Viele Krebspatienten benötigen auch nach Abschluss der Primärtherapie eine medikamentöse Behandlung, um das Rezidivrisiko zu senken. Besonders häufig ist dies der Fall bei hormonrezeptorpositivem Brustkrebs. Abhängig vom individuellen Rezidivrisiko empfehlen die Leitlinien eine endokrine Therapie mit Tamoxifen oder Aromatasehemmern wie Letrozol oder Exemestan über einen Zeitraum von fünf bis zehn Jahren. Die Hemmung der Estrogenwirkung beziehungsweise -produktion geht jedoch häufig mit Beschwerden einher, die typischen Wechseljahressymptomen ähneln. Dazu zählen Hitzewallungen, vaginale Trockenheit und Gelenkschmerzen. Unter Aromatasehemmern kommt zudem ein beschleunigter Knochenabbau hinzu.
Auch Männer mit Prostatakarzinom erhalten häufig über mehrere Jahre eine antihormonelle Therapie, etwa mit GnRH-Agonisten oder -Antagonisten wie Goserelin oder Relugolix beziehungsweise mit CYP17-Inhibitoren wie Abirateron. Zu den häufigsten Nebenwirkungen zählen Hitzewallungen, Libidoverlust, Muskelabbau und ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Vergleichbare Beschwerden können auch nach einer operativen Kastration auftreten.
Nicht nur antihormonelle Behandlungen, sondern auch moderne zielgerichtete Therapien werden oft über lange Zeiträume fortgeführt, teilweise sogar lebenslang. Beispiele sind Tyrosinkinasehemmer bei chronischer myeloischer Leukämie oder PARP-Inhibitoren bei fortgeschrittenem Ovarialkarzinom. Damit gewinnen die langfristige Begleitung der Betroffenen sowie ein konsequentes Management therapiebedingter Nebenwirkungen zunehmend an Bedeutung.
Die Nebenwirkungen dieser Langzeittherapien können die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen und damit die Therapieadhärenz gefährden. Apotheker können hier wesentlich zum Behandlungserfolg beitragen, indem sie die Betroffenen zu symptomlindernden Maßnahmen beraten und auf die Bedeutung der Adhärenz hinweisen.
Selbst wenn Krebsüberlebende keine Medikamente mehr benötigen und medizinisch als geheilt gelten, können die Folgen der Erkrankung und ihrer Behandlung noch lange nachwirken. Zu den häufigsten und belastendsten Spätfolgen zählt die chronische Fatigue. Betroffene leiden unter einer ausgeprägten körperlichen, emotionalen und geistigen Erschöpfung, die sich durch Schlaf oder Ruhephasen kaum bessert und den Alltag erheblich beeinträchtigen kann.
Etwa zwei Drittel der Krebsüberlebenden leiden unter einer chronischen Erschöpfung, die das Privat- und Berufsleben massiv beeinträchtigen kann. / © Getty Images/Yurii Yarema
Einer aktuellen Studie des Deutschen Krebsforschungszentrums zufolge sind rund ein Drittel der Langzeitüberlebenden von Brust-, Darm- oder Prostatakrebs auch noch fünf bis 16 Jahre nach der Diagnose von Fatigue betroffen. Darüber hinaus war die Fatigue mit einer erhöhten Gesamtsterblichkeit assoziiert. Als effektivste und am besten belegte Therapie gilt regelmäßige, individuell angepasste körperliche Aktivität. Sowohl Ausdauer- als auch moderates Krafttraining können die Beschwerden nachweislich lindern. Positive Effekte zeigten sich in Studien auch für Yoga, Tai-Chi und Qigong.
Zu den Langzeitfolgen gehören auch chronische Schmerzen, unter denen bis zu 40 Prozent der Langzeitüberlebenden leiden. Sie können durch Narben oder Gewebeveränderungen entstehen, aber auch durch potenziell nervenschädigende Zytostatika. Typische Symptome sind Kribbeln, Taubheit, Missempfindungen, Funktionsstörungen und/oder stechende Schmerzen in den Gliedmaßen. Bei einem Teil der Betroffenen bilden sich die Beschwerden nach Ende der Therapie nicht zurück, sondern können sich sogar weiter verschlechtern und über Monate oder Jahre fortbestehen. Auch der Tumor selbst sowie operative Eingriffe und Strahlentherapien können Nerven dauerhaft beeinträchtigen.
Zur Behandlung neuropathischer Schmerzen haben sich insbesondere Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRI) wie Duloxetin und Venlafaxin sowie Calciumkanalblocker wie Gabapentin und Pregabalin bewährt. In schweren Fällen können auch Opioide zum Einsatz kommen. Nicht steroidale Antirheumatika (NSAR), Paracetamol und Metamizol gelten bei einer Chemotherapie-induzierten peripheren Neuropathie (CIPN) dagegen als nur eingeschränkt wirksam. Als lokale Therapieoptionen empfiehlt die Leitlinie »Supportive Therapie« unter anderem 8-prozentiges Capsaicin- beziehungsweise 5-prozentiges Lidocain-Pflaster sowie 1-prozentige Mentholcreme. Ergänzend kann eine Bewegungstherapie mit Balance- und Koordinationsübungen sowie sensomotorischem Training dazu beitragen, die Beschwerden zu lindern.