Neben der Gewichtszunahme als solche belasten auch Folgeerkrankungen wie das metabolische Syndrom, Typ-2-Diabetes und kardiovaskuläre Risiken. Besonders vulnerabel sind Kinder. Ihr noch wachsendes Organ- und Hormonsystem reagiert besonders sensibel auf rezeptorvermittelte Signaleingriffe; bei einer Dauermedikation kumuliert das kardiometabolische Risiko über lange Zeit. Bei Stimulanzien erfordern Appetitverlust und Wachstumsverzögerung ein regelmäßiges Monitoring (34–35).
Ein weiteres Risiko für eine Gewichtszunahme ist die Polypharmazie. Die kumulative Wirkung mehrerer gewichtsfördernder Substanzen, etwa Insulin, orale Glucocorticoide und bestimmte Antidepressiva gleichzeitig, kann die Effekte jeder Einzelsubstanz übersteigen. Ein Dilemma bei Senioren besteht darin, dass Adipositas metabolische und kardiovaskuläre Risiken erhöht. Andererseits ist eine rasche oder starke Gewichtsreduktion mit dem Verlust von Muskelmasse (Sarkopenie) und Knochendichte verbunden und dann steigen Sturzrisiko und Fragilität (36).
Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen wie Schizophrenie, Depression oder bipolarer Störung haben in der Regel eine schlechtere körperliche Verfassung und eine reduzierte Lebenserwartung im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung. Die erhöhte kardiovaskuläre Mortalität wird teilweise auf vermehrte modifizierbare Risikofaktoren wie Adipositas, Rauchen, Diabetes, Hypertonie und Dyslipidämie zurückgeführt. Eine Gewichtszunahme unter Psychopharmaka verstärkt das kardiale Risiko und veranlasst Patienten häufig dazu, eine wirksame Behandlung abzubrechen (37–38).

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Viele Arzneistoffe wirken sich nicht aufs Körpergewicht aus oder senken es sogar messbar. Metformin beispielsweise gilt als gewichtsneutral bis leicht gewichtsreduzierend. Dies beruht vermutlich darauf, dass Metformin hypothalamische Appetitregulationszentren, das Darmmikrobiom sowie Alterungsprozesse beeinflusst. Zudem kann es den Geschmack verändern und dazu führen, dass den Patienten das Essen nicht mehr so gut schmeckt und sie deswegen weniger essen.
Von den blutzuckersenkenden Therapien führen auch SGLT2-Inhibitoren und GLP1-Rezeptoragonisten zu einer Gewichtsreduktion. Bei GLP1-Agonisten (Semaglutid, Tirzepatid) ist der Gewichtsverlust inzwischen sogar ein primäres Therapieziel. In höherer Dosierung verlieren Patienten damit 10 bis 20 Prozent des Ausgangsgewichts. Zugrunde liegen eine zentral vermittelte Appetitverminderung, verzögerte Magenentleerung und veränderte Nahrungspräferenzen.
SGLT2-Inhibitoren (Empagliflozin, Dapagliflozin, Canagliflozin) reduzieren das Körpergewicht, indem sie die renale Glucose-Rückresorption blockieren. Die resultierende Glucosurie führt zu Verlusten von 3 bis 4 Prozent des Ausgangsgewichts.
Unter den Antidepressiva hat Bupropion einen gewichtsreduzierenden Effekt. Es ist in Kombination mit Naltrexon sogar zur Adipositasbehandlung zugelassen und in Deutschland unter den Markennamen Mysimba® nach längerer Abwesenheit jetzt wieder erhältlich.
Auch Fluoxetin ist mit einem Gewichtsverlust assoziiert (meist in der Akutphase). Der Mechanismus umfasst eine serotonerg beziehungsweise dopaminerg vermittelte Appetitverminderung und Erhöhung des Sättigungsgefühls.
Methylphenidat und Amphetamin-Derivate, die zur Therapie von ADHS eingesetzt werden, erhöhen unter anderem die Verfügbarkeit von Dopamin im Gehirn und reduzieren dadurch den Appetit. Wenn die Wirkung nachlässt, kommt meist auch das Hungergefühl zurück, sodass man bei einer unerwünschten Abnahme die Nahrungsaufnahme entsprechend zeitlich planen sollte.
Auch Geschmacksstörungen können Gewichtsverlust und Nährstoffmängel verursachen. Von 1645 in einer Arzneimitteldatenbank registrierten Substanzen wiesen 17 Prozent Dysgeusie als dokumentierte Nebenwirkung auf. Besonders häufig ist diese bei antineoplastischen und immunmodulierenden Substanzen sowie Antiinfektiva und Arzneimitteln, die auf das Nervensystem einwirken.
Literatur: 40–48