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Reiseinfektionen in Europa
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Die Tropen rücken näher

Noch vor wenigen Jahrzehnten galten Dengue, Chikungunya oder Leishmaniose als klassische Reisekrankheiten. Doch mit dem Klimawandel verschiebt sich die Verbreitung der Erreger und der Vektoren. Tropeninfektionen kommen nicht mehr nur in fernen Ländern vor – sie haben Europa längst erreicht.
AutorKontaktClara Wildenrath
Datum 23.04.2026  09:00 Uhr

Keine NSAR bei Dengue-Fieber

Die Symptome von Dengue, der weltweit häufigsten vektorübertragenen Viruserkrankung, ähneln häufig denen von Chikungunya. Betroffene klagen über starke Kopf-, Gelenk- und Muskelschmerzen sowie plötzliches hohes Fieber, manchmal macht sich auch ein Ausschlag bemerkbar. Oft bessern sich die Beschwerden nach drei Tagen kurzfristig, um zwei bis vier Tage später erneut aufzuflammen. Nach zehn Tagen haben die meisten Infizierten die Erkrankung überstanden.

Bis zu 5 Prozent entwickeln jedoch ein hämorrhagisches Fieber mit inneren Blutungen, die zu einem lebensbedrohlichen Dengue-Schock-Syndrom führen können. Alarmzeichen sind Blässe, kalter Schweiß, schneller Puls und niedriger Blutdruck. Das Risiko solcher Komplikationen steigt, wenn eine Person früher bereits mit einem anderen Serotyp des Dengue-Virus infiziert war. Oft wissen die Betroffenen von der Erstinfektion nichts, weil sie bei rund 80 Prozent symptomlos verläuft.

Wegen ihrer blutgerinnungshemmenden Wirkung sind nicht steroidale Antirheumatika (NSAR) wie Acetylsalicylsäure bei Dengue kontraindiziert. Gegen Schmerzen können die Patienten Paracetamol einnehmen.

Die ersten autochthonen Dengue-Erkrankungen in Europa registrierte das ECDC 2010 in Kroatien und Südfrankreich. Zwei Jahre später gab es auf der portugiesischen Ferieninsel Madeira eine Erkrankungswelle mit rund 2000 gemeldeten Fällen – darunter 19 deutsche Touristen. Der bislang größte Ausbruch auf dem europäischen Festland mit mehr als 200 Erkrankungen in drei Monaten wurde 2024 in Norditalien beobachtet. Im letzten Jahr meldeten auch Portugal, Italien und Frankreich, vor allem an der Mittelmeerküste, autochthone Dengue-Infektionen.

Ungleich höher war die Inzidenz in den vergangenen Jahren bei Reiserückkehrern: Allein in Deutschland lag sie 2024 laut Robert-Koch-Institut (RKI) bei 1717 bestätigten Fällen.

Auch in Deutschland: West-Nil-Fieber

Schon seit längerer Zeit ist das West-Nil-Virus (WNV) in Südeuropa etabliert. In den letzten Jahren stieg die Zahl der betroffenen Länder und der Erkrankungsfälle jedoch kontinuierlich an. In Deutschland wurde das Virus erstmals 2018 nachgewiesen.

Hauptreservoir sind Wildvögel; von ihnen aus können Stechmücken das Virus auf Menschen übertragen. Auch Pferde oder andere Säugetiere tragen es gelegentlich in sich. Sie gelten jedoch – ebenso wie erkrankte Menschen – nicht als Infektionsquelle für Vektoren, da ihre Viruslast im Blut für eine Transmission mutmaßlich nicht ausreicht.

Im vergangenen Jahr notierte das ECDC einen großen Ausbruch in Italien mit fast 800 Erkrankten und 72 Toten, vor allem in und um Rom sowie in Kampanien. Auch in Griechenland, Frankreich, Spanien und vielen osteuropäischen Ländern gibt es jedes Jahr zahlreiche humane WNV-Infektionen durch Stechmücken. In Deutschland registrierte man 2019 die ersten Fälle. 2024 meldete das RKI 35 Erkrankungen, vorwiegend in den östlichen Bundesländern. Die meisten wurden bei Routinetests anlässlich einer Blutspende entdeckt.

Die Zahl der Infizierten dürfte deutlich höher liegen, da nur etwa jeder Fünfte Symptome zeigt. Diese ähneln einer Virusgrippe: plötzlich einsetzendes Fieber mit Kopf- und Muskelschmerzen, Abgeschlagenheit und Lymphknotenschwellungen, oft mit einem blass-rötlichen Ausschlag.

Meist heilt das West-Nil-Fieber innerhalb von einer bis zwei Wochen ohne Komplikationen aus. Bei etwa einem von 100 Patienten greift es jedoch das Nervensystem an und kann eine Meningitis oder Enzephalitis auslösen. Bis zu 17 Prozent der Betroffenen sterben an dieser neuroinvasiven Form. Besonders hoch ist das Risiko bei älteren, immunsupprimierten oder chronisch vorerkrankten Patienten.

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