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Lymphsystem
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Filternetz und Polizei des Körpers

Neben dem Blutkreislauf ist das Lymphsystem das zweite große Transportsystem des Körpers. Es ist ein wichtiger Teil des Immunsystems und entsorgt mit einem dichten Netzwerk an Gefäßen Abfallprodukte von Stoffwechselprozessen, Zelltrümmer und Schadstoffe. Auch am Verblassen einer Tätowierung ist das Lymphsystem beteiligt.
AutorKontaktBarbara Staufenbiel
Datum 17.11.2024  08:00 Uhr

Wann zum Arzt?

Geschwollene Lymphknoten schrumpfen auf die normale Größe, wenn die Ursachen behandelt sind und abklingen. Das Apothekenpersonal sollte zum Arztbesuch raten, wenn Lymphknoten rot, warm und schmerzempfindlich sind, weiter anschwellen, sich hart anfühlen und nicht frei beweglich sind. Dies gilt auch bei Begleitsymptomen wie Fieber, Nachtschweiß oder unerklärlicher Gewichtsabnahme. Eine Biopsie ist indiziert, wenn die abnormale Schwellung eines Lymphknotens nach vier Wochen nicht abgeklungen ist.

Lymphknoten können über einige Monate bis Jahre ohne weitere Beschwerden geschwollen bleiben. Ursache hierfür sind Infektionskrankheiten, zum Beispiel eine infektiöse Mononukleose (Pfeiffersches Drüsenfieber), die zu einer lang anhaltenden Gewebeverdichtung (Sklerosierung) führen.

Lymphknotenentzündung

Entzünden sich die Lymphknoten, so spricht man von einer Lymphadenitis; dies ist eine mögliche Begleiterscheinung einer Lymphadenopathie oder einer Lymphangitis.

Pathogene Erreger einer Infektion von Haut, Ohren, Nase oder Augen sowie der infektiösen Mononukleose, Zytomegalieviren und Streptokokken, Erreger von Tuberkulose oder Syphilis können einen oder mehrere Lymphknoten infizieren. Neben der Schwellung fühlen sich die Lymphknoten heiß und schmerzhaft an. Oft rötet sich die Haut über den Lymphknoten. Es kann Fieber hinzukommen oder ein Abszess, der operativ behandelt werden muss.

Bakterielle Infektionen erfordern eine antibiotische Therapie. Die Behandlung richtet sich nach dem Erreger. In der Apotheke kann man zu warmen feuchten Umschlägen raten, die die Schmerzen in den entzündeten Lymphknoten lindern.

Lymphödem: Wasser im Gewebe

Bei Störungen im Lymphabfluss oder den Lymphknoten verbleibt mehr Flüssigkeit im Gewebe und wird nicht mehr richtig abtransportiert: Ein Ödem entsteht. Abzugrenzen ist dieses Lymphödem von anderen Ödemen, bei denen sich bedingt durch verschiedene Erkrankungen (Herz-Kreislauf-, Lungen-, Stoffwechsel-, Nieren-, Venen- oder Lebererkrankungen) mehr Flüssigkeit im Interstitium sammelt. Es gibt Mischformen.

Ein akutes Lymphödem entsteht lokal durch eine Entzündung. Klingt diese ab, verschwindet das Lymphödem. Beim meist lebenslang bestehenden chronischen Lymphödem unterscheidet man das primäre vom sekundären (Tabelle).

Erkrankung und Manifestationsalter Symptome Ursachen
Primäres Lymphödem
kongenitales Lymphödem
Manifestation direkt nach der Geburt
verschiedene Lymphödeme, vor allem an den Extremitäten hereditäres Lymphödem Typ I (Nonne-Milroy-Syndrom) oder sporadische Form (nicht erblich bedingt)
Lymphödem praecox (juveniles Lymphödem)
2. bis 35. Lebensjahr, Manifestation in der Pubertät
unkontrollierbare Verkrampfungen der Kiefer-, Mund-, Zungen- und Augenlidmuskulatur
Ödeme an den Extremitäten, Minderwuchs, Übergewicht
hereditäres Lymphödem Typ II (Meige-Syndrom) oder
sporadische Form (nicht erblich bedingt)
Lymphödem tardum
Beginn nach dem
35. Lebensjahr
Lymphödeme am ganzen Körper zunehmend eingeschränkte Transportkapazität des Lymphsystems
Sekundäres Lymphödem
Phlebolymphödem Ödem der unteren Extremitäten chronisch venöse Insuffizienz
Lymphstau durch maligne Erkrankungen Ödem im Tumorgebiet
Ödem im Arm, Achsel- oder Leistenbereich
Störungen des lymphatischen Gefäßsystems durch Verlegung oder Unterbrechung von Lymphwegen
Lymphknotendissektion, zum Beispiel bei Brustkrebs
Strahlentherapie
lymphatische Filariose Fieber, Lymphödem, Elefantiasis Infektion durch einen Mückenstich mit einer von drei Arten von Filarioidea
Adipositas Adipositas-bedingtes Lymphödem Kompression von Lymphgefäßen mit Flüssigkeitsstau
Tabelle: Primäres und sekundäres Lymphödem

Das seltenere primäre Lymphödem ist genetisch oder durch eine lymphatische Hypoplasie verursacht. Es kann sich bereits im Säuglingsalter oder später im Leben bemerkbar machen. Neben den Extremitäten können alle Organe betroffen sein.

Das sekundäre Lymphödem ist deutlich häufiger und Folge von gefäßbedingten Störungen des Lymphflusses. Es wird verursacht durch andere Erkrankungen (Übergewicht, Verletzungen) oder eine Tumortherapie (Operation, Bestrahlung). Das sogenannte Phlebödem, häufige Begleiterscheinung einer venösen Insuffizienz, ist kein »echtes« Lymphödem. Es liegt keine Transportstörung, sondern eine Überforderung des Lymphsystems durch zu viel Gewebsflüssigkeit vor.

Klagt ein Patient über geschwollene Beine, sollte das Apothekenteam auf die deutlich bessere Effizienz einer Kompressionstherapie im Vergleich zu Venensalben hinweisen. Die Anspannung der Muskulatur unterstützt den Transport der Lymphflüssigkeit. Bewegungsmangel stört den Transportfluss und erhöht daher das Risiko eines Staus im Lymphgewebe mit Bildung eines Lymphödems. Übergewicht verursacht ebenfalls einen Stau der Lymphflüssigkeit, da durch das vermehrte Fettgewebe die Lymphgefäße nicht frei zugänglich sind.

Typisch ist eine progredient, meist einseitig verlaufende Ödembildung vorwiegend in den Extremitäten, in deren Verlauf es zur Fibrosierung und Sklerosierung des Gewebes kommt. Weitere Symptome sind ein unbehagliches Schweregefühl und Schmerzen. Das Lymphödem wird in vier Schweregrade eingeteilt:

  • Stadium 1, latentes Lymphödem: Das Lymphsystem ist geschädigt, bleibt aber symptomlos, da die Gewebsflüssigkeit abtransportiert werden kann.
  • Stadium 2, reversibles Lymphödem: weiche Ödemschwellung; Fingerdruck hinterlässt eine vorübergehende Delle; Normalisierung nach längerem, zum Beispiel nächtlichem Hochlagern; erhöhtes Risiko von Infektionen im Bereich eines Ödems.
  • Stadium 3, irreversibles Lymphödem: chronisches Lymphödem mit schmerzhafter Spannung im Gewebe; chronische Entzündungen und Hautreizungen mit zunehmender Fibrose des Gewebes; keine vollständige Rückbildung durch Hochlagern; dauerhafte Behandlung mit lymphologischem Kompressionsverband (LKV).
  • Stadium 4, fibrotisches Lymphödem: irreversibles, bräunliches Ödem durch Gewebesklerosierung mit verdickter Haut, starker Schwellung und Verformung des Beins (Elefantiasis), verringerte Wundheilung.

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