Pharmazeutische Zeitung online
Delir

Lebensgefährliche Verwirrtheit

Prävention als interdisziplinäre Aufgabe

Gemäß der aktuellen Studienlage gibt es keine Evidenz, dass eine Pharmakotherapie Schwere oder Verlauf des Delirs positiv beeinflussen kann. Medikamentöse Therapien wirken rein symptomatisch.

Die beste Therapie des Delirs ist damit die Prävention, auch wenn ­viele Empfehlungen zur nicht-medikamentösen Prävention nicht in wissenschaftlichen Studien geprüft sind. Andererseits erreichen spezielle Stationen, die Umweltfaktoren auf ältere und delirgefährdete Personen ­abstimmen, bessere Behandlungsergebnisse.

Durch regelmäßiges Screening anhand etablierter Skalen, zum Beispiel der Delirium Observation Scale (DOS), können Risikopatienten frühzeitig identifiziert und Angehörige über das Krankheitsbild informiert und in die Prävention einbezogen werden. Wiederholte Hilfe bei der Reorientierung, kognitive Stimulation, das Bereitstellen von Hör- und Sehhilfen, Schmerzkontrolle, Frühmobilisation und das Vermeiden von Polypharmazie sind nur eine Auswahl möglicher Interventionen. Alle Maßnahmen zur Präven­tion und Therapie des Delirs erfordern eine enge interdisziplinäre Zusammenarbeit aller Beteiligten: Angehörige und Betreuer, Pflegekräfte, Ärzte und Apotheker (Tabelle 2).

Medikationsanalyse dient der Prävention

Polypharmazie ist ein unabhängiger Risikofaktor für die Entwicklung eines Delirs bei geriatrischen Akutpatienten (7). Durch Interaktionen mit dem cholinergen, dopaminergen oder serotonergen System können diverse Arzneistoffe an der Entstehung eines Delirs beteiligt sein. Die kontinuierliche Medikationsanalyse und das Absetzen nicht dringend benötigter Arzneistoffe leisten einen wertvollen Beitrag zur Prävention.

Verschiedene Studien zeigen, dass computergestützte Medikationsmanagement-Systeme in Altenheimen, die im Bedarfsfall eine pharmazeutische Intervention initiieren, die Häufigkeit eines Delirs deutlich reduzieren können (8, 9).

Um das delirogene Potenzial einer Medikation abzuschätzen, sind standardisierte Listen zu potenziell in­adäquaten Medikationen (PIM) im ­Alter wie die Priscus- und die Beers-­Liste hilfreich. Diese PIM-Listen beziehen sich auf Patienten über 65 Jahre. Sie weisen explizit darauf hin, dass der Einsatz eines PIM nach Nutzen-Risiko-Abwägung im Einzelfall vertretbar sein kann. Alternativen zu einigen ausgewählten PIM zeigt die Tabelle 3. In den Beers-Kriterien sind Palliativpatienten von der Bewertung ausgenommen.

Weitere Arbeitshilfen sind zum Beispiel die STOPP/START-Kriterien und Online-Datenbanken wie der Anticholinergic Burden Calculator (www.anticholinergicscales.es). Letzterer schätzt die anticholinerge Last eines Wirkstoffs in Abhängigkeit von seiner Dosierung auf Basis diverser Datenbanken ab und bietet einen schnellen Überblick.

Mehr von Avoxa