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Delir

Lebensgefährliche Verwirrtheit

Ein Delir ist eine ernst zu nehmende Verwirrtheit, die häufig bei älteren Menschen in Langzeitpflegeeinrichtungen und im Krankenhaus auftritt. Dieses akute Krankheitsbild erhöht das Risiko, eine Demenz zu entwickeln oder zu verstärken, und sogar die Mortalität. Die Vermeidung von Medikamenten mit delirogenem Nebenwirkungsprofil ist eine ­effektive Maßnahme zur Prävention.
Kirsten Dahse und Silke Wunderlich
20.10.2019
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Auch wenn dem Delir in den letzten Jahren zunehmende Aufmerksamkeit in der Laienpresse geschenkt wird, ist es keine Entdeckung der modernen Medizin. Erste Beschreibungen reichen bis in die Antike zurück. Hippokrates von Kos (etwa 460 bis 370 vor Christus) erkannte bereits wesentliche Charakteristika dieses schweren Krankheitsbildes. So beobachtete er, dass »… bei akutem Fieber, Lungenentzündung, Meningitis (›Phrenitis‹) und akuten Kopfschmerzen (…) die Patienten mit den Händen in der Luft umherfuchteln, auf der Bettdecke Flusen zupfen und Spreu von der Wand pflücken. Alle diese Zeichen sind ungünstig, im Grunde tödlich.«

Abgeleitet aus dem Lateinischen ­bedeutet der Begriff Delir so viel wie »wahnsinnig sein« (lateinisch: delirare) oder »aus der Spur geraten« (lateinisch: de lira ire), was das klinische Bild recht plastisch vor Augen führt. Polypharmazie sowie anticholinerge, dopaminerge und serotonerge Effekte von Arzneimitteln sind nicht selten wesentlich an der Entstehung eines Delirs beteiligt, sodass der Apotheker hier einen wertvollen Beitrag leisten kann.

Kein seltener Ausnahmezustand

Delirante Zustandsbilder sind keineswegs selten und können prinzipiell in jedem Lebensalter auftreten, auch wenn ältere und multimorbide Patienten häufiger betroffen sind. 29 bis 64 Prozent der älteren Menschen entwickeln während eines stationären Aufenthalts ein Delir; es zählt zu den häufigsten postoperativen Komplika­tionen (1). Herzoperationen und intensivmedizinische Maßnahmen stellen ein besonderes Risiko dar (Tabelle 1).

In Pflegeeinrichtungen sollen sogar bis zu 70 Prozent der Bewohner unter einem Delir leiden. Auch wenn ein demenzielles Syndrom einen Risikofaktor für die Entwicklung eines Delirs darstellt, ist es keine zwingende Voraussetzung. Es werden daher Delirien bei und ohne Demenz unterschieden.

Davon abzugrenzen sind delirante Syndrome durch Alkohol oder andere psychotrope Substanzen, die sowohl infolge eines Substanzentzugs als auch bei einer Intoxikation auftreten können.

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