Antriebssteigerung, distanzloses oder risikoreiches Verhalten sowie Selbstüberschätzung können Symptome einer manischen Phase der bipolaren Störung sein, während es in depressiven Episoden zu niedergeschlagener Stimmung, Antriebslosigkeit, Interessenverlust, Hoffnungslosigkeit, Schuld- und Insuffizienzerleben sowie Suizidgedanken kommen kann. / © Shutterstock/My Ocean Production
Die bipolare Störung ist eine schwere, chronische und rezidivierende affektive Erkrankung. Sie führt zu Störungen von Stimmung, Antrieb, Denken, Schlaf, Leistungsfähigkeit sowie Verhalten und ist charakterisiert durch wiederkehrende biphasische Episoden von Manie oder Hypomanie und Depression.
Man unterscheidet die Bipolar-I- von der Bipolar-II-Störung (1). Eine Bipolar-I-Störung liegt vor, wenn mindestens eine ausgeprägte manische Episode auftritt. Die Manien verlaufen oft schwer und sind behandlungsbedürftig. Häufig sind zusätzlich depressive Episoden.
Bei der Bipolar-II-Störung liegen Hypomanien mit leichteren und weniger auffälligen Symptomen, aber keine Manie vor. Diese Form wird häufig übersehen oder bei wiederkehrenden Depressionen als (unipolare) Depression fehlinterpretiert.
Die Prävalenz der Bipolar-I-Störung beträgt etwa 1 Prozent der Bevölkerung, der Bipolar-II-Störung 1 bis 2 Prozent und des Gesamtspektrums bipolarer Erkrankungen bis zu 5 Prozent. Die Erstmanifestation beginnt meist im Jugend- oder frühen Erwachsenenalter; es gibt Erkrankungspeaks im Alter von 15 bis 24 und von 45 bis 54 Jahren. Manien mit spätem Krankheitsbeginn sind assoziiert mit höherer psychiatrischer und somatischer Komorbidität wie Suizidalität und vaskulären Erkrankungen (2).
Eine manische Episode ist geprägt durch eine deutlich gehobene oder gereizte Stimmung sowie gesteigerte Aktivität. Typisch sind eine ausgeprägte Antriebssteigerung, Rededrang (Logorrhoe), Ideenflucht, distanzloses Verhalten, Selbstüberschätzung mit Größenideen und Risikoverhalten wie exzessive Geldausgaben sowie sexuelle Enthemmung.
Schlafstörungen sind ein zentrales Symptom. Betroffene haben in der Regel ein stark vermindertes Schlafbedürfnis und benötigen nur zwei bis drei Stunden Schlaf. Schlafmangel kann eine Episode verstärken oder auslösen.
Im Gegensatz dazu erleben die Patienten depressive Episoden mit niedergeschlagener Stimmung, Antriebslosigkeit, Interessenverlust, Hoffnungslosigkeit, Schuld- und Insuffizienzerleben sowie Suizidgedanken. Meist bestehen Ein- und Durchschlafstörungen, Früherwachen und ein vermehrtes Schlafbedürfnis (3).
Den Übergang von einer depressiven in eine manische Phase bezeichnet man als Switch. Dieser kann spontan auftreten oder (wie im Fallbeispiel) durch Antidepressiva ausgelöst werden. Frühe Warnzeichen, die auf einen Switch hindeuten, sind steigende Aktivität, vermindertes Schlafbedürfnis mit verkürzter Schlafdauer und zunehmende Reizbarkeit. Fehldiagnosen oder eine falsche Therapie, zum Beispiel eine antidepressive Monotherapie ohne Phasenprophylaxe können diesen Wechsel begünstigen.

© Shutterstock/Ground Picture
Ein 36-jähriger Mann wurde von Polizei und Rettungsdienst vorgestellt und aufgrund von aufgehobener Steuerungsfähigkeit und Eigengefährdung auf die beschützte Station aufgenommen. Er hatte geäußert, ein Auserwählter zu sein und über das Wasser gehen zu können.
Er redete ununterbrochen und sprang gedanklich so schnell von einem Thema zum anderen, dass der Sinnzusammenhang nicht mehr zu erfassen war. Er war massiv antriebsgesteigert, impulsiv, rastlos und psychomotorisch unruhig. Auf Fragen reagierte er gereizt, herablassend, brach dann unvermittelt in Lachen aus. Im Kontakt war er grenzüberschreitend, distanzgemindert und sexualisierend.
Seine Mutter berichtete, dass er in Vorbereitung auf das Abitur eine depressive Anpassungsstörung gehabt habe. Diese sei nach Beratungsgesprächen mit dem Schul-psychologen abgeklungen. Mit Mitte 20 sei er aufgrund einer leichten bis mittelschweren Depression nach einer Trennung über sechs Monate in psychotherapeutischer Behandlung gewesen. Vor ungefähr vier Wochen sei er recht plötzlich ohne erkennbaren Auslöser sehr depressiv geworden und habe sich komplett zurückgezogen. Da ihm seine Berufstätigkeit zunehmend schwerfiel, ging er letzte Woche zum Hausarzt, der eine rezidivierende depressive Störung festgestellt und eine Therapie mit 10 mg Citalopram eingeleitet habe. Diese habe der Patient auf 20 mg gesteigert. Zudem habe der Arzt ihn zur tagesklinischen Behandlung angemeldet.