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Evidenzbasierte Selbstmedikation

Augentropfen bei Konjunktivitis

26.04.2016
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Von Judith Günther und Iris Hinneburg / Die Rate allergiebedingter Erkrankungen steigt seit Jahren. Vor allem im Frühjahr reagieren Nase und Augen auf die ansteigende Pollenflut. Ganzjährig können Hausstaubmilben die Schleimhäute anschwellen lassen. Wie gut helfen Ophthalmika gegen ­juckende und tränende Augen?

 

30 Prozent aller Deutschen leiden mindestens einmal im Leben an einer allergischen Erkrankung. Im Vordergrund stehen Heuschnupfen, allergische Hauterkrankungen und allergisches Asthma (1). Allergiebedingte Augensymptome können sich als Bindehautentzündung bemerkbar machen und oder im Zusammenhang mit Heuschnupfen auftreten (2).

Die Bindehaut der Augen ist über den Kontakt mit der Luft ständig einer Vielzahl von Reizen ausgesetzt. Staub, Ruß, Haare und Pollen können als Allergene bei sensibilisierten Personen Abwehrreaktionen auslösen. Die Allergene durchdringen das konjunktivale Epithel und aktivieren dort Mastzellen. Das freigesetzte Histamin bedingt die typischen allergischen Reaktionen.

 

Bei allergischen Bindehautentzündungen dominieren saisonale Formen. Diese sind durch in Schüben verlaufende Beschwerden charakterisiert, die zu Beginn selbstlimitierend sind und im weiteren saisonalen Verlauf persistieren. Zu den klassischen Symptomen einer Bindehautentzündung zählen Augenrötung, Augenjucken und Lid­ödeme. Die Augen tränen, brennen oder stechen und es sondert sich vermehrt ein transparentes Sekret ab. Ganzjährige (perenniale) Augenbeschwerden treten seltener auf. Hier stehen Augenrötungen, -brennen und eine Schwellung der Bindehaut im Vordergrund (3).

 

Selbstmedikation bietet Vielfalt

 

In der Regel sind bei allergiebedingten Augenbeschwerden beide Augen betroffen und die Beschwerden werden von den Leidtragenden als lästig und unangenehm beschrieben. In vielen Fällen ist eine Eigenbehandlung möglich. Dabei sollten die Mittel vor allem gegen den Juckreiz helfen, über den mehr als 75 Prozent der Betroffenen klagen (3). Hierfür stehen in der Apotheke zahl­reiche Wirkstoffe zur Verfügung. Mastzellstabilisatoren wie Cromoglicinsäure und Nedocromil hemmen die Ausschüttung von Histamin und Leukotrienen aus den Mastzellen und verhindern dadurch die typischen Gewebereaktionen. Antihistaminika wie Azelastin, Levo­cabastin oder Emedastin blockieren spezifisch die Bindung von Histamin am H1-Rezeptor. Auch Ketotifen und Olopatadin gehören zu den antihistaminerg wirkenden Mitteln. Sie haben zudem mastzellstabilisierende Eigenschaften. Der folgende Beitrag zeigt für diese Wirkstoffe die Nutzenbelege bei der symptomatischen Behandlung der allergischen Bindehautentzündung auf.

 

Cochrane-Review als Basis

Die spezifische Literatursuche ergab verschiedene systematische Übersichtsarbeiten, von denen ein Cochrane Review aus dem Jahr 2015 die größte Aktualität aufweist. Er untersucht die Wirksamkeit von Antihistaminika und Mastzellstabilisatoren zur lokalen Anwendung am Auge bei allergischer Bindehautentzündung (3). Weitere Treffer waren aus verschiedenen Gründen nicht relevant. Zum Beispiel, weil die Arzneimittel in Deutschland nicht für die Selbstmedikation zur Verfügung stehen, falsche Indikationsbereiche untersucht wurden oder die Publikationen zu alt sind.

 

Die Methodenbewertung des Cochrane Review fiel zufriedenstellend aus. Den Autoren zufolge wurden alle relevanten Studien bis zum letzten Recherchedatum im Juli 2014 eingeschlossen. Eine zusätzliche Suche nach randomisiert-kontrollierten Studien ab diesem Datum ergab einen weiteren relevanten Treffer (4). Zwar wies die Qualitätsbewertung dieser Einzelstudie auf zahlreiche methodische Schwächen hin. Jedoch hätte gemäß den Angaben der Cochrane-Autoren auch diese Studie die Einschlusskriterien für den Review erfüllt, sodass im Folgenden die Inhalte der Einzelstudie zusammen mit den Review-Ergebnissen diskutiert werden. Die Details zur Literatur­suche und der Qualitätsbewertung sind in der Online-Ausgabe der Pharmazeutischen Zeitung hinterlegt.

Tabelle: Ergebnisse der Evidenzrecherche zum Nutzen von topischen Antihistaminika beziehungsweise Mastzellstabilisatoren bei allergischer Konjunktivitis (Vergleiche von Einzelmitteln mit mehr als einem Studienergebnis)

Vergleich Nutzen Verträglichkeit
Placebovergleich
1. Mastzellstabilisatoren
  • Cromoglicinsäure (2 Studien mit ­insgesamt 239 Patienten)
  • Nedocromil (2 Studien mit insgesamt 275 Patienten)
  • plus eine dreiarmige Studie Cromoglicinsäure versus Nedocromil versus Placebo mit 195 Patienten
In den Einzelstudien verbessert sich mit den Wirkstoffen der Gesamtscore mehr als mit Placebo, Gleiches gilt auch für das Augenjucken, wenn darüber berichtet wird. Die dreiarmige Studie aber findet für die Verumgruppen im Vergleich zu Placebo keinen ­Unterschied im Gesamtscore. Keine schweren unerwünschten Ereignisse, wie Placebo gut ­verträglich.
2. Antihistaminika
  • Azelastin (9 Studien mit insgesamt 1404 Patienten)
  • Levocabastin (5 Studien mit insgesamt 450 Patienten)
Mehrere Vergleiche zeigen eine signifikante Verbesserung des Gesamtscores. In den ­Studien, die davon berichten, ergibt sich eine Verbesserung des Augenjuckens, wobei nicht in allen Studien das Ergebnis signifikant war. Gute Verträglichkeit. Keine ­relevanten Unterschiede in der Rate unerwünschter Ereignisse im ­Vergleich zu Placebo.
Head-to-Head-Vergleich
  • Olopatadin versus Ketotifen (4 Studien mit insgesamt 211 Patienten)
Zwei Studien finden für Olopatadin im Vergleich zu Ketotifen nach zwei Behandlungswochen eine signifikant bessere Wirksamkeit in Bezug auf Augenjucken, zwei andere ­Studien jedoch nicht. Die Metaanalyse der Ergebnisse zeigt zwar ebenfalls einen signifikanten Vorteil für Olopatadin, aber auch eine bedeutende Heterogenität. Der Vergleich bezieht sich auf wenige Patienten und ist vorsichtig zu interpretieren. Beide Mittel sind gut verträglich. 3 Studien berichten nicht von ­unerwünschten Ereignissen. ­ In einer Studie traten unter Ketotifen häufiger vorübergehende Augenbeschwerden auf.
  • Levocabastin versus Cromoglicinsäure (2 Studien mit insgesamt 158 Patienten)
Zwei Studien geben statistisch signifikante Hinweise auf eine bessere Therapiezufriedenheit unter Levocabastin: Im Vergleich zur Behandlung mit Cromoglicinsäure werten 20 % mehr Patienten in der Levocabastingruppe das Behandlungsergebnis als gut bis exzellent. Der Vergleich bezieht sich auf ­wenige Patienten und ist vorsichtig zu interpretieren. Die Reviewautoren machen keine Angaben zur vergleichenden Verträglichkeit.
  • Levocabastin versus Emedastin (3 Studien mit insgesamt 466 Patienten)
In den drei Studien bessert sich Augenjucken unter Emedastin deutlicher als unter Levocabastin. Da einige an der Studiendurchführung beteiligte Personen an allen Untersuchungen mitwirkten, sollten die Ergebnisse noch in anderen Studien bestätigt werden. Die Reviewautoren machen keine Angaben zur vergleichenden Verträglichkeit.
  • Levocabastin versus Azelastin (2 dreiarmige Studien Levocabastin versus Azelastin versus Placebo mit insgesamt 252 Patienten)
Die beiden Studien liefern keinen Beleg für einen Unterschied zwischen den beiden Wirkstoffen. Die Reviewautoren machen keine Angaben zur vergleichenden Verträglichkeit.

Interpretation für die Praxis: Die verfügbaren klinischen Studien geben einige Hinweise darauf, dass Mastzellstabilisatoren oder Antihistaminika bei lokaler Anwendung am Auge die Beschwerden einer allergischen Bindehautentzündung bessern können – die Mittel sind dabei gut verträglich. Nicht alle placebokontrollierten Studien zeigen dabei aber für das Verum eine konsistente Überlegenheit im Beschwerdescore. Direkte Vergleiche zwischen verschiedenen Wirkstoffen sind rar. Aufgrund der großen Varianz in der Studiendurchführung und fehlender statistischer Angaben waren für die Vergleichspaare Metaanalysen bis auf eine Ausnahme nicht möglich. Eine sichere Einschätzung zur Größenordnung des antiallergischen Effektes der Mittel und dessen Bedeutung für den Patienten sowie verlässliche Aussagen zur vergleichenden Wirksamkeit der Mittel untereinander sind auf dieser Grundlage nicht möglich.

Große Studienvielfalt

 

30 Studien mit neun verschiedenen Einzelwirkstoffen sowie zwei Fixkombinationen flossen in die Nutzenbetrachtung ein. Von den untersuchten Ophthalmika sind mit Cromoglicinsäure, Nedocromil, Azelastin, Levocabastin, Emedastin, Olopatadin und Ketotifen sieben Einzelwirkstoffe und mit Antazolin in Kombination mit dem gefäßverengenden Tetryzolin eine Fixkombination auch in Deutschland verfügbar (Abbildung). Die meisten Studien wurden im Vergleich zu Placebo durchgeführt. Mehrere placebo­kontrollierte Studien lagen für die Mastzellstabilisatoren sowie die Antihistaminika Azelastin und Levocabastin vor. Für Olopatadin und Ketotifen war jeweils eine placebokontrollierte Untersuchung im Cochrane Review vertreten, für Emedastin fehlte eine solche. Es finden sich auch mehrere direkte Vergleichsstudien. Nur in einer Untersuchung wurde ein topisches Antihistaminikum zur Anwendung am Auge gegen ein orales Antihistaminikum (Levocabastin versus Loratadin) geprüft. Die Tabelle (siehe Seite 26) listet nur die Ergebnisse der Vergleiche auf, für die mehr als eine Untersuchung zur Verfügung stand, da auf der Basis von Einzelstudien in der Regel keine sicheren Aussagen möglich sind.

In den eingeschlossenen Studien wurden jeweils etwa 30 bis 519 Menschen mit allergischer Konjunktivitis untersucht. Die Studiendauer lag zwischen einer bis maximal acht Wochen. Die Beschwerdebesserung der allergischen Konjunktivitis wurde mithilfe von verschiedenen Symp­tomen-Scores und für unterschiedliche Behandlungszeiträume erhoben.

 

Um die verschiedenartigen Studienergebnisse in einer Metaanalyse zusammenfassen zu können, hätten die Autoren des Cochrane Reviews weitere statistische Angaben zu den einzelnen Studien benötigt. Diese lagen aber nur in Ausnahmefällen vor, sodass auf eine rechnerische Zusammenfassung verschiedener Studienergebnisse weitgehend verzichtet wurde und stattdessen die einzelnen Studienergebnisse strukturiert berichtet werden. Lediglich für den direkten Vergleich zwischen Olopatadin und Ketotifen konnten die Autoren eine Metaanalyse durchführen.

 

Beschwerden werden gelindert

 

Die Review-Autoren untersuchten jede Art der Berichterstattung zum Beschwerdebild allergischer Augen­erkrankungen unter topischer Behandlung. Als Kardinal-Symptome waren Augenjucken, -irritationen, -tränen und Lichtempfindlichkeit festgelegt. Die Änderung der Beschwerdeausprägung in Abhängigkeit von der Behandlung sollte entweder für jedes dieser Symptome einzeln oder bevorzugt gemeinsam in einem Gesamtscore dargestellt sein.

 

Trotz der zahlreichen Studien liegen für keinen Wirkstoff Informationen zu allen Kardinal-Symptomen vor. Insgesamt kann aber festgestellt werden, dass alle Studien für antiallergische Topika im Vergleich zu Placebo eine Linderung des Beschwerdebildes einer allergischen Konjunktivitis nahelegen. Die in den Studien jeweils erhobenen Beschwerde-Scores sinken überwiegend signifikant. Verlässliche Angaben dazu, ob diese Änderungen auch klinisch relevant sind, fehlen aber. Zwar können auch bei einer Placebo- Behandlung Augenjucken, -rötung, -stechen sowie -tränen in relevantem Umfang nachlassen. So machten in einer Studie, die das Therapie­ansprechen untersuchte, auch 50 bis 60 Prozent der Placebobehandelten positive Aussagen. Jedoch lassen die bislang vorliegenden Studiendaten den Schluss zu, dass dieser Anteil sich durch eine spezifische Behandlung mit Antihistaminika oder Mastzellstabilisatoren noch erhöhen lässt.

Für vier direkte Wirkstoffvergleiche liegt mehr als eine Studie vor. Vor allem das Antiallergikum Levocabastin wurde mit verschiedenen anderen Wirkstoffen verglichen: gegen Azelastin, Emedastin und gegen Mastzellstabilisatoren. Im Vergleich zu Azelastin findet sich kein Vorteil für Levocabastin. Die Vergleichsstudien zu Emedastin geben demgegenüber Hinweise auf eine etwas schlechtere Beschwerdelinderung bei Levocabastin. Allerdings wurden die drei Studien von sehr ähnlichen Autorenteams durchgeführt und veröffentlicht. Eine unabhängige Untersuchung sollte diese Hinweise daher bestätigen. Im direkten Vergleich mit dem Mastzellstabilisator Cromoglicinsäure schneidet Levocabastin bei der Therapiezufriedenheit nach vier Behandlungswochen besser ab. Dieses Ergebnis stützt sich aber nur auf zwei kleine Studien mit wenigen Patienten.Der Hinweis, dass Antihistaminika im Vergleich zu Mastzellstabilisatoren allergische Augenbeschwerden etwas stärker lindern, wird durch eine weitere Einzeluntersuchung gestützt, in der sich das Augenjucken bei 188 Patienten nach 14-tägiger Behandlung mit Olopatadin im Vergleich zu Nedocromil signifikant verbesserte.

 

Für den Vergleich von Olopatadin mit Ketotifen liegen die meisten Studien vor – allerdings mit diskrepanten Ergebnissen. Da in diesem Fall die erforderlichen Informationen vorlagen, fassten die Review-Autoren die Ergebnisse der vier Einzelstudien in einer Metaanalyse zusammen. Es ergibt sich auch dann noch ein signifikanter Vorteil für Olopatadin, allerdings mahnt die hohe Heterogenität der Einzelergebnisse zu einer vorsichtigen Interpreta­tion. Hinzu kommt, dass die in unserer Literatur­suche gefundene Einzelstudie ebenfalls keinen relevanten Unterschied zwischen den beiden Wirkstoffen findet (4).

 

Lediglich in einer einzigen Studie wurde ein topisches Augenmittel gegen die orale Einnahme eines Antihistaminikums getestet. Eine Therapie über eine Woche verbesserte sowohl mit Olopatadin (topisch) als auch mit Loratadin (oral) allergisch bedingtes Augenjucken. Die Studie endete mit einem knapp signifikanten Vorteil für Olopatadin-Augentropfen. Allerdings waren die 94 Patienten ohne Verblindung behandelt worden. Werden patientenberichtete Endpunkte unverblindet erhoben, kann die Einstellung der Betroffenen die Berichterstattung verzerren. Derartige Studienergebnisse sind daher wenig glaubwürdig.

Glossar

Beschwerde-Score

 

Erkrankungen gehen häufig mit unterschiedlichen Beschwerden einher. Zur Beurteilung der individuellen Ausprägung einer Erkrankung werden daher Beschwerde-Scores entwickelt. Hierfür wird für den Schweregrad von typischen Krankheitssymptomen (bei Bronchitis etwa Husten, Sputumbildung, erschwerte Atmung; bei Sinusitis Rhinorrhö, eitriges Nasensekret und Gesichtsschmerz) ein Punktwert vergeben und die Punktwerte für die verschiedenen Symptome dann addiert. Beschwerde-Scores werden in klinischen Studien gerne als Messins­trumente zur Quantifizierung eines Therapieeffektes verwendet. Voraussetzung für ihren Einsatz als patientenrelevante Endpunkte sind Validierungsstudien, die unter anderem zeigen, dass der Score sinnvoll konstruiert ist, die verschiedenen Schweregrade einer Erkrankung ausreichend diskriminiert und relevante Änderungen in der Krankheitsausprägung sensitiv erfasst.

 

Head-to-Head-Vergleichsstudie

 

Klinische Studie, in der ein Wirkstoff oder eine Wirkstoffkombination direkt gegen die Standardtherapie oder gegen eine andere Vergleichstherapie unter kontrollierten Bedingungen untersucht wird. Um den direkten Vergleich zusätzlich gegenüber einer Scheinbehandlung abzusichern, wird in diesen Studien häufig eine Placebobehandlung als dritte Vergleichsgruppe mitgeführt. Wenn ein Head-to-Head-Vergleich »nicht signifikant« endet, kann daraus keine statistisch abgesicherte Aussage zu einer vergleichbaren Wirksamkeit der Verumtherapeutika abgeleitet werden. Hierfür muss der Vergleich in Form einer »Nicht-Unterlegenheitsstudie« untersucht werden.

 

Heterogenität

 

Heterogenität bezeichnet die Variabilität zwischen einzelnen Studienergebnissen, die aufgrund von Ungleichheiten in den Studiencharakteristika entsteht. Von klinischer Heterogenität spricht man, wenn sich die Studien ­hinsichtlich der untersuchten Patientenkollektive (beispielsweise unterschiedliche Altersstufen oder Krankheitsschwere), der Interventionen (beispielsweise verschiedene Darreichungsformen, Dosierungen oder Salze eines Wirkstoffs) oder der Endpunkte (beispielsweise Art der untersuchten Symptome, Dauer der Symptome, Schweregrad der Symptome) sowie Dauer der Nachbeobachtung) unterscheiden. Methodische Heterogenität liegt vor, wenn sich die Studien hinsichtlich Studiendesign (RCT versus Non-RCT, Cross-over versus Parallel) und Qualität (Fehlen von verdeckter Zuteilung, Verblindung, vollständiger Nachbeobachtung) unterscheiden.

 

Klinische Relevanz

 

Im Gegensatz zur statistischen Signifikanz, die ein rein mathematisches ­Bewertungsmaß für die Wahrscheinlichkeit der Richtigkeit eines Studienergebnisses ist, handelt es sich bei der klinischen Relevanz um eine Bewertung der klinischen Bedeutung eines Ergebnisses für den Patienten. Vor allem bei kontinuierlichen Endpunkten (wie bei Beschwerde-Scores) kann mit der Erhöhung der Patientenanzahl auch ein kleiner Unterschied zwischen den Behandlungsgruppen statistisch signifikant aufgezeigt werden. Daher ist es bei derartigen Studien wünschenswert, dass die Autoren bei der Studienplanung angeben, welchen Unterschied sie zwischen den Behandlungsgruppen mindestens erreichen möchten und diesen in Bezug auf seine klinische Relevanz auch entsprechend begründen.

 

Konfidenzintervall

 

Eine Studie umfasst immer nur eine »Stichprobe« aus der »Grundgesamtheit« aller vergleichbaren Patienten. Die Effektgröße aus einer Studie, etwa ein relatives Risiko, ist daher ein Wert, der selbst bei einem unverzerrten Studiendesign durch Zufallseffekte vom »wahren Wert« für die Grundgesamtheit abweichen kann. Das Konfidenzintervall leitet sich aus den Daten für die Studie ab und wird durch die Anzahl der Teilnehmer, die Streuung der Messwerte sowie die Annahme einer bestimmten Verteilung der Daten in der Grundgesamtheit bestimmt. Es beschreibt einen »Vertrauensbereich«, in dem der »wahre« Wert für die Grundgesamtheit mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit erwartet werden kann. Üblicherweise wird für diese Wahrscheinlichkeit 95 Prozent angenommen und entsprechend ein 95 %-Konfidenzintervall angegeben (auch als 95 %-KI oder 95 %-CI bezeichnet).

 

Metaanalyse

 

Eine Metaanalyse errechnet mittels statistischer Verfahren aus einzelnen Studienergebnissen zur gleichen klinischen Fragestellung ein neues gemeinsames Ergebnis. Dadurch kann die Aussagekraft eines Ergebnisses gegenüber den Ergebnissen aus Einzelstudien erhöht werden. Eine Metaanalyse kann, muss aber nicht Bestandteil eines systematischen Reviews sein. Damit der neu errechnete Ergebniswert verlässlich ist und für die Praxis angewendet werden kann, müssen verschiedene Kriterien erfüllt sein: möglichst hohe Studienqualität, vergleichbare Patientenkollektive, geringe Unterschiede in den Einzelergebnissen (siehe Heterogenität)

 

Statistisch signifikant

 

In einer Überlegenheitsstudie wird ein Unterschied zwischen Behandlungs- und Kontrollgruppe als statistisch signifikant bezeichnet, wenn auf der Basis eines statistischen Tests die Wahrscheinlichkeit unter 5 Prozent (< 0,05) liegt, dass der gefundene Unterschied nur durch zufällige Effekte zustande gekommen ist und in Wirklichkeit nicht existiert. Dass ein Unterschied statistisch signifikant ist, heißt aber nicht automatisch, dass die Größe des Unterschieds auch für den Patienten von Bedeutung (relevant) ist.

 

Gut verträglich

 

Sowohl Antihistaminika als auch Mastzellstabilisatoren werden bei topischer Anwendung im Auge gut vertragen. Die Vertreter beider Wirkstoffgruppen zeigen weder gegenüber Placebo noch Verum Auffälligkeiten, die mit der Behandlung in Zusammenhang gebracht werden können. Augenirritationen wie Stechen, Tränen oder Seheinschränkungen, die nach kurzer Zeit wieder vergehen, treten in beiden Behandlungsgruppen gleichermaßen auf. Dass ein bestimmtes Antihistaminikum oder ein bestimmter Mastzellstabilisator besser vertragen wird als andere Vertreter dieser Wirkstoffgruppen, ist nicht ausreichend belegt. Zwar ergeben sich für Levocabastin in placebokontrollierten Studien Hinweise auf eine besonders gute Verträglichkeit. Ob dies im Vergleich zu anderen Antihistaminika aber auch Bestand hat, muss erst noch in eigens darauf ausgelegten Studien nachgewiesen werden.

 

Wie zuverlässig ist die Evidenz?

 

Die methodische Qualität der gefundenen Studienergebnisse ist gering. In mehr als 50 Prozent der Fälle fehlen Angaben zur randomisierten Zuteilung der Studienteilnehmer in die Behandlungsgruppen, in 90 Prozent der Fälle Angaben zur verdeckten Zuteilung. Damit ist unklar, ob die Behandlungsgruppen zu Therapiebeginn vergleichbar waren und die Verblindung über den Studienzeitraum aufrechterhalten werden konnte. Insgesamt wird eine schlechte Berichterstattung in den Publikationen beklagt, da dort zahlreiche Informationen zur Qualitätseinschätzung fehlten. Viele Studien schlossen überdies nur wenige Patienten ein.

 

Die Wirksamkeit der Ophthalmika wird in allen Studien anhand patientenberichteter Endpunkte erhoben. Zwar ist das Beschwerdebild im Laufe einer Behandlung für den Betroffenen von essenzieller Bedeutung und die größte Motivation für eine Arzneimittelanwendung. Jedoch besteht die Schwierigkeit bei der Beurteilung von Beschwerde-Scores darin, dass ohne Validierungskonzept des einzelnen Scores unklar bleibt, ab welchem numerischen Unterschied auch eine deutlich erfahrbare Besserung gegeben ist. Derartige Angaben fehlen in den zugrundeliegenden Studien. Da die meisten Untersuchungen nur eine geringe Teilnehmerzahl aufweisen und zahlreiche Angaben zur Einschätzung der Studienmethodik fehlen, ist die Beweiskraft der zugrundeliegenden Studien gering. Dies bedeutet, dass ein hohes Risiko besteht, dass nachfolgende Untersuchungen die vorliegenden Ergebnisse zu den Einzelmitteln verändern können.

Serie Evidenzbasierte Selbstmedikation

Die PZ-Serie »Evidenzbasierte Selbstmedikation« bereitet einmal im Monat für eine konkrete Frage aus der Selbstmedikation eine Zusammenstellung der besten verfügbaren Evidenz auf, die mithilfe einer strukturierten Literatursuche gefunden und deren methodische Qualität beurteilt wurde.

Suchstrategie und Bewertung sind dokumentiert und in der Online-Ausgabe der PZ hinterlegt. Jede Folge enthält zudem ein Szenario aus der Apothekenpraxis. Die Szena­rien laden ein zur Diskussion über die Anwendung und Anwendbarkeit der Evidenz und können für die nächste Teambesprechung oder zur Diskussion über die Kommentarfunktion der Pharmazeutischen Zeitung genutzt werden. Machen Sie mit!

 

Bereits erschienen sind folgende Beiträge:

Fazit

 

Die vorhandenen Studien zu Ophthalmika bei allergischer Konjunktivitis dokumentieren eine kontrollierte Anwendung über einen Zeitraum von maximal acht Wochen. Damit sind keine validen Aussagen zur Wirksamkeit und Verträglichkeit der Mittel bei ganzjährigen Beschwerden möglich.

 

Die Mehrzahl der placebokontrollierten Studien zeigt eine Verringerung der Beschwerden. Für die Praxis bedeutet das: Dem Patienten nützen Augentropfen mit einem Mastzellstabilisator oder einem Antihistaminikum mehr als wirkstofffreie Ophthalmika. Quantifizieren lässt sich der Nutzen anhand der Daten allerdings nicht sicher.

 

Ob bestimmte Arzneistoffe aus diesen Wirkstoffgruppen besser als andere sind, lässt sich mit den gefundenen Studien nicht sicher sagen. Zwar ergeben sich für einige Mittel Hinweise auf mögliche Vorteile, diese müssen aber mit Vorsicht interpretiert werden und bedürfen einer unabhängigen Überprüfung in weiteren Studien. Dass eines der untersuchten Mittel besonders verträglich ist und darin ein Zusatznutzen gegenüber anderen topischen Antiallergika besteht, ist nicht belegt.

 

Szenario

 

Die Warenwirtschaft der Apotheke zu antiallergisch wirkenden Ophthalmika soll optimiert und für die »kommende Allergiesaison« ein Empfehlungsleit­faden für die Apotheke festgelegt werden. Welche Überlegungen könnten auf Basis der vorhandenen Evidenz im Team angestellt werden? /

Hintergrundinformationen

Die Autoren

Iris Hinneburg studierte Pharmazie an der Philipps-Universität Marburg und wurde an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg promoviert. Nach Tätigkeiten in Forschung und Lehre in Halle und Helsinki (Finnland) arbeitet sie heute freiberuflich als Medizinjournalistin und Fachbuchautorin. Außerdem produziert sie einen Podcast mit Themen zur evidenzbasierten Pharmazie und engagiert sich im Deutschen Netzwerk Evidenz­basierte Medizin.

 

Dr. Iris Hinneburg

Wegscheiderstraße 12

06110 Halle (Saale)

Internet: www.medizinjournalistin.blogspot.com

 

 

Judith Günther studierte Pharmazie an Universität des Saarlandes in Saarbrücken und promovierte an der Universität Köln. Nach Tätigkeiten bei der gesetzlichen Krankenversicherung und dem Wissenschaftlichen Institut der AOK (WIdO) leitet sie seit 2002 bei der PharmaFacts GmbH diverse Projekte. Sie ist Fachapothekerin für Arzneimittelinformation und Mitglied des Deutschen Netzwerks für Evidenzbasierte Medizin und dort Sprecherin des Fachbereichs Evidenzbasierte Pharmazie.

 

Dr. Judith Günther

PharmaFacts GmbH

Wilhelmstraße 1 e

79100 Freiburg

E-Mail: jg@phacts.de

Literatur bei den Verfassern

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