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Häufige Arzneistoffe

Steckbrief Prednisolon

Für die Entdeckung, Herstellung und Anwendung von Cortison gab es 1950 den Medizin-Nobelpreis. Von seinen synthetischen Derivaten Prednison, Methylprednisolon und Prednisolon hat Letzteres in der Verordnungshäufigkeit die Nase weit vorn.
Kerstin A. Gräfe
06.11.2020  07:00 Uhr

Was ist das Einsatzgebiet von Prednisolon?

Prednisolon kommt überall dort zum Einsatz, wo akute Entzündungen unterdrückt werden sollen. Je nach Indikation gibt es den Wirkstoff in Form von Tropfen, Tabletten, Salben, Cremes, Lösungen, Injektionen, Zäpfchen, Tinkturen und Schaum.

Typische Indikationen sind entzündliche Augenbeschwerden wie eine allergische Bindehautentzündung, allergische Haut- und Schleimhautentzündungen, entzündliche Darmerkrankungen sowie chronische Polyarthritis und Autoimmunerkrankungen. Des Weiteren wird das künstliche Corticoid beim Postmyokardinfarkt-Syndrom oder schweren Asthmaanfällen eingesetzt und kommt in der Notfallmedizin bei anaphylaktischem Schock oder auch nach Schlangenbissen und Insektenstichen zum Einsatz. In der Transplantationsmedizin verhindert es Abstoßungsreaktionen. Eine weitere Indikation ist die Substitutionstherapie bei Nebennierenrinden-Insuffizienz jeglicher Genese.

Wie wirkt Prednisolon?

Prednisolon wirkt etwa viermal stärker als das körpereigene Hydrocortison, gehört unter den synthetischen Glucocorticoiden aber dennoch zu den schwach wirksamen. Es wirkt immunsuppressiv und beeinflusst den Stoffwechsel fast aller Gewebe. In unphysiologisch hohen Dosen hat Prednisolon eine schnell einsetzende antiphlogistische und eine verzögert einsetzende immunsuppressive Wirkkomponente. Es hemmt hierbei die Chemotaxis und Aktivität von Zellen des Immunsystems sowie die Freisetzung und Wirkung von Mediatoren der Entzündungs- und Immunreaktionen.

Wie wird Prednisolon dosiert?

Die empfohlene Dosierung hängt von der Art und Schwere der Erkrankung ab. Für Erwachsene liegen sehr niedrige Dosen bei 1,5 mg pro Tag und hohe bei bis zu 100 mg täglich. Im Allgemeinen werden hohe Initialdosen verwendet – bis zu 1000 mg bei intravenöser Gabe –, die für einige Tage beibehalten werden und dann ausschleichend auf eine niedrigere Erhaltungsdosis reduziert werden können. Bei Kindern im Wachstum ist eine alternierende oder intermittierende Therapie ratsam.

Welche Nebenwirkungen kann Prednisolon haben?

Im Rahmen einer Hormonersatztherapie ist unter Beachtung der empfohlenen Dosierungen das Risiko für Nebenwirkungen gering. Dies gilt auch beim therapeutischen Einsatz in niedriger Dosierung. Bei höheren Dosen kann Prednisolon zu Bluthochdruck sowie Antriebs- und Appetitsteigerung führen. Zudem kann es zu einer Osteoporose kommen. Die meisten Patienten erhalten daher zusätzlich Calcium und Vitamin D. Des Weiteren ist unter der Therapie mit einem Anstieg des Blutzuckerspiegels zu rechnen, was zu einem Diabetes mellitus führen kann. Zudem ist das Risiko für Herz- und Gefäßerkrankungen erhöht. Eine weitere mögliche Folge sind Probleme mit den Augen – durch den Anstieg des Augeninnendrucks drohen Grauer oder Grüner Star. Auch Erkrankungen der Haut sind möglich, etwa die sogenannte Steroid-Akne und eine verzögerte Wundheilung. Nicht zuletzt kann auch die Psyche Schaden nehmen, möglich sind zum Beispiel Depressionen, Gereiztheit, Euphorie und Schlafstörungen.

Bei länger andauernder oder großflächiger topischer Anwendung können systemische Glucorticoid-Wirkungen wie die Suppression des Hypothalamus-Hypophysenvorderlappen-Nebennierenrinden-Regelkreises oder das Cushing Syndrom auftreten. Es führt zu äußerlichen Veränderungen wie einem »Vollmondgesicht«, Fettanlagerung an der Körpermitte oder im Nacken und Wasseransammlungen im Gewebe. Daneben treten eine ganze Reihe von Symptomen auf, etwa Akne, Zyklusstörungen bei Frauen, Impotenz bei Männern, verlangsamte Wundheilung, erhöhte Anfälligkeit für Infekte oder übermäßige Behaarung.

Was ist in Schwangerschaft und Stillzeit zu beachten?

Prednisolon sollte während der Schwangerschaft nur unter sorgfältiger Nutzen-Risiko-Abwägung angewendet werden. Gerade bei einer Langzeittherapie ist nicht auszuschließen, dass es beim Feten zu Wachstumsstörungen kommt. Auch während der Stillzeit ist eine strenge Indikationsstellung zwingend geboten, da Prednisolon in die Muttermilch übergeht. Ob der Säugling Schaden nimmt, ist nicht bekannt. Sollten höhere Dosen erforderlich sein, muss das Kind jedoch abgestillt werden.

Welche Wechselwirkungen sind möglich?

Prednisolon kann mit zahlreichen Wirkstoffen wechselwirken. So kann beispielsweise bei gleichzeitiger Anwendung von nicht steroidalen Antirheumatika aus der Salicylat-Untergruppe oder Indometacin sowie anderen nicht opioiden Schmerzmitteln die Gefahr von Magen-Darm-Geschwüren und -Blutungen steigen. Die gleichzeitige Gabe von CYP3A4-Induktoren kann die Corticoid-Wirkung vermindern, die von CYP3A4-Inhibitoren kann sie verstärken. Estrogene in oralen Kontrazeptiva können ebenfalls die Wirkung von Prednisolon verstärken. Die blutzuckersenkende Wirkung von Antidiabetika wird durch Prednisolon vermindert. Darum müssen häufig Blutzuckerkontrollen durchgeführt werden. Orale Antikoagulanzien wie Phenprocoumon werden in ihrer Wirkung abgeschwächt; ihre Dosis muss angepasst werden. Bei gleichzeitiger Anwendung von Prednisolon und Atropin sowie anderen Muskarinrezeptor-Antagonisten ist eine zusätzliche Augeninnendrucksteigerung möglich; regelmäßige ärztliche Kontrolluntersuchungen werden empfohlen. Bei gleichzeitiger Gabe von ACE-Hemmern kann das Risiko von Blutbildveränderungen erhöht sein. In Kombination mit Chloroquin, Hydrochloroquin oder Mefloquin besteht ein erhöhtes Risiko für das Auftreten von Muskel- und Herzmuskelerkrankungen.

Prednisolon führt zu einer vermehrten Kaliumausscheidung, die durch die gleichzeitige Anwendung von Diuretika weiter verstärkt wird. Auch durch Laxanzien kann ein Kaliumverlust entstehen oder verstärkt werden. Deshalb sind während der Behandlung regelmäßige ärztliche Kontrollen des Kaliumgehalts im Blut notwendig, besonders bei Patienten, die Herzglykoside einnehmen.

Wer hat Angst vor Cortison?

Cortison-Angst, Steroid-Angst, Corticoid-Phobie – für die Bedenken bei der Anwendung von Glucocorticoiden gibt es diverse Begriffe. Doch der schlechte Ruf der Cortison-haltigen Medikamente ist nicht gerechtfertigt. Vorurteile und Ängste gegenüber Cortison stammten aus einer Zeit, als das körpereigene Steroidhormon und seine Abkömmlinge oft zu hoch dosiert und über einen zu langen Zeitraum gegeben wurden. Die in der Selbstmedikation verfügbaren Arzneimittel mit Corticoiden wie Cremes, Salben und Nasensprays sind bei richtiger Anwendung und passender Dosierung sehr gut verträglich.

Seit wann gibt es Prednisolon?

Prednisolon, früher auch Metacortandralon oder Deltahydrocortison genannt, wurde im Jahr 1957 von der deutschen Arzneimittelfirma Merck entwickelt und als Solu Decortin® H auf den Markt gebracht. Es verdrängte aufgrund seiner vielseitigen Anwendung und seines Wirkprofils schnell andere damals genutzte Cortisonpräparate und ist seitdem zu einem der meistverkauften Arzneimittel auf dem internationalen Markt geworden.

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