Antriebssteigerung, distanzloses oder risikoreiches Verhalten sowie Selbstüberschätzung können Symptome einer manischen Phase der bipolaren Störung sein, während es in depressiven Episoden zu niedergeschlagener Stimmung, Antriebslosigkeit, Interessenverlust, Hoffnungslosigkeit, Schuld- und Insuffizienzerleben sowie Suizidgedanken kommen kann. / © Shutterstock/My Ocean Production
Die bipolare Störung ist eine schwere, chronische und rezidivierende affektive Erkrankung. Sie führt zu Störungen von Stimmung, Antrieb, Denken, Schlaf, Leistungsfähigkeit sowie Verhalten und ist charakterisiert durch wiederkehrende biphasische Episoden von Manie oder Hypomanie und Depression.
Man unterscheidet die Bipolar-I- von der Bipolar-II-Störung (1). Eine Bipolar-I-Störung liegt vor, wenn mindestens eine ausgeprägte manische Episode auftritt. Die Manien verlaufen oft schwer und sind behandlungsbedürftig. Häufig sind zusätzlich depressive Episoden.
Bei der Bipolar-II-Störung liegen Hypomanien mit leichteren und weniger auffälligen Symptomen, aber keine Manie vor. Diese Form wird häufig übersehen oder bei wiederkehrenden Depressionen als (unipolare) Depression fehlinterpretiert.
Die Prävalenz der Bipolar-I-Störung beträgt etwa 1 Prozent der Bevölkerung, der Bipolar-II-Störung 1 bis 2 Prozent und des Gesamtspektrums bipolarer Erkrankungen bis zu 5 Prozent. Die Erstmanifestation beginnt meist im Jugend- oder frühen Erwachsenenalter; es gibt Erkrankungspeaks im Alter von 15 bis 24 und von 45 bis 54 Jahren. Manien mit spätem Krankheitsbeginn sind assoziiert mit höherer psychiatrischer und somatischer Komorbidität wie Suizidalität und vaskulären Erkrankungen (2).
Eine manische Episode ist geprägt durch eine deutlich gehobene oder gereizte Stimmung sowie gesteigerte Aktivität. Typisch sind eine ausgeprägte Antriebssteigerung, Rededrang (Logorrhoe), Ideenflucht, distanzloses Verhalten, Selbstüberschätzung mit Größenideen und Risikoverhalten wie exzessive Geldausgaben sowie sexuelle Enthemmung.
Schlafstörungen sind ein zentrales Symptom. Betroffene haben in der Regel ein stark vermindertes Schlafbedürfnis und benötigen nur zwei bis drei Stunden Schlaf. Schlafmangel kann eine Episode verstärken oder auslösen.
Im Gegensatz dazu erleben die Patienten depressive Episoden mit niedergeschlagener Stimmung, Antriebslosigkeit, Interessenverlust, Hoffnungslosigkeit, Schuld- und Insuffizienzerleben sowie Suizidgedanken. Meist bestehen Ein- und Durchschlafstörungen, Früherwachen und ein vermehrtes Schlafbedürfnis (3).
Den Übergang von einer depressiven in eine manische Phase bezeichnet man als Switch. Dieser kann spontan auftreten oder (wie im Fallbeispiel) durch Antidepressiva ausgelöst werden. Frühe Warnzeichen, die auf einen Switch hindeuten, sind steigende Aktivität, vermindertes Schlafbedürfnis mit verkürzter Schlafdauer und zunehmende Reizbarkeit. Fehldiagnosen oder eine falsche Therapie, zum Beispiel eine antidepressive Monotherapie ohne Phasenprophylaxe können diesen Wechsel begünstigen.

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Ein 36-jähriger Mann wurde von Polizei und Rettungsdienst vorgestellt und aufgrund von aufgehobener Steuerungsfähigkeit und Eigengefährdung auf die beschützte Station aufgenommen. Er hatte geäußert, ein Auserwählter zu sein und über das Wasser gehen zu können.
Er redete ununterbrochen und sprang gedanklich so schnell von einem Thema zum anderen, dass der Sinnzusammenhang nicht mehr zu erfassen war. Er war massiv antriebsgesteigert, impulsiv, rastlos und psychomotorisch unruhig. Auf Fragen reagierte er gereizt, herablassend, brach dann unvermittelt in Lachen aus. Im Kontakt war er grenzüberschreitend, distanzgemindert und sexualisierend.
Seine Mutter berichtete, dass er in Vorbereitung auf das Abitur eine depressive Anpassungsstörung gehabt habe. Diese sei nach Beratungsgesprächen mit dem Schul-psychologen abgeklungen. Mit Mitte 20 sei er aufgrund einer leichten bis mittelschweren Depression nach einer Trennung über sechs Monate in psychotherapeutischer Behandlung gewesen. Vor ungefähr vier Wochen sei er recht plötzlich ohne erkennbaren Auslöser sehr depressiv geworden und habe sich komplett zurückgezogen. Da ihm seine Berufstätigkeit zunehmend schwerfiel, ging er letzte Woche zum Hausarzt, der eine rezidivierende depressive Störung festgestellt und eine Therapie mit 10 mg Citalopram eingeleitet habe. Diese habe der Patient auf 20 mg gesteigert. Zudem habe der Arzt ihn zur tagesklinischen Behandlung angemeldet.
Die Ätiologie der bipolaren Störung ist multifaktoriell. Zu den Risikofaktoren gehören genetische Faktoren mit einer hohen Erblichkeit von etwa 60 bis 80 Prozent, Stress und Lebensereignisse als Trigger für Episoden, Schlaf-Wach-Rhythmusstörungen und Substanzkonsum, zum Beispiel von Alkohol und Drogen. In der Bildgebung des Gehirns wurden auch strukturelle, funktionelle und neurobiologische Veränderungen wie die Dysregulation von Neurotransmittern festgestellt (4, 5).
Das Risiko für eine bipolare Störung ist assoziiert mit einer positiven Familienanamnese für diese Störung, Substanzmissbrauch und Angststörungen. Studien zeigen ein gemeinsames genetisches Risiko von bipolaren Störungen mit Schizophrenie und Autismus (6).
Die bipolare Störung kann episodisch verlaufen (klare Phasen mit symptomfreien Intervallen) oder chronisch mit anhaltenden Symptomen ohne vollständige Remission. Von Rapid Cycling spricht man, wenn der Patient vier oder mehr Episoden pro Jahr durchlebt.
Die Erkrankung hat einen progredienten Verlauf mit Auswirkungen auf das Funktionsniveau sowie kognitive und medizinische Folgen. Beschrieben sind auch vorzeitige Hirnalterung und ein erhöhtes Demenzrisiko (7, 8).
Die Prognose kann sehr unterschiedlich sein. Günstig wirken sich frühe Diagnose, gute Therapieadhärenz und stabile Lebensumstände aus. Dagegen werden häufige Episoden, späte Diagnose und Substanzmissbrauch als ungünstig erachtet. Die Patienten haben ein deutlich erhöhtes Suizidrisiko, erleben soziale und berufliche Beeinträchtigungen und können erhebliche finanzielle und rechtliche Probleme während manischer Phasen bekommen.
Wird die Diagnose einer bipolaren Störung frühzeitig gestellt, kann sich dies günstig auf die Prognose auswirken. / © Shutterstock/Microgen
Sehr oft leiden sie an weiteren psychiatrischen und körperlichen Erkrankungen. Die Symptomüberlappung, beispielsweise mit unipolarer Depression, Angst- und Persönlichkeitsstörungen, Substanzabhängigkeit oder ADHS, kann Diagnose und Therapie der Bipolarität signifikant erschweren.
Besonders schwierig ist die Diagnose bei Jugendlichen und eine Abgrenzung zur Pubertät. Stimmungsschwankungen sind in der Pubertät normal und auch Impulsivität und Risikoverhalten können entwicklungsbedingt auftreten. Eine Hypomanie wird dann oft als »gute Phase« fehlinterpretiert. Wichtig zur Unterscheidung sind Ausmaß und Dauer der Symptome, deutliche Funktionsbeeinträchtigungen, episodischer Verlauf sowie vermindertes Schlafbedürfnis ohne Müdigkeit.
Problematisch sind die Verwechslung mit einer unipolaren Depression, eine späte Diagnose erst nach mehreren Episoden und die Untererfassung von Hypomanien (9, 10).
Die S3-Leitlinie »Diagnostik und Therapie Bipolarer Störungen« (AWMF-Reg.Nr. 038-019; abgelaufen, in Überarbeitung) gibt immer noch eine gute Übersicht über die medikamentöse Therapie (11). Dabei ist die Evidenz für die medikamentöse Therapie der Bipolar-I-Störung deutlich besser als die für die Bipolar-II-Störung. Die therapeutischen Strategien für die Bipolar-II-Störung werden mehrheitlich abgeleitet aus Studien zur unipolaren Depression und zur Bipolar-I-Störung. Ob und inwieweit diese übertragbar sind, wird aktuell intensiv beforscht.
Eine Hypomanie muss nicht medikamentös behandelt werden. Empfohlen wird das Absetzen von potenziell Manie-induzierenden Substanzen, zum Beispiel Antidepressiva, Stimulanzien und Corticosteroiden. Wirksam sind alle Substanzen, die auch zur Therapie der akuten Manie eingesetzt werden (12).
In manischen Phasen haben die Patienten häufig keine oder deutlich weniger Krankheitseinsicht als in den anderen Krankheitsphasen und sind nicht bereit oder in der Lage zu einer Psychotherapie. Daher spielt die medikamentöse Therapie hier eine wichtige Rolle.
Die eingesetzten Substanzen stammen – ähnlich wie in der Phasenprophylaxe – nicht aus einer einheitlichen Wirkstoffgruppe (Tabelle). Empfohlen werden in der S3-Leitlinie der AWMF Antikonvulsiva (Valproat und Carbamazepin), Antipsychotika (meist Zweitgenerations-Wirkstoffe und Aripiprazol, auch Haloperidol) sowie Lithium.
| Empfehlung | AWMF-Leitlinie (abgelaufen) | CANMAT-Leitlinie (Stand 2023) |
|---|---|---|
| Akute Manie | ||
| erste Wahl | Antikonvulsiva: Valproat, CarbamazepinAP, meist der zweiten Generation: Aripiprazol, Olanzapin, Ziprasidon, auch HaloperidolLithium | Antikonvulsiva: ValproatAP: Quetiapin, Asenapin, Aripiprazol, Risperidon, Paliperidon, CariprazinLithiumKombination: AP plus Lithium oder Valproat |
| zweite Wahl | nur als Eskalation: AP plus Lithium oder Valproat | Antikonvulsiva: CarbamazepinAP: Olanzapin, Ziprasidon, HaloperidolKombinationen: Olanzapin plus Lithium oder Valproat, Lithium plus Valproat |
| dritte Wahl | Kombination: Allopurinol plus Lithium oder ValproatOmega-3-Fettsäuren | Kombination: Clozapin plus Haloperidol |
| Phasenprophylaxe | ||
| erste Wahl | Lithium | LithiumAP: Quetiapin, Valproat, Lamotrigin, Asenapin, AripiprazolKombinationen: Quetiapin oder Aripiprazol plus Lithium oder Valproat |
| zweite und dritte Wahl | Quetiapin, Lamotrigin (nur bei BP-II und Rapid Cycling)Carbamazepin, Valproat, Aripiprazol, Risperidon, Paliperidon, OlanzapinKombinationen | AP: Olanzapin, Lurasidon*, ZiprasidonDepot-DarreichungsformenClozapin oder Gabapentin additivKombinationen: Aripiprazol plus Lamotrigin oder Carbamazepin |
| Depression | ||
| erste Wahl | Quetiapin | Quetiapin, Lithium, LamotriginKombination: Lurasidon* plus Lithium oder ValproatCariprazin oder Lurasidon* additiv |
| zweite Wahl | Valproat, Lumateperon*SSRI oder Bupropion (beide nur additiv zum Stimmungsstabilisierer) | |
| dritte Wahl | Aripiprazol (nur in Kombination) |
Die Leitlinie des Canadian Network for Mood and Anxiety Treatments (CANMAT, 2023) empfiehlt in erster Wahl Lithium, Quetiapin, Valproat, Asenapin, Aripiprazol und Risperidon (vergleichbar mit der S3-Leitlinie der AWMF). Zusätzlich werden Paliperidon und Cariprazin empfohlen. In erster Wahl empfiehlt die CANMAT-Leitlinie auch Kombitherapien (in der S3-Leitlinie nur als Eskalation), so die Kombination eines Antipsychotikums mit Lithium oder Valproat (11, 13). Bei den Empfehlungen in der CANMAT-Leitlinie ist immer der Zulassungsstatus in Deutschland zu berücksichtigen.
Olanzapin, Carbamazepin, Ziprasidon und Haloperidol finden sich in der S3-Leitlinie der AWMF noch als erste Wahl, aber in der CANMAT-Leitlinie nur noch als zweite Wahl. Dies gilt auch für Olanzapin plus Lithium oder Valproat sowie für Lithium plus Valproat.
Mittel dritter Wahl laut CANMAT sind unter anderem Clozapin und Kombinationen mit Haloperidol; diese Optionen finden sich in der S3-Leitlinie der AWMF nicht. Allopurinol findet man in der AWMF-Leitlinie in Kombination mit Lithium oder Valproat; es wird in der CANMAT-Leitlinie nicht mehr empfohlen. Gleiches gilt für Omega-3-Fettsäuren.
Die Evidenz für Kombinationstherapien ist noch gering im Vergleich zu Monotherapien, aber sie werden in der Praxis häufiger eingesetzt. Kombinationen sind bei vergleichbarer Verträglichkeit effizienter als eine Monotherapie (14). Lithium hat bei akuten Manien eine längere Latenzzeit bis zum Wirkeintritt, sodass es häufig in den ersten Tagen oder Wochen mit einem Antipsychotikum kombiniert wird.
Zu beachten sind insbesondere Interaktionen (cave Carbamazepin) und additive Nebenwirkungen wie Gewichtszunahme unter Valproat, Olanzapin, Quetiapin und Lithium.

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Als Mittel der ersten Wahl wird bei unserem Patienten zunächst Citalopram ab- und Lithium plus Risperidon angesetzt. Valproat wird kritisch gesehen aufgrund eines potenziellen Risikos für neurologische Entwicklungsstörungen bei ungeborenen Kindern (Rote-Hand-Brief des BfArM vom 19. Februar 2024) (15). Olanzapin lehnt der Patient wegen einer möglichen Gewichtszunahme ab. Innerhalb kurzer Zeit respondiert er. Ein EKG zeigt normwertige Überleitungszeiten.
Die Blutspiegel von Lithium werden in der Akutphase zunächst auf einen Wert zwischen 0,8 und 1,2 µg/l eingestellt. Perspektivisch soll er nach Remission Lithium als Monotherapie weiterbekommen, eingestellt auf Blutspiegel zwischen 0,6 und 0,8 µg/l (16).
Im Verlauf steigt der Prolaktin-Wert deutlich an, vermutlich verursacht durch Risperidon. Begleitend entwickelt der Patient eine sexuelle Dysfunktion. Da er remittiert ist, wird Risperidon abgesetzt. Der Patient erhält nun Lithium als Monotherapie mit Blutspiegeln zwischen 0,6 und 0,8 µg/l (16). Darunter ist er für längere Zeit in Remission. Der Prolaktin-Wert liegt nach Absetzen von Risperidon bei der Kontrolle im Normbereich. Es besteht keine sexuelle Dysfunktion mehr.
Lithium hat neben der stimmungsstabilisierenden Wirkung zusätzlich einen gut belegten antisuizidalen Effekt. Seine nephrotoxische Nebenwirkung wird immer wieder kritisch diskutiert. Jedoch kann eine unter Lithium reduzierte Nierenfunktion beim Absetzen wieder aufs Ausgangsniveau zurückkehren. Eingeschränkt ist dies jedoch bei einer chronischen Nierenfunktionsstörung.
Risikofaktoren für Nierenschäden sind ein erhöhter Blutdruck, höheres Alter sowie eine Langzeittherapie mit Lithium (17). Umso wichtiger ist die Früherkennung von Nierenschäden vor Auftreten einer chronischen Störung. Lithium muss auch bei einer eingetretenen (chronischen) Nierenfunktionsstörung nicht zwingend abgesetzt werden; entscheidend sind die Risiko-Nutzen-Abwägung sowie eine enge Abstimmung zwischen Psychiater und Nephrologen (18).
Schon in der akuten Phase sollte die Phasenprophylaxe perspektivisch mitgedacht werden. Einige Substanzen, die in der Phasenprophylaxe eingesetzt werden, sind nur zugelassen, wenn sie in der Akutphase Wirkung zeigten (Tabelle).
In der Regel werden sogenannte Stimmungsstabilisatoren eingesetzt. Dazu zählen Lithium, Antipsychotika der zweiten Generation und Partialagonisten sowie einige Antikonvulsiva. Aufgrund der Heterogenität der Substanzen kann kein allgemeingültiger Wirkmechanismus beschrieben werden.
Leitliniengerecht wird primär Lithium empfohlen (S3-Leitlinie der AWMF), mit geringerem Empfehlungsgrad auch Quetiapin oder Lamotrigin (nur bei BP-II und Rapid Cycling). Ebenfalls geringere Empfehlungsgrade haben Carbamazepin, Valproat, Aripiprazol, Risperidon, Paliperidon und Olanzapin (bei teilweise fehlender Zulassung). Auch für Kombinationstherapien gibt es nur einen geringen Empfehlungsgrad.
Über Lithium und Quetiapin hinaus empfiehlt die CANMAT-Leitlinie den Einsatz von Valproat als Mittel erster Wahl, ebenso wie Lamotrigin, Asenapin, Aripiprazol und Quetiapin oder Aripiprazol plus Lithium oder Valproat. In zweiter und dritter Wahl werden Olanzapin, Depot-Darreichungsformen, Clozapin oder Gabapentin additiv, Lurasidon, Ziprasidon, Aripiprazol plus Lamotrigin oder Carbamazepin empfohlen. Hier ist immer der Zulassungsstatus in Deutschland zu berücksichtigen.
Die Depression bei bipolarer Störung wird medikamentös anders behandelt als eine unipolare Depression. / © Shutterstock/VH-studio
Für die bipolare Depression ist Quetiapin die einzige Substanz mit hoher Evidenz und hoher Empfehlungsstärke (9). Die CANMAT-Leitlinie erwähnt darüber hinaus als Mittel erster Wahl auch Lurasidon plus Lithium oder Valproat, Lithium, Lamotrigin, Cariprazin oder Lurasidon additiv. Als zweite Wahl werden Valproat, Lumateperon, SSRI oder Bupropion (beide nur additiv zum Stimmungsstabilisierer) erwähnt. Aripiprazol wird nur als Mittel dritter Wahl erachtet und sollte nur in Kombination eingesetzt werden.
Auch die Kombination Olanzapin plus Fluoxetin wurde positiv bewertet, wobei der Einsatz von Antidepressiva (ohne phasenprophylaktische Substanz in Kombination) immer kritisch zu bewerten ist (19). Es ist immer der Zulassungsstatus in Deutschland zu berücksichtigen.
Evidenzbasierte Strategien für die Therapie der behandlungsresistenten bipolaren Depression (TRBD) gibt es aktuell noch nicht.
Kürzlich hat die International Society for Bipolar Disorders die TRBD definiert als das Ausbleiben eines signifikanten und anhaltenden klinischen Ansprechens nach mindestens zwei zugelassenen und angemessen dosierten pharmakologischen Behandlungen, die über einen ausreichenden Zeitraum unter Einhaltung der Behandlungsvorschriften verabreicht wurden (Definition analog zur therapieresistenten unipolaren Depression) (20). Als therapeutische Optionen werden vor allem Kombinationen genannt, zum Beispiel Lithium plus Lamotrigin, aber auch andere Antikonvulsiva und Antipsychotika. Die Evidenz für andere Kombinationen ist begrenzt, kann aber in Einzelfällen sinnvoll sein; Beispiele sind Pramipexol, Modafinil, N-Acetylcystein, Omega-3-Fettsäuren und L-Thyroxin (20, 21).
Wenn Patienten unzureichend auf die Standardtherapien ansprechen, ohne dass die Kriterien der TRBD erfüllt sind, können Lithium, Levothyroxin oder Quetiapin eingesetzt werden (EMA). Die FDA hat zusätzlich auch Aripiprazol, Brexpiprazol und Cariprazin vorgesehen.
Der Einsatz von Psilocybin und (Es-)Ketamin sowie Brexpiprazol verspricht Erfolge, scheinbar ohne Induktion manischer Phasen (20). Für deren routinemäßigen Einsatz ist die Evidenz jedoch noch unzureichend.
Ketamin parenteral und Esketamin nasal scheinen bei bipolarer Störung mit einer Verbesserung des Outcomes einherzugehen (22, 23) und – ähnlich wie Lithium – suizidpräventiv zu wirken (24). Der Einsatz erfolgt off Label, denn Esketamin ist nur bei der therapieresistenten unipolaren Depression zugelassen. Laut Studien geht die Gabe vermutlich nicht mit einer vermehrten Induktion manischer Phasen einher (20). Aufgrund der fehlenden Zulassung ist es empfehlenswert, die Kostenübernahme vor Therapiestart bei der Krankenkasse zu beantragen.

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Nach zehn Monaten stellt sich der Patient erneut vor mit einer schweren depressiven Episode. Da Lithium (Blutspiegelwerte 0,65 µg/l) unzureichend auf die depressive Symptomatik gewirkt hat, bekommt er zusätzlich abends Quetiapin, Zieldosis 200 mg retard. Da der Patient suizidale Tendenzen zeigt, wird Lithium geringfügig aufdosiert in einen Blutspiegelbereich von 0,8 µg/l.
Der Patient respondiert, allerdings erst nach einer Dosiserhöhung von Quetiapin auf 300 mg retard abends. Aufgrund eines Gewichtsanstiegs von mehr als 3 Prozent des aktuellen Körpergewichts besteht der Patient auf einer Umstellung. Gewählt wird das gewichtsneutrale Lamotrigin, das aufgrund des hohen Risikos für Hautreaktionen langsam eindosiert werden muss. Diese nach S3-Leitlinie nicht mehr leitliniengerechte Therapie stützt sich auf die Angaben der CANMAT-Leitlinie, also die Kombination von zwei Substanzen erster und zweiter Wahl.
Aufgrund des nicht zureichenden Ansprechens wird ein SSRI (Sertralin) verordnet. Auch bei ausreichenden Blutspiegeln im oberen Bereich respondiert der Patient nur mäßig. Basierend auf den internationalen Leitlinien und neueren Studienergebnissen wird die Therapie mit Esketamin erwogen. Da die Krankenkasse die Kosten für die Off-Label-Behandlung ablehnt, entfällt diese Option.
Gemeinsam mit dem Patienten wird entschieden, wieder auf Quetiapin einzustellen (300 mg retard abends). Bei erneuter starker Gewichtszunahme könnte Metformin verordnet werden, wie es in der S3-Leitlinie Schizophrenie (2025) bei Gabe von gewichtsrelevanten Substanzen und Gewichtszunahme von mehr als 3 Prozent als Option empfohlen wird (25).
Beim Rapid Cycling erleiden die Patienten mindestens vier Akutphasen im Jahr – eine hohe Belastung für alle Betroffenen. Die Evidenz für eine optimale Therapie ist noch unzureichend.
Hinweise auf eine Wirksamkeit gibt es für Aripiprazol, Olanzapin und Valproat (akute manische oder gemischte Episoden), für Quetiapin (akute depressive Episoden) sowie für Aripiprazol und Lamotrigin (Phasenprophylaxe) (26). Neuere Studien zeigen einen Effekt von Aripiprazol und Levothyroxin bei refraktärem Rapid Cycling (27).
Auch in Remission ist die Schlafqualität oft beeinträchtigt. Unzureichender Schlaf (Qualität und Quantität) erhöht jedoch das Risiko für ein Rezidiv. Maßnahmen zur Verbesserung des Schlafs sind damit wesentlicher Bestandteil der langfristigen Behandlung.
Häufig ist bei den Patienten die circadiane Rhythmik gestört. Die aktuelle Evidenz lässt noch keine Aussage zu, ob Lithium oder stabilisierende Antikonvulsiva die circadiane Rhythmik positiv beeinflussen.
Melatonin scheint vielversprechend zu sein (28); für einen routinemäßigen Einsatz ist die Evidenz jedoch noch unzureichend.
Vor Beginn einer Pharmakotherapie sind Laboruntersuchungen und diagnostische Abklärungen notwendig. Hierzu gehört die Erfassung von möglichen Kontraindikationen und Parametern wie Alter, Gewicht und persönliche Vorlieben, die für die Auswahl einer Substanz notwendig sind. Substanzabhängig können weitere Maßnahmen notwendig sein wie die Erfassung von Nieren- und Schilddrüsenwerten vor der Verordnung von Lithium.
Schwangerschaftswunsch (cave Antikonvulsiva, Ausnahme Lamotrigin) und zyklusbedingte Schwankungen können die Therapie beeinflussen (29).
Das Monitoring während einer Pharmakotherapie richtet sich in der Regel nach der verordneten Substanz. Beim Einsatz von Olanzapin, Quetiapin, Lithium und Valproat ist beispielsweise ein Monitoring von Gewicht, Insulinresistenz, Blutzucker und Lipidprofil nötig. Kardiovaskuläre Parameter und das Blutbild werden in der Regel ebenso erfasst wie endokrinologische Werte, insbesondere Prolaktin bei Risperidon (35).
Interaktionen mit Psychopharmaka, aber auch somatischer Medikation sind zu beachten, zum Beispiel die CYP3A4-Induktion durch Metamizol bei Gabe von Aripiprazol oder Quetiapin. Nieren- und Schilddrüsenfunktion müssen bei Lithium besonders berücksichtigt werden. Zur Erfassung weiterer Nebenwirkungen sowie der Adhärenz dienen unter anderem Blutspiegelmessungen.
Nicht medikamentöse Maßnahmen sind sehr hilfreich, reichen aber vor allem bei schweren Verläufen meist nicht aus. Die beste Wirkung erzielt oft eine Kombination aus Medikamenten, Psychotherapie und Lebensstilmaßnahmen.
Entscheidend ist, die Therapie an die aktuelle Phase der bipolaren Störung anzupassen: Was in einer Depression hilft, kann in einer Manie wirkungslos oder sogar kontraproduktiv sein.
In der manischen Phase lauten die Therapieziele: beruhigen, Reize reduzieren und Eskalation verhindern. Schlafhygiene mit ausreichend Schlaf und regelmäßigem Schlaf-Wach-Rhythmus ist äußerst wichtig, da Schlafmangel manische Episoden auslösen kann. Aktivierende Methoden sollten eher vermieden werden. Am wichtigsten sind eine feste Tagesstruktur, Reizabschirmung mit wenig Stimulation sowie Reduktion von Stress und sozialen Konflikten.
Da Schlafmangel manische Episoden auslösen kann, gehört eine gute Schlafhygiene zu den wichtigsten nicht medikamentösen Therapiemaßnahmen. / © Shutterstock/Ground Picture
Zu den am besten untersuchten Maßnahmen gehört die Psychoedukation, die nachweislich die Rückfallraten senkt und Krankheitsverständnis und Früherkennung verbessert. Sie wird in fast allen Leitlinien standardmäßig empfohlen.
Psychoedukation vermittelt Wissen über die Erkrankung und fördert Therapietreue und Selbstmanagement. Sie hilft unterstützend vor allem präventiv vor oder früh in der Manie, um Frühwarnzeichen zu erkennen. Beim Vollbild der Manie ist sie allerdings bei fehlender Krankheitseinsicht oft nur eingeschränkt möglich und wirksam (30).
Auch die kognitive Verhaltenstherapie (KVT) ist in der akuten Manie meist wenig effektiv und eher nach Abklingen zur Rückfallprophylaxe sinnvoll. Dagegen ist die KVT sehr wirksam in depressiven Phasen. Dann heißt das Ziel: aktivieren, Stimmung stabilisieren, Grübeln reduzieren. Die KVT hat das Ziel, Frühwarnzeichen von depressiven und manischen Phasen besser wahrzunehmen und Strategien zur Rückfallprophylaxe zu entwickeln. Besonders sinnvoll ist sie in stabilen Phasen, um negative Denkmuster zu erkennen und zu verändern.
Die interpersonelle und soziale Rhythmustherapie (IPSRT) ist direkt auf typische Trigger der Erkrankung zugeschnitten. Sie zeigt eine gute Evidenz für eine Stabilisierung des Schlaf-Wach-Rhythmus und fokussiert auf stabile Tagesrhythmen (Schlaf, Essen, Aktivitäten) sowie die Verlängerung symptomfreier Phasen. Sie gilt als eine der spezifischsten Therapien für Menschen mit Bipolarität (31).
Bewegung hat einen nachgewiesenen antidepressiven Effekt und ist besonders hilfreich bei Antriebsmangel. Eine Lichttherapie kann bei depressiven Episoden helfen, darf aufgrund eines Manie-Risikos aber nur vorsichtig eingesetzt werden.
Stressmanagement mit Techniken wie Meditation, Achtsamkeit oder Yoga ist wichtig, da Stress ein häufiger Auslöser für Episoden ist. Ergänzend können achtsamkeitsbasierte Verfahren Grübeln und depressive Symptome reduzieren und die Emotionsregulation verbessern. Die Evidenz wächst, aber ist weniger stark als bei der KVT.
Eine Familientherapie bezieht Angehörige ein, verbessert die Kommunikation und das Verständnis, reduziert Rückfälle und Krankenhausaufenthalte und ist besonders wirksam bei hoher familiärer Belastung.
Die folgenden Punkte können in der Beratung sowie bei der Medikationsanalyse in der Apotheke eine besondere Rolle spielen (Auswahl).
▶ Lithium
Apotheker sollten nach regelmäßigen Kontrollen der Nierenfunktion fragen, insbesondere bei Älteren und Patienten mit komorbider Hypertension.
In Kombination mit Schilddrüsenhormonen wie Levothyroxin muss abgeklärt werden, ob die Schilddrüsenveränderung eine Nebenwirkung von Lithium ist.
Die Kombination mit Elektrolyt-verschiebenden Wirkstoffen, zum Beispiel Diuretika, ACE-Hemmern oder Sartanen, kann kritisch sein. Bei Kombination sollte regelmäßig eine Blutspiegelkontrolle erfolgen, insbesondere bei Dosisänderungen.
Wirkstoffe, die die Nierendurchblutung reduzieren, können zur Lithium-Intoxikation führen. Hier ist – insbesondere in der Selbstmedikation mit NSAR – eine strenge Nutzen-Risiko-Abwägung zu treffen.
Bei Veränderungen der Homöostase (Erbrechen, Durchfall, verstärktes Schwitzen) kann eine Lithium-Intoxikation auftreten. Der Patient muss Warnzeichen wie Tremor oder Verwirrtheit kennen.
▶ Antipsychotika
Eine patientenzentrierte klinisch-pharmazeutische Beratung fördert das Vertrauen und die Therapietreue der Patienten. / © Shutterstock/Inside Creative House
Die Beratung richtet sich nach der Substanz. Bei Aripiprazol und Cariprazin ist eine morgendliche Einnahme zu empfehlen. Olanzapin und Quetiapin sollten abends eingenommen werden. Bei Einnahme von Quetiapin retard muss der Patient ausreichend Abstand zur Nahrungsaufnahme halten (mindestens eine Stunde). Zudem sollte er wissen, dass die Retardtablette im Ganzen im Stuhl ausgeschieden wird.
Hinsichtlich Nebenwirkungen sollten Apotheker die Patienten über eine mögliche Sedierung bei Olanzapin und Quetiapin sowie über eine mögliche Gewichtszunahme (Selbstmessung sinnvoll) aufklären. Bei Aripiprazol und Cariprazin kann Agitiertheit auftreten. Belastet diese den Patienten, sollte er sich an den verordnenden Arzt wenden. In der Regel wird bei Neuverordnung und im Verlauf der Therapie eine mögliche QTc-Verlängerung über ein EKG-Monitoring überwacht.
▶ Antikonvulsiva
Neben einer Sedierung unter Carbamazepin und eventuell unter Valproat sollte auf die Hautreaktionen unter Lamotrigin hingewiesen werden. Bei Veränderungen an der Haut sollte der Patient umgehend seinen Arzt konsultieren. Bei Valproat sind Maßnahmen hinsichtlich Teratogenität essenziell (siehe Blaue-Hand-Materialien des BfArM) (15).
▶ Vorsicht Switch-Gefahr
Präventiv können Apotheker in einer Medikationsanalyse zudem Substanzen identifizieren, die einen Switch auslösen könnten. Dazu gehören Wirkstoffe wie Antidepressiva (bei fehlender Kombination mit Stimmungsstabilisierern), Stimulanzien oder (systemische) Corticosteroide.
Patienten mit bipolarer Störung zeigen eine hohe Rate an Non-Adhärenz (32). Dies gilt insbesondere in manischen Phasen. Schwankende oder unzureichende Blutspiegel sind mit einem höheren Risiko für Rezidive verbunden.
Daher ist die klinisch-pharmazeutische Beratung zur Adhärenz besonders wichtig. Zum Beispiel kann für Stammkunden ein Reichweiten-Monitoring etabliert werden. Bei Medikationsanalysen können Apotheker darauf achten, dass die Tablettenanzahl so gering wie möglich ist und Einnahmezeitpunkte auf ein Minimum reduziert werden (33, 36).
Adhärenzfördernd sind auch Depot-Darreichungsformen für Antipsychotika. Damit können bessere Therapieergebnisse und geringere Raten an Nebenwirkungen erreicht werden (34). Allerdings sind Depot-Antipsychotika nur für Erwachsene mit Schizophrenie zugelassen (ICD-10-Diagnose F20). Es bietet sich an, vorab die Kostenübernahme für den Off-Label-Einsatz bei der Krankenkasse zu beantragen.
Julia Reiff studierte Medizin, erhielt 1995 die Approbation und legte 1999 die Facharztprüfung für Psychiatrie und Psychotherapie ab. Sie war als (leitende) Oberärztin an psychiatrischen Kliniken in Kiel und Wiesbaden tätig. Seit 2021 ist Dr. Reiff an der Klinik für Erwachsenenpsychiatrie und Psychotherapie der Vitos Klinik Eichberg tätig, zuerst als stellvertretende Klinikdirektorin, dann als Direktorin. Im April 2026 wechselte sie als Ärztliche Direktorin an das Vitos Klinikum Rheingau.
Pamela Reißner studierte Pharmazie in Halle und wurde im Jahr 2000 approbiert. Seitdem arbeitet sie als Krankenhausapothekerin, unter anderem in Neuruppin, Lübeck und Mainz. 2015 wurde sie promoviert. Seit 2021 ist Dr. Reißner an den Vitos Kliniken als Klinische Pharmazeutin tätig.