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Harnwegsinfekte
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Im Alter häufig atypisch

Bei älteren Menschen gilt es, bei der Diagnostik und Therapie unkomplizierter Harnwegsinfektionen (HWI) besondere Aspekte zu berücksichtigen – zumal die Symptome häufig atypisch sind. Die aktualisierte S3-Leitlinie zu unkomplizierten HWI führt geriatrische Patienten erstmals als eigenständige Gruppe. Was das Apothekenteam wissen sollte.
AutorKontaktDaniel Finke
Datum 09.10.2025  09:00 Uhr

Antibiotische Langzeitprophylaxe

Für die antibiotische Langzeitprophy­laxe bei geriatrischen Frauen eignen sich Trimethoprim, auch in Kombina­tion mit Sulfamethoxazol, und Nitrofurantoin in niedriger Dosis. Die Priscus-Liste 2.0 eignet sich, um Arzneimittel hinsichtlich ihrer Nebenwirkungen und der Eignung für geriatrische Patienten zu prüfen (15).

Beispielsweise werden Fluorchinolone als potenziell inadäquat eingestuft. Für Nitroxolin fehlen ausreichend validierte Studien, sodass sich keine Aussagen zum Einsatz bei geriatrischen Patienten tätigen lassen (16).

Besonderheiten im Management

Im Gegensatz zu jüngeren Personen mit HWI müssen bei geriatrischen ­Patienten Risiken wie Multimedikation, Gedächtnisprobleme oder Schluckstörungen berücksichtigt werden.

Insbesondere der Einsatz von Fluorchinolonen und Fosfomycin sollte sehr gut ­bedacht sein. Nebenwirkungen, die bei Älteren sehr häufig ­auftreten, sind ZNS-Störungen wie Verwirrt­heit, ­Halluzinationen und Krampf­anfälle. Ebenso kann es zu Entzündungen und Rupturen der ­Sehnen, zu QT-Zeit-Verlängerung und potenziell irreversiblen Neuropathien kommen. Insbesondere bei gleichzei­tiger Antidiabetika-Therapie können Hypoglykämien entstehen (15).

Risikopartner sind Corticosteroide, da diese das Risiko für Sehnenrupturen erhöhen können, zudem Antiarrhythmika wie Amiodaron und Sotalol, die das Risiko für QT-Zeitverlängerungen steigern, und Vitamin-K-Antagonisten, die das Blutungsrisiko erhöhen. Bei der Kombination aus Fluorchinolonen und NSAR wurde eine erhöhte Krampfanfallsrate beobachtet.

Bei Fosfomycin sind Wechselwirkungen weniger bekannt, da der Arzneistoff kaum hepatisch metabolisiert wird und eine geringe Plasmaproteinbindung aufweist. Jedoch muss beachtet werden, dass bei gleichzeitiger Gabe von Medikamenten mit nephrotoxischem Potenzial, zum Beispiel von Vancomycin und Aminoglykosiden, das Risiko für eine Nierenschädigung steigt.

Alternativen zur Antibiotikatherapie

Bei unkomplizierten Verläufen kann eine nicht antibiotische Therapie erwogen werden – ausgenommen sind Schwangere, Männer und Patienten mit funktionellen oder anatomischen Anomalien. Auch relevante Nierenfunktionsstörungen, Störungen der Immunabwehr, eine HIV-Infektion, ein schlecht eingestellter Diabetes mellitus oder eine Chemotherapie limitieren eine nicht antibiotische Therapie.

Die Selbstmedikation mit Phytopharmaka oder nicht steroidalen Antirheumatika (NSAR) kommt in erster Linie für jüngere, ansonsten gesunde Frauen mit unkomplizierter HWI in ­Betracht, auch als Ergänzung zu Antibiotika. In der Leitlinie wird die Selbstmedikation nicht explizit für geria­trische Patientinnen empfohlen. Das schließt diese Patientengruppe aber umgekehrt nicht automatisch davon aus. Nach der Leitlinie werden NSAR wie Ibuprofen oder Diclofenac, pflanzliche Präparate mit Bärentraubenblätterextrakt, Liebstöckel, Rosmarin und Tausendgüldenkraut oder D-Mannose eingesetzt.

In Studien, die in der Leitlinie aufgeführt sind, konnten durch eine Selbstmedikation 63 Prozent Antibiotika eingespart werden (1). Durch die Therapie mit Bärentraubenblättern konnten 64 Prozent und durch die Gabe von Liebstöckel, Rosmarin und Tausendgüldenkraut sogar 84 Prozent Antibiotika eingespart werden.

Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass pflanzliche Arzneimittel und NSAR laut Leitlinie bei nicht geriatrischen Patientinnen als Antibiotika-Alternative erwogen werden sollten (1). In der früheren Version hieß es noch, diese können erwogen werden. Damit hat sich der Empfehlungsgrad um eine Stufe erhöht (»kann« < »sollte« < »soll«).

Anwenderinnen von Bärentraubenblättern sollten darüber ­informiert werden, dass entsprechende Arzneimittel nicht länger als eine ­Woche und nicht häufiger als fünfmal pro Jahr angewendet werden sollen. Das Prodrug Arbutin wird im Dünndarm resorbiert und anschließend in der Leber enzy­matisch gespalten. Die entstandenen Hydrochinon-Konjugate wirken intrabakteriell und reduzieren die Keimzahl in den ableitenden Harnwegen. Für die Spaltung spielt der pH-Wert des Urins keine Rolle.

Mit D-Mannose lassen sich Infektionen sowohl vorbeugen als auch behandeln. Gebunden an die Fimbrien von E. coli, führt der Einfachzucker zur vermehrten Ausscheidung der Erreger mit dem Urin, da sich diese nicht mehr an die Blasenwand anheften können. Eine erhöhte Trinkmenge unterstützt dabei.

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