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Delir

Lebensgefährliche Verwirrtheit

Wirkstoffe mit anti­cholinergen Eigenschaften

Arzneistoffe mit anticholinerger Wirkung sind bei Patienten mit Demenz, Delir oder erhöhtem Risiko für ein Delir zu vermeiden. Eine aktuell im JAMA publizierte Studie kommt zu dem Schluss, dass die langfristige Therapie mit starken Anticholinergika mit einem erhöhten Demenzrisiko einhergeht (10). Die Autoren folgern, dass es wichtig ist, die anticholinerge Last bereits bei Patienten ab dem mittleren Lebensalter möglichst gering zu halten.

Anticholinergika können die Lebensqualität älterer multimorbider Patienten aufgrund häufiger Nebenwirkungen wie Mundtrockenheit, Obstipation, Sehstörungen, ZNS-Nebenwirkungen und beeinträchtigter Thermoregu­lation durch vermindertes Schwitzen stark einschränken. Häufig führen die Nebenwirkungen auch zu Verordnungskaskaden mit Ansetzen weiterer Wirkstoffe.

Die Fähigkeit des Körpers zur Thermoregulation kann durch Grunderkrankungen wie kardiovaskuläre Leiden, Demenz, Morbus Parkinson, Diabetes oder Niereninsuffizienz sowie weitere Arzneistoffe, zum Beispiel hoch dosierte NSAID und Schleifendiuretika/Di­uretika, weiter beeinträchtigt werden. An warmen Tagen und bei Hitzewellen ist es daher besonders wichtig, aus­reichend zu trinken, um eine Hitze­erschöpfung mit Exsikkose und Krankenhauseinweisung zu vermeiden.

Unbestritten hat die Schmerzkon­trolle einen hohen Stellenwert in der Delirprävention. Bei Kontraindikation oder Therapieversagen von Paracet­amol, NSAID oder niedrigpotenten ­Opioiden wird bereits bei moderaten Schmerzen der Einsatz hochpotenter Opioide empfohlen; Opioide sollten standardmäßig mit Laxanzien kombiniert werden (11). Alle Opioide wirken anticholinerg. Einige Wirkstoffe, zum Beispiel Pethidin, Tramadol und Fentanyl, wirken zusätzlich auch serotonerg und haben ein erhöhtes Risiko für ZNS-Nebenwirkungen (Tabelle 3).

Auch Benzodiazepine haben anticholinerge Effekte. Ihr Einsatz bei deliranten Patienten ist stets kritisch zu hinterfragen. Bei Patienten mit Benzodiazepin-Abhängigkeit kann durch ein abruptes Absetzen jedoch ein Delir ausgelöst oder verstärkt werden. Insbesondere an Schnittstellen wie der Klinikeinweisung sollte darauf geachtet werden, dass die regelmäßige ­Einnahme auch geringer Dosen (etwa 3 mg Bromazepam) erfragt und bei ­Abhängigkeit fortgeführt wird.

In der Gruppe der Psychopharmaka treten anticholinerge Effekte vor allem bei trizyklischen Antidepressiva wie Amitriptylin und Imipramin sowie den Antipsychotika, zum Beispiel Clozapin, auf. Zusätzlich kommen Interaktionen mit dem dopaminergen und serotonergen System hinzu.

Weiterhin ist der Einsatz von H1-Antihistaminika mit starker anticholinerger Komponente wie Diphenhydramin, Dimenhydrinat oder Doxylamin kritisch zu sehen (12). Auch zur Behandlung der Dranginkontinenz sind Anticholinergika zu vermeiden (Tabelle 3).

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