Fortschritte in der Onkologie und Perinatalmedizin haben dazu geführt, dass ausgewählte Therapiestrategien auch während der Schwangerschaft möglich sind. Dennoch bestehen weiterhin relevante Unsicherheiten hinsichtlich optimaler Diagnostik, Therapieentscheidungen und möglicher Langzeitfolgen für Mutter und Kind. Diese Unsicherheiten können zu Verzögerungen im Therapiebeginn oder zu übereilten Schwangerschaftsbeendigungen führen (4).
Therapeutische Entscheidungen sind stets individuell zu treffen und hängen von mehreren Faktoren ab, etwa von der Entität und Aggressivität der Erkrankung, dem Gestationsalter, der Dringlichkeit der Therapie sowie den Präferenzen der Patientin. Darüber hinaus spielen das reproduktive Alter, die Anzahl bereits vorhandener Kinder sowie die Umstände des Schwangerschaftseintritts, zum Beispiel eine assistierte Reproduktion, eine wichtige Rolle. Gerade nach reproduktionsmedizinischen Maßnahmen liegt häufig ein langer und belastender Kinderwunschweg bis zum Eintritt einer intakten Schwangerschaft vor, was die emotionale Bedeutung der Schwangerschaft und damit auch die Entscheidungsfindung wesentlich beeinflussen kann. Ebenso sind ethische und ethnisch-kulturelle Aspekte sowie die Perspektive des Partners beziehungsweise der Familie in die Entscheidungsfindung einzubeziehen.
Das häufigste fetale Risiko im Kontext mütterlicher onkologischer Erkrankungen ist die Frühgeburt. Studien zeigen eine signifikant erhöhte Rate an Frühgeburten sowie ein erhöhtes Risiko für ein niedriges Geburtsgewicht bei Kindern von Müttern mit schwangerschaftsassoziierten malignen Erkrankungen (5, 6, 7).
Unter schwangerschaftsassoziierten Krebserkrankungen (pregnancy-associated cancers, PAC) wird eine Malignomerkrankung verstanden, die während der Schwangerschaft oder innerhalb eines Jahres nach der Geburt auftritt. Ihre Inzidenz wird auf etwa 0,02 bis 0,1 Prozent aller Schwangerschaften geschätzt. Hämatologische Malignome machen hiervon etwa 25 Prozent aus (8, 9).
Viele schwangere Krebspatientinnen können ab dem zweiten Trimester eine nahezu standardmäßige onkologische Therapie erhalten. / © Getty Images/Liliya Krueger
Zu den häufigsten hämatologischen Neoplasien in der Schwangerschaft zählen Hodgkin- und Non-Hodgkin-Lymphome, akute Leukämien (AML/ALL) und die chronische myeloische Leukämie (CML). Selten treten Erkrankungen wie Multiples Myelom, chronische lymphatische Leukämie (CLL) sowie myelodysplastische oder myeloproliferative Neoplasien während der Schwangerschaft auf. Aufgrund des zunehmend höheren Alters von Erstgebärenden wird erwartet, dass die Anzahl der diagnostizierten Fälle weiter ansteigen wird (10).
Wenn eine stadiengerechte Therapie ohne unnötige Verzögerung eingeleitet wird, ist die Prognose der Mutter in vielen Fällen vergleichbar mit der von nicht schwangeren Patientinnen (11). Allerdings kann die Prognose je nach Erkrankung variieren. Einige Studien weisen darauf hin, dass Leukämien bei Schwangeren mit einer ungünstigeren Prognose assoziiert sein können als Lymphome (12).