiasthmatika und andere Mittel für den Respirationstrakt
WIRKSTOFF
Tiotropiumbromid
FERTIGARZNEIMITTEL
Spiriva®
HERSTELLER

Boehringer Ingelheim

MARKTEINFÜHRUNG (D)
06/2002
DARREICHUNGSFORM

18 µg Inhalationspulver in Kapseln für den HandiHaler®

2,5µg Inhalationslösung für den Respimat®

Indikationen

Spiriva ist zugelassen zur dauerhaften Bronchodilatation bei Patienten mit chronisch-obstruktiver Lungenerkrankung (COPD).

Wirkmechanismus

Tiotropiumbromid leitet sich strukturell vom Atropin ab und liegt wie Ipratropiumbromid als quaternäres Ammoniumsalz vor. Die beiden Thiophen-Ringe erhöhen die Lipophilie. Tiotropium ist ein lang wirksamer Muskarinrezeptor-Antagonist (auch als Anticholinergikum bezeichnet), der an die Rezeptorsubtypen M1 bis M5 bindet. In der Bronchialmuskulatur besetzt der Wirkstoff reversibel und kompetitiv den Subtyp M3 und blockiert so die bronchokonstriktorischen Effekte von Acetylcholin. Die bronchialerweiternde Reaktion wird etwa 30 Minuten nach Inhalation beobachtet. Tiotropium dissoziiert sehr viel langsamer vom M3-Rezeptor als Ipratropium und Atropin. Darauf wird seine lange Wirkdauer zurückgeführt, die eine einmal tägliche Applikation ermöglicht.

 

Nach Inhalation wirkt das Ammoniumsalz primär lokal in den Bronchien. Die Resorption des verschluckten Anteils aus dem Magen-Darm-Trakt ist gering (10 bis 15 Prozent). Der Wirkstoff wird kaum metabolisiert. Nach inhalativer Gabe werden 14 Prozent der Dosis mit dem Urin ausgeschieden.

Anwendungsweise und -hinweise

Tiotropiumbromid wird mit dem beigefügten HandiHaler® einmal täglich immer zur gleichen Tageszeit inhaliert. Jede Kapsel enthält 18 µg Tiotropium-Ion, aus dem Pulverinhalator werden 10 µg abgegeben.

 

Zur Inhalation aus dem HandiHaler ist ein Atemfluss von  mindestens 20 l/min nötig. In einer kleinen Studie erreichten auch Patienten mit schwerer COPD diese Werte beim Einatmen. Die Mittelwerte lagen bei 26,7 bis 32,7 l/min. Da Handhabung und Reinigung eines Pulverinhalators nicht einfach sind, sollte der Apotheker dies dem Patienten erklären. Außerdem muss dieser wissen, dass Spiriva® kein Notfallmedikament ist und dass das Pulver nicht in die Augen gelangen darf. Bei Augenschmerzen, Sehstörungen oder Anzeichen für ein Glaukom muss der Patient sofort zum Arzt gehen.

Nebenwirkungen

Häufigste Nebenwirkung, bei 16 Prozent der Patienten, war ein trockener Mund.

Kontraindikationen und Vorsichtsmaßnahmen

Bei Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff oder einen der sonstigen Inhaltsstoffe ist das Arzneimittel kontraindiziert.

Studien

Tiotropiumbromid war in klinischen Studien sowohl Placebo als auch Ipratropiumbromid deutlich überlegen. Die bronchodilatierende Wirkung und die Verbesserung der Luftnot blieben ohne Anzeichen einer Toleranzentwicklung über ein Jahr erhalten.

 

In zwei einjährigen placebokontrollierten Studien mit 921 COPD-Patienten verbesserte das Verum signifikant die Lungenfunktion, gemessen am Anstieg des forcierten Ein-Sekunden-Ausatemvolumens (FEV1) und der mittleren FEV1-Werte unmittelbar vor der Applikation, also etwa 24 Stunden nach der letzten Inhalation ("Trough-FEV1-Antwort"). Außerdem litten die Patienten weniger an Atemnot und COPD-Exazerbationen und wiesen in Gesundheitsfragebögen einen besseren allgemeinen Gesundheitsstatus auf.

 

In zwei einjährigen Studien inhalierten die Patienten einmal täglich 18 µg Tiotropiumbromid oder viermal täglich 40 µg Ipratropiumbromid. Tiotropiumbromid erhöhte signifikant den Trough-FEV1-Wert und das maximale Ausatemvolumen (forcierte Vitalkapazität, FVC). Die Wirkung hielt über 24 Stunden an. Die Patienten der Tiotropium-Gruppe hatten weniger akute Verschlechterungen, und es dauerte länger, bis erste Exazerbationen auftraten und die Patienten wegen dieser Komplikation ins Krankenhaus mussten. Außerdem griffen sie etwa viermal seltener zum Notfallmedikament Salbutamol als die Studienteilnehmer unter Ipratropium.

 

Die Ergebnisse der Langzeitstudie UPLIFT (Understanding Potential Long-term Impacts on Function with Tiotropium) belegen, dass eine Therapie mit Tiotropium eine anhaltende signifikante Besserung von Lungenfunktion und Lebensqualität sowie eine signifikante Reduktion von Exazerbationen bewirkt.

 

Die Ergebnisse der Einjahresstudie POET-COPD (Prevention Of Exacerbations with Tiotropium) mit mehr als 7000 Patienten zeigen unter Tiotropium gegenüber Salmeterol eine signifikante Reduktion des Exazerbationsrisikos bei COPD-Patienten. Diese Ergebnisse wurden 2011 im „New England Journal of Medicine“ veröffentlicht.

Besonderheiten

Spiriva HandiHaler ist bei Temperaturen nicht über 25 °C zu lagern und darf nicht einfrieren. Nach dem ersten Öffnen des Blisterstreifens ist dieser noch neun Tage verwendbar. Zwölf Monate nach dem ersten Gebrauch des HandiHalers ist dieser zu entsorgen.

 

Für Spiriva Respimat sind keine besonderen Lagerungsbedingungen einzuhalten. Es darf aber ebenfalls nicht einfrieren. Nach Anbruch ist Spiriva Respimat noch drei Monate verwendbar.

 

Spiriva ist verschreibungspflichtig.

Formeln

Tiotropiumbromid

Tiotropiumbromid

Die dreidimensionale Strukturformel können Sie mit einem kostenlosen Zusatzprogramm aus dem Internet, zum Beispiel Cortona von Parallelgraphics, ansehen (externer Link).

tiotropium.wrl

Links

Nutzenbewertung des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) und die Folgen

www.pharmazeutische-zeitung.de/?id=43173

Weitere Hinweise

Eine Anwendung von Spiriva während der Schwangerschaft sollte sicherheitshalber unterbleiben. In der Stillzeit muss unter Berücksichtigung von Nutzen und Risiken abgewogen werden, ob die Behandlung mit Spiriva, das Stillen oder beides fortgesetzt werden soll.

Letzte Aktualisierung: 22.03.2017