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ARZNEISTOFFE

Telmisartan|Micardis®|17|1999

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STOFFGRUPPE
17 Antihypertonika
WIRKSTOFF
Telmisartan
FERTIGARZNEIMITTEL
Micardis®
HERSTELLER

Boehringer Ingelheim

MARKTEINFÜHRUNG (D)
01/1999
DARREICHUNGSFORM

20 mg Tabletten

40 mg Tabletten

80 mg Tabletten

plus 40 mg/12,5 mg Tabletten

plus 80 mg/12,5 mg Tabletten

Indikationen

Micardis ist zur Behandlung der essentiellen Hypertonie zugelassen. Es wird außerdem im Rahmen der kardiovaskulären Prävention zur Reduktion der kardiovaskulären Morbidität bei Erwachsenen mit manifester atherothrombotischer kardiovaskulärer Erkrankung (koronare Herzerkrankung, Schlaganfall oder periphere arterielle Verschlusserkrankung in der Vorgeschichte) oder mit Diabetes mellitus Typ 2 mit dokumentiertem Endorganschaden angewendet.

Wirkmechanismus

Telmisartan ist der sechste Vertreter der Angiotensin-II-Typ-1-Rezeptorantagonisten. Von den bisherigen Vertretern dieser Gruppe unterscheidet sich Telmisartan chemisch dadurch, dass es keinen Tetrazol-Ring aufweist sondern stattdessen eine Carboxylgruppe enthält.

 

Angiotensin-Antagonisten blockieren kompetitiv oder auch wie Telmisartan nicht-kompetitiv und selektiv die durch Angiotensin II hervorgerufenen Wirkungen am Angiotensin-II-Typ1-(AT1-) Rezeptor. Dieser Rezeptortyp vermittelt die kardiovaskulären Effekte von Angiotensin II. Dazu gehört vor allem eine starke Vasokonstriktion. Daneben vermittelt dieser Rezeptorsubtyp aber auch eine Natrium- und Wasserretention, fördert die Aldosteronbildung und stimuliert den Sympathikus. Dies alles führt zu der bereits seit langem bekannten Blutdrucksteigerung durch Angiotensin II. Im Gewebe stimuliert Angiotensin II über den AT1-Rezeptor die Zellproliferation, fördert die Plättchenaggregation und beeinträchtigt die Endothelfunktion. Damit werden Faktoren begünstigt, die zusätzliche Risikofaktoren bei einer Hypertonie sind.

 

Ein weiterer Angiotensin-Rezeptor-Subtyp, der AT2-Rezeptor, ist im embryonalen Gewebe für die Zelldifferenzierung verantwortlich. Später wird er bei Gewebeschäden, wie zum Beispiel einem Myokardinfarkt, exprimiert. Dann vermittelt er antiproliferative und vasodilatierende Effekte. Telmisartan ist für den AT1-Rezeptorsubtyp ein nicht kompetitiver selektiver Angiotensin-II-Antagonist, der stark an den Rezeptor bindet und langsam von ihm dissoziiert.

 

Telmisartan wird auch als «insurmountable» (schwer/nicht überwindbar), nicht-kompetitiver Antagonist bezeichnet, weil er auch in Gegenwart sehr hoher Konzentrationen des natürlichen Liganden nur sehr langsam vom Rezeptor dissoziiert. Dies mag ein Grund für seine lange Wirkdauer sein.

 

Telmisartan besitzt keine agonistische Aktivität. Die Blockade des AT1-Rezeptors führt zu einem dosisabhängigen Anstieg der Plasma-Renin-, Angiotensin-I- und Angiotensin-II-Konzentrationen und zu einer Abnahme der Plasma-Aldosteron-Konzentration.

 

Die blutdrucksenkende Wirkung kommt durch eine Verminderung des peripheren Gefäßwiderstandes zustande, der vor allem über Angiotensin II vermittelt wird. Eine reflektorische Zunahme der Herzfrequenz findet nicht statt.

Anwendungsweise und -hinweise

Es wird empfohlen, initial mit einer Dosis von 40 mg Telmisartan täglich zu beginnen. Diese kann nach Bedarf auf 80 mg gesteigert werden.

 

Aufgrund der langen terminalen Halbwertszeit von über 20 Stunden, ist die einmal tägliche Applikation möglich. Die Einnahme erfolgt mit etwas Flüssigkeit und kann zu oder unabhängig von den Mahlzeiten erfolgen.

 

Aufgrund ihrer hygroskopischen Eigenschaften sollten Micardis-Tabletten in der Blisterverpackung aufbewahrt und erst kurz vor der Einnahme daraus entnommen werden.

 

Bei Patienten mit eingeschränkter Leberfunktion sollte Telmisartan mit Vorsicht eingesetzt werden, da es überwiegend über die Galle ausgeschieden wird. Vorsicht ist außerdem geboten bei Patienten mit aktiven Magen-oder Duodenalulzera oder krankhaften gastrointestinalen Veränderungen, denn in den klinischen Prüfungen traten Beschwerden in Magen und Darm sowie seltene gastrointestinale Blutungen bei Patienten mit vorbestehender gastrointestinalen Erkrankungen unter Telmisartan häufiger auf als unter Placebo.

Wichtige Wechselwirkungen

Wird Telmisartan zusammen mit Digoxin angewendet, kann es zu einer Erhöhung der Digoxin-Plasmakonzentration kommen. Bei Initiierung, Anpassung und Beendigung der Telmisartan-Behandlung ist daher der Digoxinspiegel zu überwachen und gegebenenfalls anzupassen.

 

Telmisartan kann zu einer Hyperkaliämie führen. Dieses Risiko kann ansteigen, wenn es mit einem anderen Arzneimittel, das auch zu Hyperkaliämie führen kann, kombiniert wird (kaliumhaltige Salzersatzpräparate, kaliumsparende Diuretika, ACE-Hemmer, Angiotensin-II-Rezeptor-Antagonisten, nichtsteroidale entzündungshemmende Arzneimittel (NSAR einschließlich selektiver COX-2-Hemmer), Heparin, Immunsuppressiva (Ciclosporin oder Tacrolimus) und Trimethoprim. Die Anwendung sollte streng beobachtet und regelmäßige Kontrollen des Serumkaliumspiegels durchgeführt werden.

 

Wenn sich die gleichzeitige Anwendung von Telmisartan und Lithium als notwendig erweist, wird eine sorgfältige Kontrolle des Serumlithiumspiegels empfohlen, da eine reversible Erhöhung der Serumlithium-Konzentration und der Lithium-Toxizität berichtet wurde.

 

Besondere Vorsicht ist geboten bei der gleichzeitigen Anwendung von Telmisartan und NSAR. Diese können die blutdrucksenkende Wirkung von Angiotensin-II-Rezeptor-Antagonisten verringern. Bei einigen Patienten mit Einschränkung der Nierenfunktion kann die gleichzeitige Anwendung von Angiotensin-II-Rezeptor-Antagonisten und NSAR zu einer weiteren Verschlechterung der Nierenfunktion führen, einschließlich der Möglichkeit eines üblicherweise reversiblen akuten Nierenversagens.

 

Auch systemisch angewendete Corticosteroide können zu einer Verringerung der blutdrucksenkenden Wirkung von Telmisartan führen. Eine vorbestehende Behandlung mit hohen Diuretika-Dosen wie Furosemid oder Hydrochlorothiazid kann zu Beginn einer Therapie mit Telmisartan zu Volumenmangel und einem höheren Hypotonie-Risiko führen.

Nebenwirkungen

Die Gesamtinzidenz der unerwünschten Ereignisse betrug unter Telmisartan 30,3 unter Placebo 30,4 Prozent. Der Schweregrad der unerwünschten Ereignisse wurde mit leicht bis mäßig schwer angegeben; sie standen nicht in Zusammenhang mit der verabreichten Dosis. Wie zu erwarten, ist die Häufigkeit von Husten unter Telmisartan gegenüber Lisinopril signifikant verringert.

 

Bei Patienten mit gastrointestinalen Erkrankungen in der Vorgeschichte traten unerwünschte Ereignisse in Bezug auf dieses Organsystem häufiger auf als unter Placebo oder unter Vergleichsmedikation. Daher wird auf diese Patientengruppe in der Fachinformation besonders hingewiesen. Trotzdem scheint die gleichzeitige Gabe zusammen mit NSAR das Risiko für gastrointestinale Beschwerden nicht zu erhöhen.

Kontraindikationen und Vorsichtsmaßnahmen

Nicht angewendet werden darf Telmisartan bei Patienten mit schwerer Leberschädigung oder obstruktiven Gallenfunktionsstörungen sowie im zweiten und dritten Schwangerschaftsdrittel.

 

Kontraindiziert ist außerdem die gleichzeitige Anwendung von Micardis mit Aliskiren-haltigen Arzneimitteln bei Patienten mit Diabetes mellitus oder eingeschränkter Nierenfunktion (GFR < 60 ml/min/1,73 m²).

 

Bei Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff oder einen der sonstigen Inhaltsstoffe ist das Arzneimittel kontraindiziert.

Studien

Wirksamkeit und Sicherheit wurden für Telmisartan in klinischen Prüfungen bewiesen, an denen rund 3000 Patienten mit hohem Blutdruck teilnahmen. Die Dosisfindungsstudien ergaben, dass Telmisartan ab einer Dosierung von 40 mg den systolischen Blutdruck signifikant stärker senkte als Placebo. Die Blutdrucksenkung der 20-mg-Dosis erreichte nicht die Signifikanzgrenze. Für einige Patienten könnte diese Dosierung jedoch als Initialdosis ausreichen.

 

Eine lineare Dosis-Wirkungsbeziehung für den im Liegen gemessenen diastolischen Blutdruck ließ sich aus den Dosisfindungsstudien ebenso wenig ableiten wie die minimal effektive Dosis oder ein Plateau-Effekt bei steigender Dosis. Der Trough-peak-Quotient lag für den diastolischen Blutdruck bei allen geprüften Dosierungen über 84 Prozent, beim systolischen Blutdruck hingegen ergaben nur Dosen über 40 mg ein Verhältnis von über 66 Prozent. Damit ist auch die Wirkung über ein 24-stündiges Dosierungsintervall für die Dosierung von 40 mg Telmisartan belegt.

 

Vergleichsstudien wurden gegenüber dem β-Blocker Atenolol und den beiden ACE-Hemmern Enalapril und Lisinopril, dem Calciumantagonisten Amlodipin sowie Losartan durchgeführt. Dabei erwies sich Telmisartan als mindestens ebenso wirksam wie die jeweiligen Vergleichstherapien. Beim Vergleich mit Losartan fiel auf, dass beide Telmisartandosierungen (40 und 80 mg) den systolischen und den diastolischen Blutdruck während der letzten sechs Stunden des Dosierungsintervalls signifikant stärker senken konnten als Losartan. Ein ähnliches Ergebnis brachte auch der Vergleich mit Amlodipin. Hier konnte der diastolische Blutdruck mit Telmisartan während der letzten vier Stunden des Dosierungsintervalls signifikant stärker gesenkt werden als mit Amlodipin.

Besonderheiten

Bei der Lagerung von Micardis-Tabletten sind keine besonderen Temperatur-Bedingungen zu berücksichtigen. 

Aufgrund ihrer hygroskopischen Eigenschaften sollten Micardis-Tabletten in der Blisterverpackung aufbewahrt und erst kurz vor der Einnahme daraus entnommen werden.

Micardis ist verschreibungspflichtig.

Formeln

Telmisartan

Telmisartan

Die dreidimensionale Strukturformel können Sie mit einem kostenlosen Zusatzprogramm aus dem Internet, zum Beispiel Cortona von Parallelgraphics, ansehen (externer Link).

telmisartan.wrl

Links

Weitere Hinweise

Patientinnen, die planen, schwanger zu werden, sollten auf eine alternative antihypertensive Therapie mit bewährtem Sicherheitsprofil für Schwangere umgestellt werden. Wird eine Schwangerschaft festgestellt, ist eine Therapie mit Telmisartan unverzüglich zu beenden und, wenn erforderlich, eine alternative Therapie zu beginnen. Die Anwendung von Telmisartan ist im zweiten und dritten Schwangerschaftsdrittel kontraindiziert.

Eine Anwendung von Telmisartan während der Stillzeit wird nicht empfohlen.

Letzte Aktualisierung: 26.06.2019