Pharmazeutische Zeitung online
Evidenzbasierte Selbstmedikation

Teufelskralle bei Kreuzschmerzen

23.05.2016
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Von Judith Günther und Iris Hinneburg / Bei unspezifischen Kreuzschmerzen lindern Schmerzmittel die Beschwerden und ­ermöglichen wieder körperliche Bewegung. Patienten fragen in diesem Kontext auch nach pflanzlichen Mitteln wie Teufelskralle. Wie steht es um die Wirksamkeit und Verträglichkeit?

Für unsere aufrechte Haltung brauchen wir nicht nur die Wirbelsäule und die Verbindungen zwischen den Wirbelkörpern, sondern auch eine Vielzahl von Bändern, Sehnen und Muskeln. Alle diese Strukturen können auch die Quelle für Rückenschmerzen sein, unter denen im Lauf des Lebens rund 80 Prozent aller Menschen leiden. Oftmals gehen die Schmerzen vom unteren Rücken aus und werden als »Kreuzschmerzen« bezeichnet. Nur bei den wenigsten Patienten lassen sich tatsächlich körperliche Veränderungen, zum Beispiel Brüche des Wirbelkörpers oder ein Bandscheibenvorfall, als Ursache der Schmerzen identifizieren. Sind keine eindeutigen Ursachen für die Beschwerden auszumachen, sprechen Ärzte von unspezifischen Kreuzschmerzen (1).

Einige Risikofaktoren können unspezifische Kreuzschmerzen begünstigen. Dazu zählen langes Sitzen, schwache Rückenmuskulatur, fehlende Bewegung und Übergewicht. Wenn Fehlhaltungen die Wirbelsäule belasten, verspannt sich die Rückenmuskulatur oft schmerzhaft. Solche Muskelverspannungen können auch durch Stress oder psychische Anspannung entstehen. Es kann sich ein Teufelskreis entwickeln, wenn die Rückenschmerzen wiederum zu einer Schonhaltung führen.

 

Als Warnzeichen (»red flags«) für ernsthafte Gesundheitsprobleme oder gefährliche Verläufe gelten etwa Kreuzschmerzen nach einem Trauma, starke Schmerzen in der Rückenlage oder nachts und neurologische Symptome wie in die Beine ausstrahlende Schmerzen, Taubheitsgefühl oder Kribbeln (2).

 

Fehlen solche Warnzeichen, werden akute Kreuzschmerzen in der Regel konservativ behandelt, da sie in den meisten Fällen von allein wieder vergehen. Bei subakuten beziehungsweise chronischen Kreuzschmerzen, die länger als sechs beziehungsweise zwölf Wochen bestehen, berücksichtigt der Arzt auch weitere, vor allem psychische Faktoren, die eine Chronifizierung begünstigen können. In der Therapie ist die körperliche Aktivierung des Patienten besonders wichtig.

 

Schmerzmittel oft nötig

Eine ausreichende Schmerzlinderung ist häufig die Voraussetzung für körperliche Aktivierung und bessere Beweglichkeit. Vielfach sind hierzu sys­temisch wirksame Schmerzmittel notwendig. Häufig kommen nicht-steroidale Antiphlogistika (NSAR) zum Einsatz (2). Einige Patienten bevorzugen pflanzliche Mittel, die sie meist für genauso wirksam und besser verträglich halten als chemisch-synthetische Analgetika. Hier kommen etwa Präparate mit Teufelskralle infrage.

 

Solche Zubereitungen werden aus den Wurzelknollen von Harpagophytum procumbens oder Harpagophytum zeyheri hergestellt. Fertigarzneimittel enthalten getrocknete Bestandteile oder wässrige beziehungsweise alkoholische Extrakte, die anhand der enthaltenen Menge an Harpagosid charakterisiert werden, einem wirksamkeits-mitbestimmenden Iridoidglykosid (3). Auf dem deutschen Markt werden auch Tees aus Teufelskralle ­vertrieben.

 

Präparate mit Teufelskralle gelten als antiphlogistisch und schwach analgetisch wirksam, vor allem bei Beschwerden des Bewegungsapparats. Was sagt die aktuelle Studienlage zu Nutzen und Risiken bei unspezifischen Kreuzschmerzen?

 

Evidenz aus einem Cochrane-Review

In der Selbstmedikation stellt sich die Frage, ob Präparate aus Teufelskralle bei unkomplizierten Kreuzschmerzen die Schmerzen reduzieren und die Funktionalität, etwa die Beweglichkeit im Alltag, verbessern. Deshalb konzentrierten wir uns bei der Literatursuche auf Studien, die diese Fragestellung ­untersuchten.

 

Bei dieser Suche ließ sich als beste verfügbare zusammengefasste Evidenz ein Cochrane-Review aus dem Jahr 2014 identifizieren (4). Zusätzlich suchten wir in zwei Literaturdatenbanken (PubMed und Cochrane Library) nach weiteren randomisierten kontrollierten Studien, die eventuell nach dem Zeitpunkt der Literatursuche des Cochrane-Reviews veröffentlicht worden sind. Solche Studien konnten wir nicht finden.

 

Unsere Qualitätsbewertung des Cochrane-Reviews fiel zufriedenstellend aus, sodass sich die Darstellung der Studienlage zu Teufelskralle bei Kreuzschmerzen auf diese Übersichtsarbeit stützt. Details zur Literatursuche und der Qualitätsbewertung sind in der Online-Ausgabe der Pharmazeutischen Zeitung hinterlegt.

 

Übersichtliche Studienlage

Der Cochrane-Review (4) analysiert drei Studien zu Teufelskralle, die bei ­Patienten im mittleren Lebensalter bei akuten Episoden von chronischen Kreuzschmerzen angewendet wurde. In allen Untersuchungen sind Patienten mit Warnsymptomen für spezifische Ursachen ausgeschlossen. Da die Studien eine beträchtliche klinische Heterogenität aufweisen (unter anderem Unterschiede in untersuchten Präparaten, Kontrollinterventionen, Dauer der Behandlung und untersuchten Endpunkten), verzichten die Autoren des ­Reviews auf eine meta-analytische Zusammenfassung und stellen die Ergebnisse einzeln dar (Tabelle).

 

In der ersten Studie (5) handelt es sich laut Angaben der Studienautoren um einen 2,5-fach konzentrierten Extrakt, von dem die Patienten über vier Wochen dreimal täglich 400 mg erhielten. Die tägliche Extraktdosis entsprach 50 mg Harpagosid. Die Kontrollgruppe nahm ein Placebopräparat ein. Als primärer Endpunkt diente der Anteil der Patienten, die in den letzten drei Wochen der Studie weniger als 2000 mg Tramadol als zusätzliches Schmerzmittel benötigten.

 

Da sich bei diesem Endpunkt kein signifikanter Unterschied zu Placebo ergab, sind die Ergebnisse des sekundären Endpunkts (Anteil der schmerzfreien Patienten nach zwei beziehungsweise vier Wochen) mit Vorsicht zu ­interpretieren, auch wenn der Unterschied zu Placebo formal statistisch signifikant war. In der Auswertung berichten die Autoren nur die Ergebnisse für die Patienten, die sich bis zum Ende der Studie an die Studienregeln gehalten hatten. Vorzeitig ausgeschieden waren fünf Patienten in der Verumgruppe sowie vier in der Placebogruppe. Geht man vom schlechtesten Fall aus und zählt alle Studienabbrecher als Therapieversager, waren in der Verumgruppe neun von 59 Patienten nach vier Wochen schmerzfrei, in der Placebogruppe nur einer von 59 Patienten.

Tabelle: Übersicht der Studien zu Teufelskralle bei Kreuzschmerzen, nach (4)

Studie (Anzahl Teilnehmer), ­Tagesdosis, Vergleich, Zeitdauer Ergebnis Interpretation für die Praxis
Chrubasik 1996 (n=118) 50 mg Harpagosid/Tag
versus ­Placebo
über vier Wochen
signifikant mehr schmerzfreie ­Patienten mit Teufelskralle als mit ­Placebo

niedrige Qualität der ­Evidenz
Teufelskralle hilft bei Kreuzschmerzen besser als Placebo, der Effekt lässt sich allerdings nicht sicher quantifizieren. Ein erheblicher Teil der Probanden hatte aber auch mit Teufelskralle noch Schmerzen. Wegen methodischer Mängel der Studien ist es fraglich, wie sicher dieses Ergebnis ist.
Chrubasik 1999 (n=197) 50 oder 100 mg
Harpagosid/Tag
versus Placebo
über vier Wochen
signifikant mehr schmerzfreie ­Patienten mit Teufelskralle als mit ­Placebo. Ob die höhere Dosis bessere Schmerz­reduktion erzielt als die ­niedrigere Dosis, ist nicht zweifels­frei erwiesen.

niedrige Qualität der­ Evidenz
Teufelskralle hilft bei Kreuzschmerzen besser als Placebo, der Effekt lässt sich allerdings nicht sicher quantifizieren. Ein erheblicher Teil der Probanden hatte aber auch mit Teufelskralle noch Schmerzen. Wegen methodischer Mängel der Studien ist es fraglich, wie sicher dieses Ergebnis ist.
Chrubasik 2003 (n=88) 60 mg Harpagosid/Tag
versus Rofecoxib
über sechs Wochen
in beiden Gruppen Schmerzreduktion, kein signifikanter Unterschied ­zwischen den Gruppen

sehr niedrige Qualität der Evidenz
In der Studie zeigte sich kein Unterschied zwischen Teufelskralle und Rofecoxib, das bedeutet allerdings nicht automatisch Gleichwertigkeit.

Quantifizierung schwierig

 

Eine weitere Studie (6) untersuchte ebenfalls im Vergleich zu Placebo den Extrakt WS 1531, von dem die Patienten entweder 200 oder 400 mg jeweils dreimal täglich über einen Zeitraum von vier Wochen einnahmen. Dies entspricht einer Extraktmenge von 50 beziehungsweise 100 mg Harpagosid pro Tag. Als primären Endpunkt werteten die Studienautoren den Anteil der schmerzfreien Patienten nach vier ­Wochen aus.

 

Insgesamt brachen 14 Patienten die Studie vorzeitig ab (drei in der Placebogruppe, acht in der Gruppe mit der niedrigen Dosis von Teufelskralle, drei in der Gruppe mit der höheren Dosierung). In einem Worst-case-Szenario gingen die Studienautoren davon aus, dass diese Teilnehmer nicht auf die Therapie angesprochen hatten. Mit diesen Annahmen waren mit Placebo drei von 66 Patienten schmerzfrei, mit der niedrigeren Dosierung von Teufelskralle sechs von 65, mit der höheren Dosierung zehn von 66. Die statistischen Tests zeigen, dass Teufelskralle signifikant besser als Placebo die Schmerzen linderte. Allerdings ist nach Ansicht der Cochrane-Autoren formell eine Überlegenheit der höheren Do­sierung gegenüber der niedrigeren ­Dosierung von Teufelskralle nicht zweifelsfrei gezeigt.

 

Aus den genannten Gründen sind die Zahlen für beide Studien mit einer erheblichen Unsicherheit behaftet, sodass die Cochrane-Autoren folgerichtig für die Studien keine quantitativen Aussagen treffen.

Weitere Ergebnisse der Cochrane-Analyse

Neben Teufelskralle untersuchten die Cochrane-Autoren in der systematischen Übersichtsarbeit weitere pflanzliche Arzneimittel gegen unspezifische Kreuzschmerzen. Dazu gehörten orale Präparate auf der Basis von Weidenrinde (Salix alba) sowie topische Mittel mit brasilianischer ­Arnika (Solidago chinensis), Cayennepfeffer (Capsicum frutescens), Beinwell (Symphytum officinale) und Lavendelöl, das im Rahmen einer Akupressur angewendet wurde.

 

Die Forscher konnten insgesamt 14 Studien mit mehr als 2000 Probanden identifizieren. Die Teilnehmer waren durchschnittlich 52 Jahre alt und wurden längstens über sechs Wochen untersucht. Sechs Studien befassten sich mit den beiden oralen Phytotherapeutika und verglichen diese entweder mit Placebo oder synthetischen Schmerzmitteln. Die weiteren acht Studien ­untersuchten die vier topischen Phytotherapeutika gegenüber Scheinmedikation, keiner Behandlung oder einem topischen Homöopathikum.

 

Die meisten Studienergebnisse gegenüber einer Behandlung mit Scheinmedikament liegen für topische Mittel mit Cayennepfeffer oder Teufelskralle vor. Dabei linderten die wirkstoffhaltigen Zubereitungen Schmerzen meist besser als Placebo. Allerdings weisen viele Studien methodische Probleme auf, sodass die Ergebnisse mit Vorsicht zu interpretieren sind.

 

Bei der untersuchten kurzen Behandlungsdauer waren die Phytopharmaka relativ gut verträglich. Daten zur langfristigen Anwendung im Hinblick auf Wirksamkeit und Unbedenklichkeit fehlen jedoch.

Vergleich mit Rofecoxib

 

Die dritte Studie (7) wurde als Pilotstudie durchgeführt, um Informationen zur statistischen Berechnung für ­weiterführende Untersuchungen zu sammeln. Sie war somit nicht als Äquivalenzstudie oder Nicht-Unterlegenheitsstudie geplant. Entsprechend ­fehlen ein primärer Endpunkt und eine zugehörige Fallzahlberechnung. Das wäre aber nötig, um Äquivalenz oder Nicht-Unterlegenheit statistisch abgesichert nachweisen zu können.

 

Untersucht wurden das Präparat Doloteffin und der COX-2-Hemmer Rofecoxib. Die Autoren geben den wirksamen Bestandteil von Doloteffin als wässrigen Extrakt mit einem Droge-Extrakt-Verhältnis von 1,5 bis 2,5:1 an. Davon erhielten die Patienten täglich 2400 mg, aufgeteilt auf drei Dosen. Damit wurden pro Tag 60 mg Harpa­gosid zugeführt. Die Kontrollgruppe nahm einmal täglich 12,5 mg Rofecoxib ein. Nach sechs Wochen waren in der Teufelskralle-Gruppe fünf von 44 Patienten schmerzfrei, in der Rofecoxib-Gruppe zehn von 44.

 

Ein statistischer Test zeigte für diesen Vergleich keinen Unterschied. Wegen der geringen Patientenzahl und des weiten Konfidenzintervalls lässt sich daraus aber nicht schließen, dass das Phytopräparat ebenso wirksam war wie der COX-2-Hemmer. Zu be­achten ist außerdem, dass Rofecoxib ­wegen kardiovaskulärer Sicherheits­bedenken bereits vor mehr als zehn Jahren vom Markt genommen wurde.

 

Die Studienlage erlaubt also keine Aussage zu der Frage, wie wirksam Teufelskralle im Vergleich zu einem NSAR, etwa Ibuprofen oder Diclofenac, ist.

Glossar

Äquivalenzstudie

 

Bei einer Äquivalenzstudie lautet die Forschungshypothese, dass die untersuchte Intervention (etwa ein neues Arzneimittel) annähernd gleich gut wirkt wie die Kontrollbehandlung (etwa die bisherige Standardtherapie). Eventuelle Unterschiede – wie eine geringfügig schlechtere oder auch eine geringfügig bessere Wirksamkeit – sind so klein, dass sie klinisch nicht relevant sind. Diese Hypothese stellt besondere Anforderungen an das Studiendesign, etwa an die Fallzahlberechnung, die Definition eines begründbaren Äquivalenzbereichs und die Formulierung der Nullhypothese für statistische Tests.

 

Mit Äquivalenzstudien können sowohl klinisch relevante Unterlegenheit als auch klinisch relevante Überlegenheit zwischen Behandlungsoptionen ausgeschlossen werden. Aus Studien, die als Überlegenheitsstudien konzipiert waren, aber im Ergebnis nur einen nicht-signifikanten Unterschied zwischen den Behandlungsgruppen aufzeigen, lassen sich dagegen keine statistisch abgesicherten Aussagen zur Äquivalenz der zwei Behandlungs­- op­tionen ableiten.

 

Heterogenität

 

Heterogenität bezeichnet die Variabilität zwischen einzelnen Studienergebnissen, die aufgrund von Ungleichheiten in den Studiencharakteristika entsteht. Von klinischer Heterogenität spricht man, wenn sich die Studien hinsichtlich der untersuchten Patientenkollektive (beispielsweise unterschiedliche Altersstufen oder Krankheitsschwere), der Interventionen (beispielsweise verschiedene Darreichungsformen, Dosierungen oder Salze eines Wirkstoffs) oder der Endpunkte (beispielsweise Art der untersuchten Symptome, Dauer oder Schweregrad der Symptome) sowie Dauer der Nachbeobachtung unterscheiden. Methodische Heterogenität liegt vor, wenn sich die Studien hinsichtlich Studiendesign (RCT versus Non-RCT, Cross-over versus Parallel) und Qualität (Fehlen von verdeckter Zuteilung, Verblindung, vollständiger Nachbeobachtung) unterscheiden.

 

Nicht-Unterlegenheitsstudie

 

Bei einer Nicht-Unterlegenheitsstudie lautet die Forschungshypothese, dass die untersuchte Intervention (etwa ein neues Arzneimittel) nur unwesentlich schlechter oder möglicherweise sogar besser wirkt als die Kontrollbehandlung (etwa die bisherige Standardtherapie). Diese Hypothese stellt besondere Anforderungen an das Studiendesign, etwa die Fallzahlberechnung und die Formulierung der Nullhypothese für statistische Tests. Auch muss eine Nicht-Unterlegenheitsgrenze definiert und begründet werden, oberhalb derer die Behandlungsoptionen als mindestens ähnlich wirksam betrachtet werden können.

 

Aus Studien, die als Überlegenheitsstudien konzipiert waren, aber im Ergebnis nur einen nicht-signifikanten Unterschied zwischen den Behandlungsgruppen aufzeigen, lassen sich keine statistisch abgesicherten Aussagen zur Nicht-Unterlegenheit einer Behandlungsoption gegenüber einer anderen ableiten.

 

Publikationsbias

 

Systematischer Fehler (Bias) in Evidenzberichten, der dadurch zustande kommt, dass eher Studien mit positiven beziehungsweise signifikanten Ergebnissen publiziert werden, während unerwünschte Studienergebnisse zurückgehalten oder negative und nicht-signifikante Ergebnisse in Fachzeitschriften nicht zur Publikation angenommen werden. Ein Publikationsbias kann durch verschiedene statistische Verfahren untersucht und zum Beispiel mithilfe einer Trichtergrafik (»Funnel Plot«) auch grafisch dargestellt werden.

 

Statistisch signifikant

 

In einer Überlegenheitsstudie wird ein Unterschied zwischen Behandlungs- und Kontrollgruppe als statistisch signifikant bezeichnet, wenn auf der ­Basis eines statistischen Tests die Wahrscheinlichkeit unter 5 Prozent (< 0,05) liegt, dass der gefundene Unterschied nur durch zufällige Effekte zustande gekommen ist und in Wirklichkeit nicht existiert. Dass ein Unterschied statistisch signifikant ist, heißt nicht automatisch, dass die Größe des Unterschieds auch für den Patienten von Bedeutung (relevant) ist.

 

Überlegenheitsstudie

 

In vielen Fällen lautet die Forschungshypothese in klinischen Studien zu therapeutischen Maßnahmen, dass eine Intervention (etwa ein neues Arzneimittel) einer anderen (etwa der bisherigen Standardtherapie) überlegen ist. Das entsprechende Studiendesign bezeichnet man als Überlegenheitsstudie. Aus einer Überlegenheitsstudie lassen sich keine statistisch ab­gesicherten Aussagen über die Nicht-Unterlegenheit oder die Äqui­valenz von zwei Behandlungsoptionen ableiten.

 

Das vollständige Glossar finden Sie hier.

Wie zuverlässig ist die Evidenz?

 

Die Ergebnisse der drei Studien müssen mit Bedacht interpretiert werden. In allen Studien gab es Mängel in der methodischen Qualität. So war es aus den Publikationen zum Beispiel nicht ersichtlich, ob die Zuteilung der Patienten zu den Gruppen tatsächlich geheim ­gehalten wurde (concealment of allocation). Es wurden jeweils nur relativ wenige Pa­tienten (Studienkollektiv ­jeweils unter 200 Teilnehmer) untersucht. Deshalb stuften die Cochrane-Autoren die Qualität der Evidenz zu Teufelskralle insgesamt als niedrig oder sehr niedrig ein.

 

Die Cochrane-Autoren untersuchten auch die Frage, ob Studien zur Wirksamkeit von Teufelskralle durchgeführt, aber nicht veröffentlicht wurden. Eine Suche in Studienregistern ergab keinen Hinweis darauf, dass es weitere registrierte klinische Studien gibt. Allerdings bleibt damit unklar, ob eventuell weitere nicht-registrierte Studien existieren könnten. Hinweise darauf kann in manchen Fällen ein entsprechender statistischer Test auf Publika­tionsbias liefern. Im Fall des Cochrane-Reviews war es wegen der geringen Studienanzahl jedoch nicht möglich, diesen Test durchzuführen.

 

Bei der Interpretation der Daten ist zu bedenken, dass alle berücksichtigten Studien von der gleichen Haupt­autorin stammen. Bei zwei der drei ­Studien geben die Autoren an, dass der Hersteller des jeweiligen Präparats die Untersuchung zumindest teilweise ­gesponsert hat. Wünschenswert wäre eine Überprüfung der Ergebnisse durch mindestens ein weiteres Forscherteam in einer Hersteller-unabhängigen Studie. Aussagen zur Sicherheit nur begrenzt möglich.

Serie Evidenzbasierte Selbstmedikation

Die PZ-Serie »Evidenzbasierte Selbstmedikation« bereitet einmal im Monat für eine konkrete Frage aus der Selbstmedikation eine Zusammenstellung der besten verfügbaren Evidenz auf, die mithilfe einer strukturierten Literatursuche gefunden und deren methodische Qualität beurteilt wurde. Suchstrategie und Bewertung sind dokumentiert und in der Online-Ausgabe der PZ hinterlegt. Jede Folge enthält zudem ein Szenario aus der Apothekenpraxis. Die Szena­rien laden ein zur Diskussion über die Anwendung und Anwendbarkeit der Evidenz und können für die nächste Team­besprechung oder zur Diskussion über die Kommentarfunktion der Pharmazeutischen Zeitung genutzt werden. Machen Sie mit!

 

Bereits erschienen sind folgende Beiträge:

Aussagen zur Sicherheit nur begrenzt möglich

 

In den drei analysierten Studien klagten einige Patienten bei der Einnahme von Teufelskrallenextrakt im Vergleich zu Placebo vor allem über leichtere gastrointestinale Beschwerden. In der ­Studie mit Rofecoxib fielen diese ­Beschwerden in der COX-2-Hemmer-­Gruppe stärker aus. Eine genauere Quantifizierung ist mit den erhobenen Daten nicht möglich.

 

Da in den drei ausgewerteten Studien insgesamt nur rund 400 Patienten behandelt wurden, lohnt sich auch ein Blick in die Heilpflanzen-Monographie der EMA, die Sicherheitsdaten zu mehr als 4500 Patienten aus klinischen Stu­dien und Spontanmeldungen enthält. Als häufigste Nebenwirkungen werden ebenfalls leichte gastrointestinale Symptome wie Übelkeit, Bauchschmerzen und Durchfall genannt, außerdem Schwindel, Kopfschmerzen und allergische Hautreaktionen. Die jeweiligen Häufigkeiten sind nicht bekannt (3).

 

Fazit

 

Die Autoren des Cochrane-Reviews konnten nur Studien zu oralen Präparaten mit Extrakten aus Teufelskralle identifizieren, nicht aber zu anderen Darreichungsformen wie etwa Tees. In den Studien wurden Präparate untersucht, mit denen die Patienten eine ­Tagesdosis von mindestens 50 mg Harpagosid erhielten.

 

Diese Fertigarzneimittel linderten unspezifische Kreuzschmerzen besser als ein Scheinpräparat. Aufgrund der relativ geringen Teilnehmerzahlen und der methodischen Mängel sind die Ergebnisse aber mit einer hohen Unsicherheit behaftet. Der Behandlungseffekt in den Studien war eher gering, sodass ein erheblicher Teil der Teilnehmer trotz Einnahme von Teufelskralle immer noch Schmerzen hatte. Ob Präparate mit Extrakten aus Teufelskralle gleich wirksam sind wie NSAR, wurde bisher nicht ausreichend untersucht.

 

Unerwünschte Wirkungen betreffen vor allem den Magen-Darm-Trakt, fallen in der Regel jedoch eher mild aus.

Die Autoren

Iris Hinneburg studierte Pharmazie an der Philipps-Universität Marburg und wurde an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg promoviert. Nach Tätigkeiten in Forschung und Lehre in Halle und Helsinki (Finnland) arbeitet sie heute freiberuflich als Medizinjournalistin und Fachbuchautorin. Außerdem produziert sie einen Podcast mit Themen zur evidenzbasierten Pharmazie und engagiert sich im Deutschen Netzwerk Evidenz­basierte Medizin.

 

Dr. Iris Hinneburg

Wegscheiderstraße 12

06110 Halle (Saale)

Internet: www.medizinjournalistin.blogspot.com

 

 


Judith Güntherstudierte Pharmazie an Universität des Saarlandes in Saarbrücken und promovierte an der Universität Köln. Nach Tätigkeiten bei der gesetzlichen Krankenversicherung und dem Wissenschaftlichen Institut der AOK (WIdO) leitet sie seit 2002 bei der PharmaFacts GmbH diverse Projekte. Sie ist Fachapothekerin für Arzneimittelinformation und Mitglied des Deutschen Netzwerks für Evidenzbasierte Medizin und dort Sprecherin des Fachbereichs Evidenzbasierte Pharmazie.

 

Dr. Judith Günther

PharmaFacts GmbH

Wilhelmstraße 1 e

79100 Freiburg

E-Mail: jg@phacts.de

Szenario

 

Ein Mann von etwa 50 Jahren bittet um Ihre Beratung. Er leide immer mal wieder an Schmerzen im unteren Rücken, der Arzt habe jedoch keine ernsthaften Probleme festgestellt. Er vermutet, dass die Kreuzschmerzen damit zusammenhängen, dass er immer so lange am Schreibtisch sitzt. Bei akuten Beschwerden nimmt er Ibuprofen für ein paar Tage ein, die ihm eigentlich ganz gut helfen. Jetzt hat er allerdings gelesen, dass diese Art von Schmerzmitteln schlecht für den Magen sei. Könnte ihm vielleicht etwas Pflanzliches helfen? Er habe eine Werbung für ein Präparat mit Teufelskralle gesehen und frage sich, ob das eine gute Alternative für ihn sein könnte. /

 

Literatur 

  1. Robert-Koch-Institut. GBE Heft 53: Rückenschmerzen. 2012. https://www.rki.de/DE/Content/Gesundheitsmonitoring/Gesund heitsberichterstattung/GBEDownloadsT/ruecken schmerzen.html; Zugriff am 20. 4. 2016.
  2. Nationale Versorgungsleitlinie Kreuzschmerz. Stand August 2011. www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/nvl-007.html; Zugriff am 20. 4. 2016.
  3. European Medicines Agency. Assessment report on Harpagophytum procumbens DC and/or Harpagophytum zeheyri Decne., ­radix. Draft 2. 2. 2016, EMA/HMPC/­ 627058/ 2015. www.ema.europa.eu/docs/en_GB/ document_library/Herbal_-_HMPC_assess ment_report/2016/02/WC500201931.pdf; Zugriff am 20. 4. 2016.
  4. Oltean, H., et al., Herbal medicine for low-back pain. Cochrane Database of Systematic Reviews 2014, CD004504.
  5. Chrubasik, S., et al., Effectiveness of Harpagophytum procumbens in the treatment of acute low backpain. Phytomedicine 3 (1996) 1-10.
  6. Chrubasik, S., et al., Effectiveness of Harpagophytum extract WS 1531 in the treatment of exacerbation of low back pain: a randomized placebo-controlled, double-blind study. Eur J Anaesthesiol 16 (1999) 118-129.
  7. Chrubasik, S., et al., A randomized double-blind pilot study comparing Doloteffin and Vioxx in the treatment of low back pain. Rheumatology 42 (2003) 141-148.

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