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Umweltschutz

Arzneistoffe im Abwasser

Auswirkungen von Arzneistoffen

Die europäische Kommission verfolgt das Vorkommen bestimmter Substanzen in Gewässern, von denen schädliche Effekte auf die Umwelt erwartet werden. Aktuell befinden sich auf der Beobachtungsliste (Watchlist) neben Ethinylestradiol, Estron und Estradiol unter anderem fünf Antibiotika: Amoxicillin, Ciprofloxacin, Erythromycin, Clarithromycin und Azithromycin. Eine vermehrte Freisetzung von Antibiotika in die Umwelt fördert ein vermehrtes Auftreten von Resistenzen gegen diese Antibiotika (8, 9).

Es reicht aber nicht, sich auf die Substanzen dieser Liste zu konzentrieren. Um die langfristigen Auswirkungen einzelner Arzneistoffe auf ganze Ökosysteme besser abschätzen zu können, werden in Studien isolierte Organismen oder spezifische Räuber-Beute-Beziehungen in An- oder Abwesenheit einzelner Arzneistoffe oder spezifischer Kombinationen betrachtet. Untersucht werden morphologische Veränderungen, Effekte auf das Futtersuchverhalten einzelner Organismen, die Fitness einer Beute oder eines Räubers oder das Fluchtverhalten und Räuber-Vermeidungsverhalten eines Beutetiers.

Antidepressiva: Fische ändern ihr Verhalten

Zu den umweltrelevanten Arznei­stoffen gehören beispielsweise Anti­depressiva. Die meisten beeinflussen im Gehirn die chemische Signalübertragung der biogenen Neurotrans­mitter Dop­amin, Noradrenalin und Serotonin am synaptischen Spalt. Viele hemmen die Wiederaufnahme der Transmitter, zum Beispiel SSRI (selek­tive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer), SNRI (selektive Serotonin-No­r­adrenalin-Wiederaufnahmehemmer) oder trizyklische Antidepressiva, be­ziehungsweise deren Abbau durch Monoaminoxidasehemmer.

Studien konnten zeigen, dass Anti­depressiva auch bei anderen Lebe­wesen vielseitige Effekte hervorrufen können und dies häufig schon in sehr geringen Konzentrationen. Wasser­lebewesen sind ihr Leben lang Arzneistoffrückständen ausgesetzt und akkumulieren diese teilweise.

Bereits Fluoxetin-Konzentrationen von 100 ng/L (entspricht 0,0001 mg/L) konnten die Schwimmgeschwindigkeit und das Schwimmverhalten bei manchen Wirbellosen beeinflussen. Bei ­jungen Tintenfischen (Sepia officinalis) reichten bereits Konzentrationen von 1 ng/L (0,000001 mg/L), um das Tarnverhalten zu beeinflussen. Beispielsweise bewegten sie sich beim Verstecken im Sand häufiger, was sie zu einer besser erkennbaren Beute für einen Räuber machen könnte.

Venlafaxin kann beim Östlichen Mos­kitofisch (Gambusia holbrooki) die ­circadiane Rhythmik beeinflussen. Trizyklische Antidepressiva wie Amitriptylin, Nortriptylin und Clomipramin ­erhöhten bei Karpfen (Cyprinus carpio) nach Langzeitexposition die Sterblichkeit und die Häufigkeit von morphologischen Anomalien an Organen oder Körpergröße (10, 11).

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