Pharmazeutische Zeitung online
ARZNEISTOFFE

Colestilan|BindRen®|81|2013

Datenschutz bei der PZ
STOFFGRUPPE
81 Urologika und Mittel zur Behandlung der Hyperkaliämie und Hyperphosphatämie
WIRKSTOFF
Colestilan
FERTIGARZNEIMITTEL
BindRen®
HERSTELLER

Mitsubishi Pharma Europe

MARKTEINFÜHRUNG (D)
04/2013
DARREICHUNGSFORM

nicht mehr im Handel

Indikationen

BindRen ist in der EU für die Behandlung von Hyperphosphatämie bei erwachsenen Patienten mit chronischer Nierenerkrankung im sehr fortgeschrittenen Stadium zugelassen, die eine Hämo- oder Peritonealdialyse erhalten.

Wirkmechanismus

Bei Colestilan handelt es sich um ein langkettiges Polymer mit einem mittleren Molekulargewicht von 174 628 Dalton und einer komplexen sterischen Struktur. Colestilan ist ein metallfreies, nicht resorbierbares Anionenaustauscherharz zur oralen Einnahme, das im Verdauungstrakt Phosphat aus der Nahrung bindet und somit die Phosphatkonzentration im Blut senkt. In den Imidazolringen der polymeren Molekülstruktur liegt eine delokalisierte positive Ladung vor, an der Chlorid gebunden ist, das dann durch Phosphat verdrängt wird.

Anwendungsweise und -hinweise

Die empfohlene Anfangsdosis beträgt 6 bis 9 g Colestilan pro Tag. Der Patient sollte die Tagesdosis in drei gleichmäßig aufgeteilten Dosen mit oder unmittelbar nach den Mahlzeiten mit einer ausreichenden Menge Wasser zur Unterstützung des Schluckens einnehmen. Die Aufteilung der täglichen Dosis kann auf Anraten des Arztes unter Berücksichtigung der Phosphataufnahme durch die Ernährung variiert werden. Ärzte sollten den Phosphatspiegel der Patienten regelmäßig überprüfen und sie zur phosphatarmen Diät motivieren. Alle zwei bis drei Wochen kann die Colestilan-Dosis erhöht werden, bis ein akzeptabler Phosphatspiegel im Blut erreicht ist. Die Höchstdosis beträgt 15 g Colestilan pro Tag.

Wichtige Wechselwirkungen

Colestilan wird aus dem Gastrointestinaltrakt nicht resorbiert, kann jedoch die Bioverfügbarkeit oder Resorptionsrate anderer Arzneimittel beeinflussen. Bei Gabe eines Arzneimittels, bei dem eine Reduktion der Bioverfügbarkeit klinisch relevant für die Sicherheit oder Wirksamkeit sein könnte, sollte dieses Arzneimittel mindestens eine Stunde vor oder drei Stunden nach der Einnahme von Colestilan gegeben werden. Die gleichzeitige Behandlung mit Arzneimitteln mit einem engen therapeutischen Fenster erfordert bei Beginn oder Anpassung der Dosierung von Colestilan oder dem gleichzeitig gegebenen Arzneimittel eine enge Überwachung der Wirkstoffkonzentrationen oder Nebenwirkungen. So wird zum Beispiel auch bei Patienten mit Hypothyreose bei gleichzeitiger Gabe von Levothyroxin und Colestilan eine enge Überwachung empfohlen. Laut Fachinformation kann auch die Wirksamkeit oraler Kontrazeptiva beeinträchtigt sein.

 

Colestilan hat in klinischen Studien von bis zu einem Jahr zu keiner klinisch relevanten Reduktion der Resorption von Vitamin A, D, E oder K geführt. Bei Patienten mit Anfälligkeit für einen Mangel an Vitamin K oder an fettlöslichen Vitaminen, zum Beispiel Patienten mit Malabsorptions-Syndromen und unter Coumarin-Therapie, ist jedoch Vorsicht geboten. Bei diesen Patienten wird eine Überwachung der Konzentrationen der Vitamine A, D und E oder des Vitamin-K-Status empfohlen; die Vitamine sollten gegebenenfalls ergänzt werden.

Nebenwirkungen

Im Rahmen der Studien zu Colestilan kam es bei ungefähr 30 Prozent der Patienten zu Nebenwirkungen. Die häufigsten waren Übelkeit, Dyspepsie und Erbrechen (alle häufig). Die schwersten Nebenwirkungen waren gastrointestinale Blutung (gelegentlich) und Obstipation (häufig).

Kontraindikationen und Vorsichtsmaßnahmen

Colestilan ist bei Patienten mit Darmobstruktion kontraindiziert. Sicherheit und Wirksamkeit des Anionenaustauschers wurden bei bestimmten Patientengruppen nicht untersucht. Nicht empfohlen wird Colestilan daher zum Beispiel bei Patienten mit Schluckstörungen, Gallenobstruktion, schwerer Leberfunktionsstörung und Krampfleiden.

Bei Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff oder einen der sonstigen Inhaltsstoffe ist das Arzneimittel kontraindiziert.

Studien

Colestilan wurde in zwei placebokontrollierten Hauptstudien bei 273 Erwachsenen mit chronischer Nierenerkrankung und Hyperphosphatämie untersucht. Alle Patienten waren dialysepflichtig und erhielten drei Monate lang den Phosphatbinder in einer flexiblen Dosierung. In einer weiteren Studie mit 642 Patienten wurden über drei Monate die Wirkungen von Colestilan in unterschiedlichen festen Dosen mit denen von Placebo verglichen. In allen Studien wurde die Veränderung der durchschnittlichen Phosphatmenge im Blut untersucht. In der ersten Studie senkte eine durchschnittliche Dosis von 11,5 g Colestilan den Phosphatspiegel im Blut nach drei Monaten um durchschnittlich 0,36 mmol/l (von 2,33 mmol/l auf 1,94 mmol/l). Ähnliches zeigte sich in der zweiten Studie, in der eine durchschnittliche Dosis von 13,1 g Wirkstoff den Phosphatspiegel im Blut um durchschnittlich 0,50 mmol/l reduzierte (von 2,44 mmol/l auf 1,94 mmol/l).

 

Auch eine dritte Studie zeigte, dass der Anionenaustauscher mit Dosen von 6, 9, 12 und 15 g pro Tag wirksamer war als Placebo: Die Senkung der Phosphatspiegel im Blut betrug im Vergleich zu Placebo 0,16, 0,21, 0,19 sowie 0,37 mmol/l. Darüber hinaus zeigten zwei offene Langzeitstudien mit flexibler Dosis, dass die Reduktion des Phosphatspiegels über bis zu einem Jahr aufrechterhalten wurde. Nach zwölf Monaten betrug der mittlere Phosphatspiegel 1,89 mmol/l im Serum (Ausgangswert 2,28 mmol/l). Die Mehrheit der Patienten in den Langzeitstudien nahm 12 oder 15 g Colestilan täglich ein.

Hintergrundinfos

Ursprünglich wurde der Phosphatbinder Colestilan zur Bindung von Gallensäuren entwickelt. Er wird außerhalb Deutschlands bis dato als Cholesterolsenker vermarktet.

 

Hyperphosphatämie ist ein klassischer Befund bei Patienten in fortgeschrittenen Stadien chronischer Nierenerkrankungen. Die Betroffenen können Phosphat nicht in ausreichender Menge mit dem Urin ausscheiden. Der Normwert bei Erwachsenen von circa 0,8 bis 1,5 mmol/l Serum wird überschritten. Erhöhte Phosphatspiegel haben vor allem kardiovaskuläre Effekte, denn sie induzieren Gefäßverkalkungen, die mit erhöhter kardiovaskulärer Morbidität assoziiert sind. Diese stellen zudem einen Prädiktor von Gesamt- und kardiovaskulärer Mortalität bei den Betroffenen, vor allem bei Dialyse-Patienten, dar. Auch eine renale Osteopathie, die zu Knochenschmerzen und Knochenbrüchen führen kann, kann durch zu hohe Phosphatspiegel im Blut ausgelöst werden.

 

Mediziner empfehlen den Patienten eine diätetische Phosphatrestriktion. Ein zu strikter Verzicht auf Phosphat-haltige Lebensmittel kann jedoch gleichzeitig mit einer Eiweißunterversorgung verbunden sein, die ihrerseits das Mortalitätsrisiko steigert. Phosphat runter, Protein rauf: Um dies zu ermöglichen, spielen Phosphatbinder eine wichtige Rolle im Phosphat-Management niereninsuffizienter Patienten.

 

Grundsätzlich unterscheidet man zwischen Calcium-basierten und Calcium-freien Phosphatbindern. Zur ersten Gruppe zählen zum Beispiel Calciumcarbonat und Calciumacetat. In höheren Dosen eingesetzt, bergen sie jedoch ein mögliches Gefäßverkalkungsrisiko. Zu den Calcium-freien Phosphatbindern gehören zum Beispiel Magne­siumhydroxid, Magnesiumcarbonat, Sevelamerhydrochlorid beziehungsweise -carbonat sowie Lanthancarbonat. Weltweit werden schätzungsweise 200 Millionen Dialyse-Patienten mit Phosphatbindern behandelt.

Besonderheiten

BindRen ist verschreibungspflichtig.

Formeln

Colestilan

Colestilan

Weitere Hinweise

Zur Sicherheit und Wirksamkein von Colestilan in Schwangerschaft und Stillzeit liegen keine Daten vor. Die Anwendung sollte nach Abwägung möglicher Risiken und Nutzen erfolgen. Bei Anwendung während Schwangerschaft und Stillzeit kann eine Ergänzung mit Vitaminen erforderlich sein.

Letzte Aktualisierung: 10.08.2016