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Nebenwirkungen
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Mehr Gewicht durch Arzneimittel

Verschiedene Medikamente können Gewichtsveränderungen auslösen. Der Effekt hängt vom Arzneistoff ab und ist nicht bei allen Vertretern einer Wirkstoffgruppe gleich.
AutorKontaktNicole Schuster
Datum 21.05.2026  09:00 Uhr

»Alle Antidepressiva machen dick«, ist zwar ein Vorurteil. Dennoch sind eine Gewichtszunahme und gelegentlich auch eine -abnahme infolge einer Therapie keine Seltenheit. Für Patienten sind die körperlichen und für jeden sichtbaren Veränderungen oft belastend und können die Adhärenz beeinträchtigen. Besonders groß ist dieses Risiko bei Psychopharmaka. Neben den psychischen Folgen sind die metabolischen Risiken zu bedenken. Eine arzneimittelinduzierte Gewichtszunahme kann eine Insulinresistenz auslösen oder verstärken, Typ-2-Diabetes begünstigen und kardiovaskuläre Risikoprofile verschlechtern.

Allerdings ist nicht jede Gewichtszunahme tatsächlich eine Nebenwirkung im eigentlichen Sinn. Als Beispiel: Wenn eine antidepressive Therapie anschlägt, normalisieren sich häufig Appetit und Essverhalten. Eine Zunahme infolge einer Appetitrestitution ist somit ein Ausdruck der Krankheitsbesserung und keine Arzneimittelnebenwirkung. Gewichtsveränderungen können grundsätzlich auch auf andere Krankheiten wie Funktionsstörungen der Schilddrüse zurückgehen. In klinischen Studien hat sich daher als methodischer Standard die Placebo-adjustierte Gewichtsveränderung etabliert.

Zudem gibt es viele Ursachen für Gewichtsschwankungen. Dies können die Erkrankung selbst oder Einflussfaktoren wie veränderte Lebensgewohnheiten durch die Studienteilnahme sein. Die Placebo-subtrahierte Gewichtsveränderung ergibt sich rechnerisch als Differenz zwischen der mittleren Gewichtsveränderung in der Verumgruppe und in der Placebogruppe. Ohne diese Korrektur würde die gewichtsbezogene Wirkung eines Arzneimittels systematisch über- oder unterschätzt (1).

Antidepressiva als Modellbeispiel

Die Bandbreite möglicher Gewichtseffekte veranschaulicht die Klasse der Antidepressiva. In einer Metaanalyse, die 116 Studien auswertete, waren Amitriptylin, Mirtazapin und Paroxetin mit dem größten Risiko einer Gewichtszunahme assoziiert, während unter Fluoxetin und Bupropion eine Abnahme beobachtet wurde. Der Effekt von Fluoxetin war auf die Akutphase der Behandlung begrenzt. In der Langzeittherapie verstärkten sich die substanzspezifischen Unterschiede. Die Substanzauswahl ist also auch unter metabolischen Gesichtspunkten bedeutsam (2).

In einer Kohortenstudie mit mehr als 183.000 Patienten wurden Gewichtsveränderungen über 24 Monate mit Sertralin als Referenzsubstanz untersucht (3) (Tabelle 1). Im Vergleich zu Sertralin war die geschätzte Gewichtszunahme nach sechs Monaten höher für Escitalopram, Paroxetin, Duloxetin, Venlafaxin und Citalopram, vergleichbar für Fluoxetin und niedriger für Bupropion. Fazit auch hier: Über das metabolische Risiko entscheiden die pharmakologischen Profile der einzelnen Wirkstoffe und nicht primär, ob ein Arzneistoff zu einer Substanzklasse wie den selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern gehört.

Die Studie zeigte zudem eine geringe Therapietreue. Nach 24 Monaten nahmen nur noch 4 bis 5 Prozent der Patienten ihr Arzneimittel ein. Bupropion zeigte die höchste Adhärenzrate, was mit seinem günstigeren Gewichtsprofil zusammenhängen könnte (3).

Wirkstoff Gewichtsveränderung (kg)
nach 6 Monaten nach 12 Monaten nach 24 Monaten
Sertralin Referenz Referenz Referenz
Escitalopram +0,41 +0,41 +0,16
Paroxetin +0,37 0,+15 –0,14
Duloxetin +0,34 –0,11 –0,91
Venlafaxin +0,17 –0,12 –0,59
Citalopram +0,12 +0,03 –0,11
Fluoxetin –0,07 (n.s.) –0,06 –0,20
Bupropion –0,22 –0,71 –0,91
Tabelle 1: Gewichtsveränderungen bei Antidepressiva, verglichen mit Sertralin (3)
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