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Neue Arzneistoffe

CAR-T-Zellen und RNA-Interferenz

14 – 10 – 9: So viele Sprung- und Schrittinnovationen sowie Analogpräparate kamen 2018 auf den deutschen Arzneimittelmarkt. Unter den Sprunginnovationen sind wieder etliche monoklonale Antikörper – und der Preisträger des diesjährigen PZ-Innovationspreises.
Brigitte M. Gensthaler
29.05.2019
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PZ-Chefredakteur Sven Siebenand lüftete beim Pharmacon in Meran das Geheimnis: Der 25. PZ-Innovationspreis geht an Tisagenlecleucel (Kymriah®) von Novartis Pharma. Dies ist die erste CAR-T-Zelltherapie in Deutschland und zugelassen zur Behandlung von Patienten mit akuter lymphatischer B-Zell-Leukämie (ALL) sowie von diffus großzelligem B-Zell-Lymphom (DLBCL). Wie geht’s weiter mit CAR-T-Zellen? Die nächste Generation ist schon im Kommen. Diese Therapie werde auch für solide Tumoren entwickelt, und man denke über universelle CAR-T-Zellen und solche mit zusätzlichen »Sicherheitsmodulen« nach, berichtete Siebenand.

Auch der Arzneistoff Patisiran (Onpattro®) ist ein Erstling in Deutschland: das erste zugelassene Arzneimittel, das über RNA-Interferenz wirkt. Dies ist ein natürlicher zellulärer Prozess zur gezielten Stilllegung von Genen, ohne ins Erbgut einzugreifen. Patisiran ist zugelassen für Patienten mit hereditärer Transthyretin-vermittelter Amyloidose (hATTR) mit Polyneuropathie der Stadien 1 oder 2. Die seltene Erbkrankheit führt unbehandelt zum Tod. Der Wirkstoff legt das mutierte TTR-Gen lahm, aber »das ist keine Gentherapie«, betonte der Apotheker. Die in Lipidnanopartikel verpackten kleinen RNA-Moleküle werden dem Patienten alle drei Wochen infundiert. Die Therapie muss lebenslang fortgesetzt werden, denn bei einem Stopp kommt die Genexpression wieder in Gang. Die Entwicklung neuer RNA-Interferenz-Arzneistoffe laufe auf Hochtouren.

Antikörper-Trio

Siebenand stellte in Meran zudem drei Antikörper vor. Erenumab (Aimovig®) ist der erste Antikörper zur Migräneprophylaxe und wird einmal monatlich subkutan mittels Fertigpen injiziert. Er hemmt die Wirkung von Calcitonin Gene Related Peptide (CGRP), das gefäßerweiternd wirkt und an der Schmerzverarbeitung sowieder Migräne-Entstehung beteiligt ist. CGRP wirkt zudem protektiv im kardiovaskulären System und ist beteiligt an Nierenfunktion und Knochenstoffwechsel. Daher müsse man die Langzeitsicherheit beobachten, um langfristige anti-CGRP-Effekte zu erfassen. Erenumab sei zwar nicht wirksamer als andere Migräne-Prophylaktika, aber besser verträglich und habe eine höhere Therapietreue. Siebenand bedauerte, dass es keine direkte Vergleichsstudien gibt. Das Therapieansprechen auf Erenumab wird nach spätestens zwölf Wochen überprüft, um CGRP-Non-Responder zu erkennen.

Der humanisierte Antikörper Ocrelizumab (Octrevus®) ist für Patienten mit aktiver schubförmiger Multipler Sklerose sowie bei primär progredienter MS (PPMS) zugelassen. Es ist der erste Wirkstoff bei PPMS. Ocrelizumab richtet sich wie Rituximab gegen CD20-positive B-Zellen, die an der Zerstörung von Myelinscheiden beteiligt sind. Nach der Initialbehandlung folgt alle sechs Monate eine Infusion über drei bis vier Stunden. »Wichtig ist, den Impfstatus des Patienten vor Therapiebeginn abzufragen und zu aktualisieren«, riet Siebenand. Frauen sollten während und bis zu einem Jahr nach der letzten Infusion sicher verhüten.

Mit Emicizumab (Helimbra®) steht erstmal ein Antikörper zur Behandlung der Hämophilie A zur Verfügung. Der bispezifische Gerinnungsfaktor übernimmt die Aufgabe des natürlichen Gerinnungsfaktors VIII und wirkt auch bei Patienten, die bereits Hemmkörper gegen exogen zugeführte Gerinnungsfaktoren entwickelt haben. Er ist zugelassen zur Prophylaxe von Blutungen bei Hämophilie-Patienten mit Autoantikörpern, aber auch bei schwerer Hämophilie A ohne diese Hemmkörper. Die Erhaltungsdosis kann wöchentlich, zwei- oder vierwöchentlich subkutan gespritzt werden.

Neben den Sprunginnovationen präsentierte Siebenand  auch zwei Schrittinnovationen. Dazu gehört das erste neue Antipsychotikum seit zehn Jahren. Cariprazin (Reagila®) wirkt als Partialagonist an Dopamin D2- und D3-Rezeptoren mit bis zu zehnfach höherer Affinität zu D3-Rezeptoren im Cortex. Damit beeinflusst es auch die Negativsymptomatik einer Schizophrenie günstig. Aufgrund signifikanter Unterschiede zu Risperidon habe der GBA dem Medikament einen Zusatznutzen bei Patienten mit Negativsymptomatik zuerkannt, berichtete der Arzneistoffexperte.

Patiromer (Veltassa®) ist ein neuer Kationenaustauscher für Patienten mit Hyperkaliämie. Der Calcium-Sorbitol-Komplex bindet Kalium im Magen-Darm-Trakt und steigert dessen Ausscheidung. Zu achten ist auf ansteigende Calcium- sowie abfallende Magnesium-Spiegel. Hier müsse man eventuell substituieren.

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