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Primärversorgung
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»Es geht nur gemeinsam«

Das deutsche Gesundheitssystem ächzt unter dem Druck des demografischen Wandels. Die Bundesregierung plant daher ein Primärversorgungssystem, das die Patientensteuerung verbessern soll. Beim Deutschen Apothekertag (DAT) wurde deutlich, dass ein solches System nicht auf die Apotheken verzichten kann.
AutorKontaktPZ
Datum 16.09.2026  17:30 Uhr

Die Bundesregierung arbeitet aktuell an einem Primärversorgungssystem. Doch noch ist unklar, wie ein solches System konkret aussehen soll und welche Rolle die Apotheken darin spielen. Daher wurde beim DAT-Themenforum unter dem Motto »Gemeinsam besser versorgen: Die Primärversorgung der Zukunft« ausführlich über das neue Gesundheitssystem diskutiert.

In einem Impulsvortrag benannte Christiane Eickhoff, Referentin im Geschäftsbereich Arzneimittel der ABDA, die aktuellen Probleme: Noch sei die ambulante Versorgung flächendeckend vorhanden, aber angesichts einer älter werdenden Bevölkerung und des zunehmenden Fachkräftemangels könne es so nicht weitergehen. In puncto Gesundheitskompetenz liege Deutschland im europäischen Vergleich auf dem zweitletzten Platz.

Hinzu komme, dass die Leistungserbringer noch zu sehr nebeneinander statt miteinander versorgen. »Schnittstellen und Informationsfluss sind nicht immer nahtlos. Patienten müssen sich ihre Versorgung selbst organisieren und koordinieren, aber nicht alle können das oder haben Angehörige, die sich kümmern.«

Im neuen Primärversorgungssystem könnten sich die Apotheken an verschiedenen Stellen einbringen. Als Beispiel nannte Eickhoff das digital gestützte Ersteinschätzungsverfahren. Hier sollten die Apotheken als Anlaufstelle mitgedacht werden. »Wir haben uns als Apotheken intensiv damit beschäftigt«, so Eickhoff im Hinblick auf das ABDA-Positionspapier zur Primärversorgung. »Wir müssen jetzt dringend handeln. Es geht nur gemeinsam.«

Patienten besser koordinieren

Für die darauffolgende Podiumsdiskussion waren Hans Theiss (Bundestagsabgeordneter der CSU und Berichterstatter Primärversorgung), Thomas Zöller (Patienten- und Pflegebeauftragter der Bayerischen Staatsregierung), Oliver Funken (Ärztekammer Nordrhein), Anne Klemm (BKK Dachverband) und Thomas Preis (ABDA-Präsident) eingeladen. Die Moderation übernahm PZ-Chefredakteur Alexander Müller.

Hans Theiss lobte die Reformen der Bundesregierung. »Das Primärversorgungssystem ist das dickste Brett, das wir in dieser Legislaturperiode bohren wollen. Aber ich denke, das ist es wert. Wir wollen den Akteuren helfen, dass sie effektiver arbeiten können. Gleichzeitig wollen wir den Patienten eine schnelle und zielgerichtete Therapie ermöglichen«,  sagte der Bundestagsabgeordnete.

Die Krankenkassen beklagen immer wieder, dass viele Patienten unkoordiniert durch das Gesundheitssystem irren. »Ich stelle mir ein Primärversorgungssystem so vor, dass es für die Patienten eine durchgehende Versorgungskette gibt«, erklärte Anne Klemm. Die Patienten müssten betreut und koordiniert werden. Dafür wünschte sie sich digital gestützte Ersteinschätzungsverfahren. »Und die können überall stattfinden. Das muss nicht in der Arztpraxis sein. Das kann in der Apotheke oder in anderen Einrichtungen passieren.«

Keine doppelten Strukturen, keine Überversorgung

Die Apotheken könnten außerdem in der Prävention eine bedeutende Rolle spielen. Man müsse jedoch aufpassen, dass keine teuren Doppelstrukturen entstehen und nur evidenzbasierte Leistungen angeboten werden, damit es nicht zu einer unnötigen Überversorgung kommt.

Da sieht ABDA-Präsident Thomas Preis keine Gefahr. »Wir brauchen keine doppelten Leistungen und Strukturen, das ist eine Sache der Dokumentation.« Als Beispiel brachte er das Impfen an, was die Apotheker natürlich im Impfpass (und in Zukunft in der elektronischen Patientenakte) dokumentieren. So sieht jeder Arzt, dass der Patient hier schon versorgt ist.

Zur Selbsthilfe ertüchtigen

Thomas Preis betonte, dass viele leichte Erkrankungen keinen Arztbesuch erfordern. Daher sollten die Apotheken die Gesundheitskompetenz der Menschen stärken und sie in bestimmten Fällen zur Selbstbehandlung ertüchtigen. »Man muss den Menschen erklären, dass sie etwas mehr Verantwortung übernehmen müssen, damit wir das sozialfinanzierte Gesundheitssystem erhalten können«, so der ABDA-Präsident.

Auch Allgemeinmediziner Oliver Funken plädiert für eine bessere Steuerung. Er brachte das Beispiel eines 19-jährigen Mannes, der nach dem Fußball wegen einer Muskelzerrung zu ihm kam. Statt die von Funken empfohlenen Dehnübungen durchzuführen, ging der junge Mann zum Orthopäden für ein CT.

Nicht alle Patienten dürften sich über mehr Steuerung und damit einhergehende Zwänge freuen. Für Hans Theiss ist es daher entscheidend, dass das neue System die Versorgung wirklich verbessert. »Das Primärversorgungssystem macht nur Sinn, wenn die Patienten spüren, dass sie schneller behandelt werden, wenn es wichtig ist«, so der CSU-Politiker.

Ohne die Apotheken geht es nicht

Thomas Preis betonte, dass etwa 50 Prozent der in den Apotheken abgegebenen Medikamente von Patienten gekauft werden, die vorher keinen Arzt aufgesucht haben. Dank der jüngsten Apothekenreform sollen die Apotheken außerdem viele neue Aufgaben übernehmen. Die Apotheken müssten auch aufgrund dieser neuen Versorgungskultur unbedingt Teil des neuen Primärversorgungssystems werden. »Wenn man das ohne Apothekerinnen und Apotheker machen würde, vergäbe man eine große Chance. Da muss ein Umdenken in der Politik stattfinden«, forderte der ABDA-Präsident.

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