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Infektionen

Doppelt gefährlich für Schwangere

Den Kontakt mit Pathogenen können werdende Mütter nicht immer vermeiden. Welche Erreger besonders gefährlich sind und wie Schwangere sich schützen können, ist ein wichtiges Beratungsthema.
Nicole Schuster
05.03.2023  08:00 Uhr

Schwangere tragen Verantwortung für zwei und sind daher meist besonders vorsichtig. Das ist wichtig, da sie sich mit einigen Erregern leichter anstecken als nicht schwangere Frauen und manche Infektionen schwere Schäden beim Ungeborenen auslösen können. Das Risiko für Fehl- und Frühgeburten steigt, ebenso können Störungen wie ein niedriges Geburtsgewicht oder angeborene Fehlbildungen auftreten. In seltenen Fällen führen mütterliche Infektionen zum Tod von Un- und Neugeborenen.

Warum Schwangere Krankheitserregern weniger entgegenzusetzen haben als andere Frauen, ist noch nicht völlig verstanden. Das alte Konzept der »Schwangerschaft als Zustand der Immunsuppression« ist überholt. Es beruhte auf dem »immunologischen Paradoxon der Schwangerschaft«, das Peter Medawar 1953 beschrieb. Demnach könne der halb-allogene Fetus nur deshalb neun Monate lang in seiner Mutter überleben, weil das mütterliche Immunsystem für das Kind herunterfahre, während ihr Körper ein halb-allogenes Transplantat abstoßen würde (1).

Diese Theorie der Leibesfrucht als Semi-Allotransplantat beachtet allerdings nicht, dass die Schwangerschaft ein allmählicher Prozess ist, in dessen Verlauf in zunehmender Menge fetale Antigene freigesetzt werden. Der mütterliche Organismus bildet dabei vermutlich eine Toleranz aus, sodass im Gegensatz zur Transplantation keine Immunsuppression erforderlich ist (2).

Bakteriell oder viral?

Bakterielle Erkrankungen sind in der Schwangerschaft in der Regel harmloser als virale Infektionen. Zum einen lassen sie sich mit Antibiotika behandeln, zum anderen steckt sich das Baby mit bakteriellen Erregern meist erst während (intrapartal) oder nach der Geburt (postpartal) an. Virale Erreger können jedoch bereits im Mutterleib über die Plazenta auf das Kind übergehen (diaplazentare Infektion) oder die Plazenta selbst befallen.

Zu den problematischen Pathogenen gehören einige Erreger von klassischen sogenannten Kinderkrankheiten. Die gute Nachricht ist, dass es Schutzimpfungen gibt, etwa den attenuierten Kombinationslebendimpfstoff gegen Masern, Mumps, Röteln und gegebenenfalls Varizellen, kurz MMR(V)-Impfstoff. Frauen im gebärfähigen Alter sollten insgesamt zwei Dosen davon erhalten; während der Gravidität ist er wie alle Lebendimpfstoffe kontraindiziert (Kasten 1) (3).

In den Mutterschaftsrichtlinien sind serologische Untersuchungen auf Röteln vorgeschrieben, wenn bei Schwangeren keine zweimalige Impfung dokumentiert ist (4).

Eine Rötelninfektion in der Schwangerschaft kann den Embryo oder Feten je nach Zeitpunkt der Infektion schwer schädigen (kongenitales Rötelnsyndrom, CRS). Die Gefahr ist umso größer, je früher sich die Mutter in der Schwangerschaft mit Rötelnviren ansteckt. Es drohen beim Kind Schäden am Herzen (offener Ductus arteriosus), an den Augen (Katarakt) und Ohren (Innenohrtaubheit). Weitere mögliche Störungen sind ein geringes Geburtsgewicht und Organentzündungen wie Enzephalitis oder Hepatitis. Tritt eine Infektion im ersten Trimenon auf, liegt die fetale Infektionsrate bei über 50 Prozent und sinkt nach zwölf Wochen deutlich ab (3–5).

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