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Rheumatoide Arthritis

Interleukin-6 im Visier

Zytokine spielen im Entzündungsgeschehen der rheumatoiden Arthritis eine große Rolle. Einige Arzneistoffe zielen bereits auf die Blockade des Interleukin-6-Rezeptors ab. Ein neuer Antikörper neutralisiert nun den Liganden selbst.
Kerstin A. Gräfe
08.09.2022  11:00 Uhr

Die rheumatoide Arthritis (chronische Polyarthritis) ist die häufigste entzündliche Gelenkerkrankung. In Deutschland leiden mehr als eine halbe Million Menschen unter den schmerzhaften Schwellungen in wechselnden Gelenken.

Die Therapie beginnt in der Regel mit Methotrexat (MTX) als Basismedikation. Als Alternative stehen bei MTX-Kontraindikationen Leflunomid und Sulfasalazin zur Verfügung. Kann jedoch ein Fortschreiten der Erkrankung nicht verhindert werden, wird in der nächsten Stufe MTX mit einem Biologikum kombiniert. Zum Einsatz kommen hier unter anderen TNF-α-Blocker wie Adalimumab sowie Interleukin-6 (IL-6)-Hemmer wie Tocilizumab und Sarilumab. Ebenfalls bei rheumatoider Arthritis zugelassen sind die Januskinase-Hemmer Baricitinib, Tofacitinib, Upadacitinib und Filgotinib, die oral verfügbar sind. Trotz dieser effektiven Therapien spricht etwa ein Viertel der behandelten Patienten auf keine der heutigen Behandlungsmöglichkeiten an.

Für die Betroffenen könnte der Antikörper Olokizumab, der sich in der klinischen Prüfung befindet, eine weitere Option werden. Er bindet im Gegensatz zu Tocilizumab und Sarilumab nicht am IL-6-Rezeptor, sondern neutralisiert den Liganden selbst. In einer Phase-III-Studie konnte Olokizumab einem Vergleich mit Methotrexat und Adalimumab standhalten. Die Ergebnisse wurden kürzlich im Fachjournal »New England Journal of Medicine« veröffentlicht.

Ebenso wirksam wie Adalimumab

In der Phase-III-Studie CREDO 2 wurden die Wirksamkeit und Sicherheit von Olokizumab mit der von Adalimumab und Placebo an 1648 erwachsenen Patienten mit rheumatoider Arthritis verglichen. Alle Teilnehmer hatten zuvor MTX als Basismedikation erhalten und behielten diese während der 24-wöchigen Studiendauer bei. Die Patienten wurden in vier Gruppen randomisiert. Sie erhielten entweder 64 mg Olokizumab alle zwei oder alle vier Wochen, 40 mg Adalimumab alle zwei Wochen oder Placebo alle zwei Wochen.

Als primärer Endpunkt war ein Ansprechen nach den Kriterien des American College of Rheumatology 20 (ACR20) in Woche 12 festgelegt. Das bedeutet einen Rückgang um mehr als 20 Prozent bei der Zahl der schmerzhaften und geschwollenen Gelenke und eine mehr als eine 20-prozentige Verbesserung in drei von fünf anderen Bereichen. Jede Olokizumab-Dosis wurde auf Überlegenheit gegenüber Placebo und auf Nichtunterlegenheit gegenüber Adalimumab getestet.

Den primären Endpunkt erreichten in den beiden Olokizumab-Gruppen mit 70,3 beziehungsweise 71,4 Prozent (Injektionen im Abstand von zwei und vier Wochen) signifikant mehr Patienten als in der Placebogruppe mit 44,4 Prozent. In der Methotrexat/Adalimumab-Gruppe zeigten 66,9 Prozent ein ACR20-Ansprechen. Eine Gleichwertigkeit von Olokizumab zum Standardtherapeutikum Adalimumab wurde somit gezeigt. Als häufigste Nebenwirkungen traten Infektionen der oberen Atemwege und des Harntrakts auf. 

»Der neue Wirkstoff sorgt dafür, dass viele Betroffene eine niedrige Krankheitsaktivität erreichen, das primäre Therapieziel. In einem von acht Fällen gelingt sogar ein völliger Rückgang der aktiven Krankheitserscheinungen«, erklärte Studienleiter Professor Dr. Josef Smolen von der MedUni Wien in einer Pressemitteilung. »Gleichzeitig erweitert sich damit das vorhandene Therapiespektrum signifikant, da dieser Wirkstoff anders funktioniert als die üblichen Medikamente.«

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