| Melanie Höhn |
| 17.09.2026 14:00 Uhr |
Moderatorin Paulina Kamm (links) und die Apothekerin Olivia Peter. / © PZ/Melanie Höhn
Die Apothekerin Olivia Peter von den Apotheken mit Herz in Berlin setzt sich im Verein Spitzenfrauen Gesundheit für geschlechtsspezifische Pharmazie, Frauengesundheit und moderne Aufklärung ein. Im Gespräch mit PZ-Moderatorin Paulina Kamm betonte sie, wie wichtig geschlechtsspezifische Leitlinien, Dosierungen, Therapien und Diagnostik sind, und forderte dafür mehr Forschung und politische Unterstützung ein.
Frauengesundheit müsse in der Gesellschaft sichtbarer gemacht werden, so Peter. Beschwerden wie PMS oder andere zyklusabhängige Symptome dürften nicht vorschnell als »normal« abgestempelt werden. Gerade wenn diese Leiden die Lebensqualität oder die psychische Gesundheit stark beeinträchtigen würden, müssten sie erkannt und ernst genommen werden. Vor allem das Thema Wechseljahre müsse stärker als medizinisches, gesellschaftliches und politisches Thema behandelt werden.
Die Apothekerin kritisierte, dass Frauengesundheit in ihrer eigenen pharmazeutischen Ausbildung kaum eine Rolle gespielt habe. Deshalb müsse geschlechtsspezifische Medizin bereits im Studium und später durch regelmäßige Fortbildungen stärker verankert werden.
Apotheken sind laut Peter eine wichtige Anlaufstelle für Frauen, weil Patientinnen dort häufig regelmäßiger vorbeikommen als in Arztpraxen. Vor allem für Menschen ohne hausärztliche Versorgung könne die Apotheke vor Ort ein wichtiger Anlaufpunkt sein. Apothekerinnen und Apotheker könnten Symptome erkennen, zuhören, Orientierung geben und bei Bedarf an geeignete medizinische Stellen weiterleiten. »Wir müssen mit der Ärzteschaft zusammenarbeiten. Und das wirklich Hand in Hand und auf Augenhöhe«, sagte sie.
Peter sieht die Vor-Ort-Apotheke als wichtigen Ort für Prävention und individuelle Gesundheitsberatung. Dazu zählen für sie etwa der Blick auf Blutwerte und Vorsorge, Beratung zu Ernährung und Bewegung sowie Impfchecks. Auch spezielle Beratungsangebote zu Themen wie Endometriose, Wechseljahre oder Geburt könnten ihrer Ansicht nach in der Apotheke stattfinden. Entscheidend sei, Patientinnen nicht nur ein Medikament auszuhändigen, sondern ihre individuellen Beschwerden im Zusammenhang zu betrachten.
Damit solche Beratungsangebote flächendeckend funktionieren können, braucht es laut Peter entsprechende Vergütungsmodelle. Sie wünscht sich, dass das Thema »Gender Health« als selbstverständlicher Bestandteil des Gesundheitswesens verstanden wird. Wenn dieses Bewusstsein geschaffen sei, könnten darauf aufbauend Präventions- und Versorgungskonzepte entwickelt werden, die Frauen gezielter erreichen würden.
Digitalisierung sieht die Apothekerin als Chance, Behandlung und Prävention stärker zu standardisieren und relevante Daten systematisch auszuwerten. Sie betonte, dass vorhandene Gesundheitsdaten besser genutzt werden sollten, auch in Zusammenarbeit zwischen Apotheken und Ärzteschaft. Ihr Ziel ist eine stärker geschlechtsspezifische Datengrundlage. »Wir sind keine kleinen Männer«, so die Apothekerin.
Moderatorin Paulina Kamm (PZ) und (v.l.) Rania Abbas (Meierhofer AG / bvitg), Yali Battal (kolibri) und Meghan Lawrence (Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland) diskutierten über Geschlechtergerechtigkeit im Gesundheitssystem. / © PZ/Alois Müller
In einer weiteren Gesprächsrunde wurde das Thema Geschlechterungleichheit in der Medizin erörtert. Für Rania Abbas, Vorstandsreferentin und Public Affairs Managerin bei der Meierhofer AG und Leiterin der Projektgruppe »ePA für alle« im Bundesverband Gesundheits-IT, müsse das Ziel eine personalisierte und individualisierte Medizin sein, vor allem in Studien müssten Frauen mehr beachtet werden.
Meghan Lawrence von der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland sprach ein strukturelles Problem an: Obwohl inzwischen mehr als die Hälfte der Medizinstudierenden weiblich sei, würden sich Forschung und Lehre oft noch am männlichen Standardpatienten orientieren. Die Studienlage zu vielen frauenspezifischen Fragestellungen sei noch nicht breit aufgestellt.
Battal Yali, der die Initiative kolibri gegen häusliche Gewalt gegründet hat, ergänzte die Debatte um eine gesellschaftliche Perspektive. Ungleichheiten würden häufig bestehen bleiben, weil sie nicht ausreichend wahrgenommen und angesprochen werden. »Deutschland hat ein Haltungsproblem und ein Wegsehproblem«, sagte er. »Wir sehen die Probleme und sprechen sie nicht an. Menschenrechte sind nicht neutral und müssen geschützt werden. Wir müssen viel mehr in Prävention und gegen Gewalt an Frauen investieren.« Meghan Lawrence setzte auf einer früheren Ebene an: Menschen müssten bereits früh lernen, welche Auswirkungen das eigene Handeln auf andere habe und wie man beispielsweise mit Frust umgeht. Dafür wünscht sie sich beispielsweise Schulungen für Führungskräfte.