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Rheuma bei Kindern

Immunattacke auf die Gelenke

Bei Rheuma denkt man zunächst meist an ältere Menschen. Doch chronisch-entzündliche Gelenkerkrankungen treten in jedem Alter auf – sogar bei Säuglingen. In Deutschland sind etwa 15.000 Kinder und Jugendliche betroffen.
Clara Wildenrath
09.04.2020  11:00 Uhr

Die ersten Anzeichen können ganz unterschiedlich sein. Ein Kleinkind möchte plötzlich wieder getragen werden, hinkt gelegentlich oder bewegt sich nur noch ungern. Bei einem Schulkind wird vielleicht die Schrift krakelig und es klagt über Schmerzen in den Fingern oder Knien. Manchmal sind auch die Augen entzündet. Ein typischer Hinweis auf eine rheumatische Erkrankung sind geschwollene, gerötete und überwärmte Gelenke mit eingeschränkter Beweglichkeit.

Der Begriff juvenile idiopathische Arthritis (JIA) fasst verschiedene ­Formen chronisch-entzündlicher Gelenkerkrankungen im Kindes- und Jugendalter zusammen. Gemeinsam ist ihnen eine unklare Ätiologie, der Beginn vor dem 16. Lebensjahr und eine Dauer von mindestens sechs Wochen. In Deutschland ist etwa eines von 1000 Kindern betroffen. Pro Jahr geht die Deutsche Rheuma-Liga von 1200 Neuerkrankungen aus. In den meisten Fällen macht sich die JIA bereits im Kleinkind- oder Vorschulalter bemerkbar. Insgesamt tritt sie bei Mädchen etwa doppelt so häufig auf wie bei Jungen; der Anteil unterscheidet sich allerdings bei den verschiedenen Subgruppen der JIA zum Teil erheblich.

Anders als bei Erwachsenen äußert sich Rheuma bei Kindern oft nicht in erster Linie durch Schmerzen, sondern eher durch Bewegungseinschränkungen und Schonhaltungen. Wird die Erkrankung nicht rechtzeitig erkannt und behandelt, drohen dauerhafte Gelenkschäden und Organkomplikationen, zum Beispiel Sehkraftverluste durch die rheumatische Augenentzündung.

Man geht heute davon aus, dass es sich bei allen JIA-Formen um Auto­immunerkrankungen handelt. Fehlgeleitete Abwehrreaktionen richten sich zum Beispiel gegen die Gelenkinnenhaut. Dadurch werden proinflamma­torische Zytokine wie Interleukine (IL) und Interferon-gamma (IFN-γ) aus­geschüttet, was zu einem massiven Einstrom von Immunzellen in die ­Gelenkflüssigkeit (Synovia) führt. Diese Entzündungsprozesse schädigen auf Dauer Knochen, Knorpel und Sehnen. Spezifische Autoantikörper wie etwa den Rheumafaktor (RF) oder ­antinukleäre Antikörper (ANA) findet man bei Kindern allerdings seltener als bei der rheumatoiden Arthritis Erwachsener. Ihr Nachweis ist ein wichtiges Kriterium für die Zuordnung zu den verschiedenen JIA-Subgruppen.

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