Topische Virostatika sollten am besten bei den ersten Symptomen eines Lippenherpes wie Brennen oder Spannungsgefühl aufgetragen werden. Das ist in der Regel in der Selbstmedikation möglich. / © Shutterstock/New Africa
Beim Stichwort Herpesviren denkt man meist an die Lippenbläschen, die durch das Herpes-simplex-Virus Typ 1 (HSV-1) verursacht werden. Die Familie der Herpesviren ist mit bisher 200 bekannten Mitgliedern groß, davon sind neun für den Menschen spezifisch (1).
Herpesviren zählen zu den weltweit am weitesten verbreiteten humanpathogenen Viren und zeichnen sich alle durch ihre Fähigkeit der lebenslangen Latenzbildung in sensorischen Ganglien mit späterer Reaktivierung aus. Insbesondere die Herpes-simplex-Viren Typ 1 (HSV-1) und Typ 2 (HSV-2) haben eine hohe Relevanz für den Apothekenalltag. Patienten suchen häufig schon bei ersten Symptomen wie Kribbeln, Brennen oder Spannungsgefühl im betroffenen Hautareal die Apotheke auf und erwarten eine kompetente Beratung.
Da Herpesvirus-Infektionen lästige bis schwere Erkrankungen auslösen können, ist eine fundierte evidenzbasierte Beratung in der öffentlichen Apotheke notwendig. Mit strukturierter Anamnese, gezielten Therapieempfehlungen und umfassender Aufklärung können Apotheker und ihre Teams maßgeblich zur sicheren Selbstmedikation, zum frühzeitigen Erkennen problematischer Verläufe – mit Empfehlung zum Arztbesuch – und zur Prävention beitragen.
Die Familie der Herpesviridae umfasst behüllte DNA-Viren mit doppelsträngigem Genom. Zu den für den Menschen relevanten Vertretern gehören neben HSV-1 und -2 auch das Varizella-Zoster-Virus (VZV), das Epstein-Barr- (EBV) und das Cytomegalie-Virus (CMV), wobei Letztere im Apothekenalltag eine untergeordnete Rolle spielen (1).
Herpesviren existieren schon seit Millionen von Jahren, und die in Tabelle 1 genannten Vertreter haben sich gut an den Menschen angepasst. Nach einer Primärinfektion, die auch symptomlos verlaufen kann, gehen Herpesviren in einen Latenzzustand über und persistieren in sensorischen Ganglien. In dieser Phase werden keine neuen Viruspartikel produziert und deshalb auch nicht oder kaum vom Immunsystem erkannt.
Jeder Erwachsene trägt einen oder mehrere der neun humanpathogenen Herpesviren in sich.
| Herpesviridae | ausgelöste Erkrankung |
|---|---|
| Herpes-simplex-Virus Typ 1 (HSV-1) | primär orolabiale Infektionen |
| Herpes-simplex-Virus Typ 2 (HSV-2) | primär genitale Infektionen |
| Varizella-Zoster-Virus (VZV, HHV-3) | Windpocken und Herpes zoster (Gürtelrose) |
| Epstein-Barr-Virus (EBV, HHV-4) | infektiöse Mononukleose, Pfeiffersches Drüsenfieber |
| Cytomegalie-Virus (CMV, HHV-5) | primär Grippe-ähnliche Allgemeininfektion, sekundär Guillain-Barré-Syndrom |
| humaner Herpesvirus 6A und 6B | Hauptverursacher des Drei-Tage-Fiebers (Roseola infantum) bei Kleinkindern, Exanthem-Bildung |
| humaner Herpesvirus 7 | Drei-Tage-Fieber ähnliche Erkrankung, Exanthem, neurologische Symptome |
| Kaposi-Sarkom-assoziiertes Herpesvirus (HHV-8) | kann zum Kaposi-Sarkom, primären Effusionslymphom oder zur Castleman-Krankheit bei immunsupprimierten Menschen führen |