Die medikamentöse Sekundärprophylaxe richtet sich nach den Leitlinien der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC) und der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie. So wird allen Patienten ohne Kontraindikationen eine Langzeitbehandlung mit 100 mg ASS einmal täglich empfohlen. Zusätzlich wird allen ACS-Patienten ein P2Y12-Rezeptorantagonist empfohlen. Dieser wird in einer einmaligen Initialdosis verabreicht, gefolgt von einer Erhaltungsdosis über zwölf Monate. Standardmäßig kommen Ticagrelor oder Prasugrel zum Einsatz. Clopidogrel gilt als weniger wirksam und wird angewendet, wenn Ticagrelor oder Prasugrel kontraindiziert sind oder ein erhöhtes Blutungsrisiko besteht.
Bei ACS-Patienten, die sich einer PCI unterziehen, sollte Prasugrel gegenüber Ticagrelor bevorzugt eingesetzt werden.
Im vorliegenden Fall erhielt der Patient entsprechend den Leitlinien zunächst eine einmalige Aufsättigungsdosis von 60 mg Prasugrel, gefolgt von 10 mg pro Tag peroral. Zusätzlich bekam er dauerhaft 100 mg ASS peroral pro Tag.
Nach einem ACS soll zudem so früh wie möglich eine lipidsenkende Therapie eingeleitet werden, um den prognostischen Benefit und die Compliance des Patienten nach dem stationären Aufenthalt zu erhöhen. Die aktuellen Guidelines empfehlen ein Ziel-LDL < 55 mg/dl.
Empfohlen wird der Einsatz von hoch potenten Statinen wie Atorvastatin oder Rosuvastatin in der maximal verträglichen Dosis. Aufgrund der längeren Halbwertszeit der beiden Substanzen hat der Einnahmezeitpunkt keinen relevanten Effekt auf das Ausmaß der LDL-C-Senkung. Wesentlich wichtiger ist die Adhärenz, die morgens häufig besser ist als am Mittag oder Abend. Mittel- bis niedrig potente Statine wie Simvastatin oder Pravastatin sollten abends eingenommen werden.
Patienten, die bereits bei Krankenhausaufnahme ein Statin in der maximal verträglichen Dosierung einnehmen und dennoch einen LDL-C-Wert von höher als 70 mg/dl aufweisen, sollten zusätzlich eine Non-Statin-Therapie erhalten. Gleiches gilt für Patienten, die bisher noch kein Statin erhalten haben, deren LDL-C-Wert jedoch so hoch ist, dass der Zielwert mit einem Statin allein voraussichtlich nicht erreicht werden kann.
Zum Einsatz kommen dann Ezetimib, Bempedoinsäure und PCSK9-Hemmer wie Evolocumab, Alirocumab und Inclisiran. Die üblicherweise eingesetzten Kombinationen synergistisch wirksamer Substanzen zur LDL-C-Senkung sind als Stufenschema dargestellt (Abbildung). Basis sind immer Empfehlungen zum gesunden Lebensstil.
Stufenschema zur Eskalation der Behandlungsintensität bei Nichterreichen der LDL-C-Zielwerte nach Empfehlungen der Lipid-
Liga. Die Stufen stellen Eskalationen der Behandlungsintensität bei Nichterreichen der LDL-C-Zielwerte dar. / © PZ/Stephan Spitzer