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Bipolare Störungen
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Phasengerecht therapieren

Die bipolare Störung ist eine komplexe Erkrankung, die das Leben der Betroffenen und ihrer Angehörigen erheblich belastet. Eine frühzeitige Diagnose und konsequente Behandlung können den Krankheitsverlauf und die Lebensqualität deutlich verbessern.
AutorKontaktJulia Reiff
AutorKontaktPamela Reißner
Datum 02.07.2026  09:00 Uhr

Medikamentöse Optionen

Die S3-Leitlinie »Diagnostik und Therapie Bipolarer Störungen« (AWMF-Reg.Nr. 038-019; abgelaufen, in Überarbeitung) gibt immer noch eine gute Übersicht über die medikamentöse Therapie (11). Dabei ist die Evidenz für die medikamentöse Therapie der Bipolar-I-Störung deutlich besser als die für die Bipolar-II-Störung. Die therapeutischen Strategien für die Bipolar-II-Störung werden mehrheitlich abgeleitet aus Studien zur unipolaren Depression und zur Bipolar-I-Störung. Ob und inwieweit diese übertragbar sind, wird aktuell intensiv beforscht.

Eine Hypomanie muss nicht medikamentös behandelt werden. Empfohlen wird das Absetzen von potenziell Manie-induzierenden Substanzen, zum Beispiel Antidepressiva, Stimulanzien und Corticosteroiden. Wirksam sind alle Substanzen, die auch zur Therapie der akuten Manie eingesetzt werden (12).

Medikamente in der akuten Manie

In manischen Phasen haben die Patienten häufig keine oder deutlich weniger Krankheitseinsicht als in den anderen Krankheitsphasen und sind nicht bereit oder in der Lage zu einer Psychotherapie. Daher spielt die medikamentöse Therapie hier eine wichtige Rolle.

Die eingesetzten Substanzen stammen – ähnlich wie in der Phasenprophylaxe – nicht aus einer einheitlichen Wirkstoffgruppe (Tabelle). Empfohlen werden in der S3-Leitlinie der AWMF Antikonvulsiva (Valproat und Carbamazepin), Antipsychotika (meist Zweitgenerations-Wirkstoffe und Aripiprazol, auch Haloperidol) sowie Lithium.

Empfehlung AWMF-Leitlinie (abgelaufen) CANMAT-Leitlinie (Stand 2023)
Akute Manie
erste Wahl Antikonvulsiva: Valproat, Carbamazepin
AP, meist der zweiten Generation: Aripiprazol, Olanzapin, Ziprasidon, auch Haloperidol
Lithium
Antikonvulsiva: Valproat
AP: Quetiapin, Asenapin, Aripiprazol, Risperidon, Paliperidon, Cariprazin
Lithium
Kombination: AP plus Lithium oder Valproat
zweite Wahl nur als Eskalation: AP plus Lithium oder Valproat Antikonvulsiva: Carbamazepin
AP: Olanzapin, Ziprasidon, Haloperidol
Kombinationen: Olanzapin plus Lithium oder Valproat, Lithium plus Valproat
dritte Wahl Kombination: Allopurinol plus Lithium oder Valproat
Omega-3-Fettsäuren
Kombination: Clozapin plus Haloperidol
Phasenprophylaxe
erste Wahl Lithium Lithium
AP: Quetiapin, Valproat, Lamotrigin, Asenapin, Aripiprazol
Kombinationen: Quetiapin oder Aripiprazol plus Lithium oder Valproat
zweite und dritte Wahl Quetiapin, Lamotrigin (nur bei BP-II und Rapid Cycling)
Carbamazepin, Valproat, Aripiprazol, Risperidon, Paliperidon, Olanzapin
Kombinationen
AP: Olanzapin, Lurasidon*, Ziprasidon
Depot-Darreichungsformen
Clozapin oder Gabapentin additiv
Kombinationen: Aripiprazol plus Lamotrigin oder Carbamazepin
Depression
erste Wahl Quetiapin Quetiapin, Lithium, Lamotrigin
Kombination: Lurasidon* plus Lithium oder Valproat
Cariprazin oder Lurasidon* additiv
zweite Wahl Valproat, Lumateperon*
SSRI oder Bupropion (beide nur additiv zum Stimmungsstabilisierer)
dritte Wahl Aripiprazol (nur in Kombination)
Tabelle: Medikamentöse Therapien bei bipolarer Störung; AP: Antipsychotikum; CANMAT: Canadian Network for Mood and Anxiety Treatments; *) eingeschränkt verfügbar in Deutschland/Import notwendig

Die Leitlinie des Canadian Network for Mood and Anxiety Treatments (CANMAT, 2023) empfiehlt in erster Wahl Lithium, Quetiapin, Valproat, Asenapin, Aripiprazol und Risperidon (vergleichbar mit der S3-Leitlinie der AWMF). Zusätzlich werden Paliperidon und Cariprazin empfohlen. In erster Wahl empfiehlt die CANMAT-Leitlinie auch Kombitherapien (in der S3-Leitlinie nur als Eskalation), so die Kombination eines Antipsychotikums mit Lithium oder Valproat (11, 13). Bei den Empfehlungen in der CANMAT-Leitlinie ist immer der Zulassungsstatus in Deutschland zu berücksichtigen.

Olanzapin, Carbamazepin, Ziprasidon und Haloperidol finden sich in der S3-Leitlinie der AWMF noch als erste Wahl, aber in der CANMAT-Leitlinie nur noch als zweite Wahl. Dies gilt auch für Olanzapin plus Lithium oder Valproat sowie für Lithium plus Valproat.

Mittel dritter Wahl laut CANMAT sind unter anderem Clozapin und Kombinationen mit Haloperidol; diese Optionen finden sich in der S3-Leitlinie der AWMF nicht. Allopurinol findet man in der AWMF-Leitlinie in Kombination mit Lithium oder Valproat; es wird in der CANMAT-Leitlinie nicht mehr empfohlen. Gleiches gilt für Omega-3-Fettsäuren.

Die Evidenz für Kombinationstherapien ist noch gering im Vergleich zu Monotherapien, aber sie werden in der Praxis häufiger eingesetzt. Kombinationen sind bei vergleichbarer Verträglichkeit effizienter als eine Monotherapie (14). Lithium hat bei akuten Manien eine längere Latenzzeit bis zum Wirkeintritt, sodass es häufig in den ersten Tagen oder Wochen mit einem Antipsychotikum kombiniert wird.

Zu beachten sind insbesondere Interaktionen (cave Carbamazepin) und additive Nebenwirkungen wie Gewichtszunahme unter Valproat, Olanzapin, Quetiapin und Lithium.

Lithium hat neben der stimmungsstabilisierenden Wirkung zusätzlich einen gut belegten antisuizidalen Effekt. Seine nephrotoxische Nebenwirkung wird immer wieder kritisch diskutiert. Jedoch kann eine unter Lithium reduzierte Nierenfunktion beim Absetzen wieder aufs Ausgangsniveau zurückkehren. Eingeschränkt ist dies jedoch bei einer chronischen Nierenfunktionsstörung.

Risikofaktoren für Nierenschäden sind ein erhöhter Blutdruck, höheres Alter sowie eine Langzeittherapie mit Lithium (17). Umso wichtiger ist die Früherkennung von Nierenschäden vor Auftreten einer chronischen Störung. Lithium muss auch bei einer eingetretenen (chronischen) Nierenfunktionsstörung nicht zwingend abgesetzt werden; entscheidend sind die Risiko-Nutzen-Abwägung sowie eine enge Abstimmung zwischen Psychiater und Nephrologen (18).

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