Generell zeigen die Jakinibe einige unerwünschte Wirkungen, die einer erhöhten Aufmerksamkeit bedürfen. Einerseits sind dies Wirkungen, die aus der Immunmodulation resultieren. Das vermehrte Auftreten eines Herpes Zoster wurde als Klasseneffekt beschrieben. Es zeigte sich ein dosisabhängiges Auftreten der Gürtelrose mit relativen Unterschieden zwischen den einzelnen Wirkstoffen (14). Patienten sollten daher zu einer Impfung mit dem rekombinanten Totimpfstoff gegen Herpes Zoster motiviert werden.
Da unter Therapie mit JAK-Inhibitoren vermehrt Gürtelrose beobachtet wurde, sollten die Patienten zu einer Impfung gegen Herpes Zoster motiviert werden. / © Adobe Stock/Zerbor
Ein weiteres, als Klasseneffekt der Jakinibe beschriebenes Nebenwirkungspotenzial bezieht sich auf kardiovaskuläre Effekte, die Einschränkungen des Anwenderkreises und Vorsichtsmaßnahmen erforderten (Grundlage: Rote-Hand-Brief von März 2023; 15). Patienten im Alter von 65 Jahren oder älter, Raucher, ehemalige Langzeitraucher sowie Patienten mit Risikofaktoren für kardiovaskuläre oder maligne Erkrankungen sollten Jakinibe nur im Ausnahmefall und dann mit Vorsicht anwenden. Regelmäßige Hautuntersuchungen werden bei allen Patienten empfohlen.
▶ Unter Berücksichtigung der Patientenparameter und potenziellen Risiken werden die Jakinibe als gleichberechtigte Wirkstoffe bei Therapieversagen anderer Wirkstoffe in den Leitlinien aufgeführt.
Im Prozess der Entzündungsprogression werden Lymphozyten aus dem Blutstrom in das Entzündungsgebiet rekrutiert; der »Nachschub« ins Blut erfolgt über den Transfer der Lymphozyten aus den Lymphsystemen. Beide Prozesse können therapeutisch gehemmt werden, um den Entzündungsfortgang einzudämmen.
Die Transmigration der Lymphozyten aus dem Blutsystem in das entzündete Gewebe wird durch Adhäsionsrezeptoren auf Endothel und Lymphozyten gesteuert, deren Blockade die Kontaktaufnahme und damit auch den Transfer ins Entzündungsgebiet unterbinden kann. Das Integrin α4β7 ist besonders auf einer Subpopulation von Lymphozyten, den Memory-T-Helferzellen, exprimiert, die für den Fortgang der chronischen Entzündung im Darmgewebe verantwortlich sind. Vedolizumab ist ein humanisierter Antikörper gegen dieses Integrin und für beide CED seit einigen Jahren zugelassen (Tabelle 1). Der Antikörper verhindert die endotheliale Bindung der Lymphozyten am Liganden MadCAM-1 und somit den Übergang ins Darmgewebe.
Zu Beginn der Behandlung sowie nach zwei und sechs Wochen wird Vedolizumab intravenös appliziert, dann in achtwöchigen Abständen. In der Erhaltungstherapie können geringere Dosen subkutan in zweiwöchigen Abständen eingesetzt werden.
Vedolizumab hat ein gutes Sicherheitsprofil; aufgrund des nahezu darmselektiven Wirkmechanismus sieht man kaum systemische Nebenwirkungen. MC-Patienten sprechen tendenziell später auf den Antikörper an, daher ist ein früher Einsatz vorteilhaft (16). Eine vergleichende (head-to-head) Studie zwischen Adalimumab und Vedolizumab ergab einen Wirkvorteil für Vedolizumab (17).
Sphingosin-1-Phosphat-Rezeptoren (Subtyp 1, S1PR1) auf Immunzellen steuern deren Aktivierung und Übergang aus dem Lymphsystem in den Blutstrom (Abbildung 2). Die funktionelle Hemmung dieser Rezeptoren als antiinflammatorisches Prinzip wurde 2011 durch Fingolimod erstmals bei Patienten mit Multipler Sklerose umgesetzt.
Abbildung 2: Wirkmechanismus der Sphingosin-1-Phosphat-Rezeptor-Modulatoren. Ozanimod dockt selektiv an die S1PR-Subtypen 1 und 5 an; Etrasimod bindet an die Subtypen 1, 4 und 5. So regulieren die »Imode« die S1P-Rezeptoren herunter und hemmen die Aktivierung von Lymphozyten und deren Übergang aus dem Lymphsystem in den Blutstrom. Damit wirken sie antiinflammatorisch. / © PZ/Stephan Spitzer
Auch in der Therapie der CED sind zwei der oral wirksamen S1PR1-Modulatoren (»Imode«) angekommen. Mit Ozanimod wurde 2021 der erste S1PR1-Modulator zur Therapie der CU zu-gelassen. Etrasimod erhielt 2024 die Zulassung zur Behandlung mittelschwerer oder schwerer Verläufe von CU.
Beide S1PR1-Modulatoren sind in der Schwangerschaft kontraindiziert. Die aus dem Wirkmechanismus resultierende Immunmodulation erfordert den Ausschluss sekundärer entzündlicher Erkrankungen. Ebenso sollten Patienten regelmäßig auf Herz-Kreislauf-Probleme, insbesondere mit EKG, untersucht werden, da der Subtyp 3 der S1PR am Reizleitungssystem des Herzens funktionell aktiv ist und so ungewollte Effekte denkbar sind.
▶ Resümee: Mit den neuen Wirkstoffen ist der Anspruch an die Therapie deutlich gewachsen, denn eine dauerhafte Heilung der entzündeten Mukosa soll den Betroffenen ein planbares Leben ohne oder unter nur geringen Einschränkungen ermöglichen.