Rund ein Viertel aller Krebserkrankungen, die während der Schwangerschaft oder innerhalb eines Jahres nach der Geburt auftreten, sind Malignome des blutbildenden Systems. / © Getty Images/KatarzynaBialasiewicz
Maligne hämatologische Erkrankungen wie Leukämien, Lymphome und das Multiple Myelom treten überwiegend außerhalb des reproduktiven Alters auf, können jedoch auch während der Schwangerschaft diagnostiziert werden. Insbesondere in frühen Schwangerschaftswochen erfordert die Frage, ob die Schwangerschaft fortgeführt werden soll beziehungsweise kann, eine sorgfältige, ergebnisoffene und patientinnenzentrierte Beratung.
Die gleichzeitige Manifestation einer malignen Erkrankung und einer Schwangerschaft ist eine komplexe medizinische und ethische Herausforderung. Einerseits muss eine effektive onkologische Therapie für die Mutter sichergestellt werden, andererseits sind potenzielle Risiken für den Fetus möglichst gering zu halten. Die Pränataldiagnostik nimmt eine zentrale Rolle ein, um unabhängig von einer Tumorerkrankung der Schwangeren bestehende fetale Auffälligkeiten frühzeitig zu erkennen.
Der nicht invasive Pränataltest (NIPT) ist jedoch schwierig zu interpretieren und klinisch zu verwerten, wenn die werdende Mutter ein hämatologisches Malignom hat: Tumorbedingte zellfreie DNA (cfDNA) im mütterlichen Plasma – die entsteht, wenn Krebszellen absterben, sich teilen, oder durch das Immunsystem zerstört werden –, kann die Testergebnisse erheblich verfälschen und zu falsch positiven oder nicht interpretierbaren Befunden hinsichtlich Abweichungen des Chromosomensatzes beim Fetus (fetale Aneuploidien) führen.
Der Hintergrund ist, dass der nicht invasive Pränataltest zellfreie DNA im mütterlichen Blutplasma zwar mengenmäßig erfasst, ihre genaue Herkunft jedoch nicht sicher auseinanderhalten kann. Neben mütterlicher und plazentarer cfDNA (die als stellvertretend für den Fetus gilt) können in seltenen Fällen auch DNA Fragmente aus Tumorzellen im Blut nachweisbar sein. Da Tumorzellen häufig numerische Chromosomenveränderungen aufweisen, setzen sie beim Zelluntergang oder infolge immunologischer Prozesse chromosomal auffällige DNA frei. Diese Fragmente können bei der Auswertung fälschlich der plazentaren beziehungsweise fetalen cfDNA zugerechnet werden und so den Eindruck einer Über oder Unterrepräsentation einzelner Chromosomen des Fetus erwecken.
Die nachgewiesenen chromosomalen Veränderungen spiegeln jedoch häufig die mütterliche Krebserkrankung wider und nicht die chromosomale Ausstattung des ungeborenen Kindes, den fetalen Karyotyp (1,2).
Hämatologische Malignome sind die häufigste Krebsart, die durch auffällige NIPT-Ergebnisse erkannt wird (3). In großen Studien treten solche Befunde bei etwa 0,02 bis 0,03 Prozent aller getesteten Schwangerschaften auf. Bei multiplen chromosomalen Aberrationen, also gleichzeitig auftretenden strukturellen und/oder numerischen Veränderungen mehrerer Chromosomen, ist die Wahrscheinlichkeit für eine Krebserkrankung hoch.
Der nicht invasive Pränataltest ist ein Bluttest, bei dem zellfreie DNA im mütterlichen Blutplasma analysiert wird. / © Getty Images/MR.Cole_Photographer
Für die fetale Diagnostik ist der NIPT bei Schwangeren mit einer Tumorerkrankung des blutbildenden Systems daher unzuverlässig. Besteht weiterhin der Verdacht auf eine Aneuploidie beim Ungeborenen, sollte eine invasive Diagnostik erfolgen, etwa eine Fruchtwasseruntersuchung (Amniozentese) oder eine Chorionzottenbiopsie, bei der unter Ultraschallkontrolle Gewebe aus der Plazenta entnommen wird.
Ein genomweiter NIPT kann hingegen als Hinweis auf eine mütterliche Malignität dienen und sollte eine gezielte onkologische Abklärung nach sich ziehen. Es fehlen bislang jedoch einheitliche evidenzbasierte Leitlinien, weshalb Entscheidungen häufig auf Expertenkonsens beruhen.