| Melanie Höhn |
| 25.10.2026 08:00 Uhr |
Resilienz entstehe nicht erst im Ereignisfall, sondern sie müsse im Normalbetrieb aufgebaut, finanziert, rechtlich abgesichert, regelmäßig geübt und organisatorisch verankert werden, so Fedders. »Die Apothekerschaft bringt dafür gewachsene Strukturen, fachliche Kompetenz und unmittelbare Handlungsfähigkeit mit. Diese Potenziale müssen als Bestandteil der nationalen Gesundheits- und Sicherheitsarchitektur anerkannt werden«, sagte sie.
Wer die Resilienz der Gesundheitsversorgung erhöhen wolle, müsse Apotheken deshalb verbindlich als strategischen Partner einbeziehen – in Staat, Selbstverwaltung, Bevölkerungsschutz und Verteidigung. Nur mit starken Apotheken könne die Arzneimittelversorgung in Frieden, Krise und Krieg verlässlich gewährleistet werden.
BAK-Symposium zum Thema Krisenvorsorge (v. l.): Moderatorin und PZ-Redakteurin Daniela Hüttemann, Bernd Klaubert (Oberstapotheker der Bundeswehr), Ines Perea (BMG), BAK-Präsident Armin Hoffmann und Maike Fedders (AG Krisenvorsorge). / © ABDA/Klemm
Fedders diskutierte anschließend mit BAK-Präsident Armin Hoffmann sowie mit BMG-Unterabteilungsleiterin Ines Perea. Außerdem nahmen Oberstapotheker Bernd Klaubert von der Bundeswehr sowie Kristina Böhm vom Amt für Gesundheit und Prävention der Landeshauptstadt Dresden an der Diskussion teil.
Klaubert, der beim jüngsten PZ-Talk »Alex’ Doppelte Dosis« (ADD) zu mehr Vorsorge gemahnt hatte, betonte, dass Deutschland über leistungsfähige Strukturen und Fachkompetenz im Gesundheitswesen verfüge. »Wir haben starke Strukturen. Ich bin davon überzeugt, dass wir echte Power haben«, sagte er. Entscheidend sei, diese Fähigkeiten zu vernetzen und die Zusammenarbeit zwischen militärischen und zivilen Akteuren praktisch zu erproben. Klaubert plädierte dafür, dass Apotheken systematisch prüfen sollten, ob Personal, Material, Infrastruktur, Organisation und Betriebsabläufe im Krisenfall verfügbar bleiben.
BMG-Unterabteilungsleiterin Ines Perea versicherte beim BAK-Symposium, dass das GeSiG fertig erarbeitet sei und kurz vor der finalen Veröffentlichung stehe. Einen genauen Zeitpunkt könne sie aber derzeit nicht nennen. Eine krisenresiliente Versorgung ist aus ihrer Sicht nur mit den öffentlichen Apotheken realisierbar: »Wir brauchen sie als Partner auf den verschiedenen Ebenen«, erklärte sie. Perea begrüßt ausdrücklich die Strategiepapiere unterschiedlicher Akteure. Die Arzneimittellisten von Bundesapothekerkammer, Bundesärztekammer und Bundeswehr müssten später miteinander abgeglichen werden.

»Ohne die funktionierenden Apotheken wird es in Deutschland nicht gehen«, sagt Ralf Hoffmann Befehlshaber des Zentralen Sanitätsdienstes der Bundeswehr und Stellvertreter des Befehlshabers des Unterstützungskommandos der Bundeswehr. / © Bundeswehr/Christopher Preloznik
Die Bundeswehr hat wiederholt betont, dass sie die Arzneimittelversorgung der Zivilbevölkerung im Verteidigungsfall nicht übernehmen kann. Öffentliche Apotheken seien deshalb unverzichtbarer Bestandteil der gesamtstaatlichen Gesundheitsversorgung. Angesichts möglicher hoher Patientenzahlen und einer drohenden Überlastung der Bundeswehrkrankenhäuser müsse die Zusammenarbeit zwischen zivilen und militärischen Strukturen dringend verbessert werden. »Wir werden auch in einer Krise auf das Netz der Apotheken zwingend zurückgreifen müssen. Sie sind das Kernelement bei der Verteilung von Arzneimitteln und Medizinprodukten in Deutschland und ohne die funktionierenden Apotheken wird es in Deutschland nicht gehen«, sagte Ralf Hoffmann Befehlshaber des Zentralen Sanitätsdienstes der Bundeswehr und Stellvertreter des Befehlshabers des Unterstützungskommandos der Bundeswehr, in einem PZ-Interview.
Bereits beim Kongress für Gesundheitsnetzwerker im März erklärte Oberstapotheker Bernd Klaubert, dass Katastrophen- und Zivilschutz keine Aufgabe allein der Streitkräfte ist und die Bundeswehr im Ernstfall auf zivile Arzneimittelversorgung angewiesen bleibt. Es sei ein Zusammenspiel von Bund, Ländern, Großhandel, Krankenhäusern und Apotheken. Zudem betonte er, dass Europa bei vielen Arzneimitteln stark von asiatischen Herstellern abhängig sei. Andere Länder würden bereits gegensteuern. Frankreich etwa bevorzuge bei bestimmten Produkten nationale Hersteller. Dahinter stehe die politische Grundsatzfrage, welchen Stellenwert Versorgungssicherheit künftig haben soll und ob Gesellschaft und Politik bereit sind, dafür höhere Kosten in Kauf zu nehmen.
Ein System der Patientenverlegung: Verletzte Soldatinnen und Soldaten sowie gegebenenfalls Zivilpersonen müssen nach Deutschland transportiert, innerhalb des Landes verteilt und medizinisch versorgt werden können.
Personal: Es sollen Möglichkeiten geschaffen werden, zusätzliches Personal zu mobilisieren, beispielsweise durch freiwillige Meldungen, die Einbindung von Ruheständlern und die Teilnahme an Übungen.
Perea machte zudem deutlich, dass die vollständige Unabhängigkeit von internationalen Lieferketten kaum realistisch sei. Ziel müsse vielmehr sein, besonders kritische Lieferketten zu identifizieren und ihre Widerstandsfähigkeit zu erhöhen. »Wir werden improvisieren müssen«, sagte sie. Auch bei sorgfältiger Vorbereitung könnten nicht alle Eventualitäten abgedeckt werden. Perea setzt deshalb sowohl auf belastbare Grundstrukturen als auch auf die Fähigkeit, im Ernstfall flexibel zu handeln. »Es wird nicht alles durch den Staat in der Form finanziert werden können, wie man sich das wünscht.«
Zudem listete Perea vier Punkte auf, die in einem verteidigungsbezogenen Szenario geregelt werden müssten: Ein System der Patientenverlegung, Personal, Bevorratung und ein belastbares Lagebild.
Hoffmann unterstrich, dass Krisenvorsorge nicht allein durch einzelne Berufsgruppen oder Institutionen bewältigt werden könne. Er forderte verbindliche politische Entscheidungen, eine enge Zusammenarbeit aller Akteure und die konsequente Umsetzung der vorliegenden Konzepte. Die Zusammenarbeit zwischen Bundeswehr, öffentlichen Apotheken, Krankenhausapotheken, Großhandel und weiteren Akteuren müsse praktisch erprobt werden.
Hoffmann sprach zudem über den »Schatz« der Apotheken vor Ort: Die Stärke der Apotheken liege darin, dass sie regional verankert und niedrigschwellig erreichbar sind sowie pharmazeutische mit logistischer Expertise verbinden. Damit seien Apotheken Gesundheitsknotenpunkte, Frühwarnsysteme und Sicherheitsanker.
Die Krisenfestigkeit des Gesundheitswesens soll gestärkt und die gesellschaftliche Handlungsfähigkeit in außergewöhnlichen Lagen sichergestellt werden. / © Imago/photothek
Nur mit starken Apotheken könne die Arzneimittel- und Gesundheitsversorgung in Friedens- und Krisenzeiten verlässlich gewährleistet werden, so Hoffmann. »Wir brauchen jede einzelne Apotheke, um auch in besonderen Lagen die Versorgung der Bevölkerung flächendeckend garantieren zu können«, sagte er.
Böhm betonte, dass sich kommunale Krisenvorsorge vielerorts noch im Aufbau befinde. Pläne und Zuständigkeiten würden entwickelt, müssten aber noch stärker in die praktische Umsetzung überführt werden. »Die Apotheken müssen mitgedacht und eingebunden werden«, forderte sie. Gesundheitsämter könnten als Schnittstelle zwischen Kommunen, medizinischen Einrichtungen, Apotheken und weiteren Akteuren dienen.
Das Fazit des Strategiepapiers der ABDA: Eine resiliente Gesundheitsversorgung ist ohne leistungsfähige, flächendeckend erreichbare und krisenfest eingebundene Apotheken nicht denkbar. Öffentliche Apotheken und Krankenhausapotheken sichern im Alltag die Versorgung mit Arzneimitteln und Medizinprodukten und bilden zugleich eine unverzichtbare Reserve- und Reaktionsstruktur für Krisen, Katastrophen und den Verteidigungsfall. Sie seien Gesundheitsknotenpunkte, Frühwarnsysteme, Kommunikationspartner und operative Akteure der gesundheitlichen Sicherheitsvorsorge.
Ein weiterer Kernpunkt des Strategiepapiers: Resilienz entsteht nicht erst im Ereignisfall, sondern muss im Normalfall verankert werden. Deutlich wurde außerdem, dass dazu klare Zuständigkeiten, verbindliche Einbindung in Krisenstäbe und Bevölkerungsschutzstrukturen, belastbare Bevorratungskonzepte, digitale Lagebilder, sichere Kommunikationswege, geschützte Infrastruktur sowie eine nachhaltige Finanzierung der notwendigen Vorhalte- und Zusatzaufgaben gehörten. Zudem wurde betont, dass Potenziale konsequent genutzt werden und als Bestandteil der nationalen Gesundheits- und Sicherheitsarchitektur anerkannt werden müssten.
Die Stärkung der Apotheken in Deutschland sei weit mehr als eine berufs- oder gesundheitspolitische Frage. Sie sei ein »zentraler Beitrag zur Versorgungssicherheit, zur Krisenfestigkeit des Gesundheitswesens und zur gesellschaftlichen Handlungsfähigkeit in außergewöhnlichen Lagen«. Wer die Resilienz der Gesundheitsversorgung erhöhen wolle, müsse Apotheken als strategische Partner von Staat, Selbstverwaltung, Gesundheitswesen, Bevölkerungsschutz und Verteidigung verbindlich einbeziehen. Die Kernaussage: Nur mit starken Apotheken kann die Arzneimittelversorgung in Frieden, Krise und Krieg verlässlich gewährleistet werden.

Laut der Studie müssen sich Gesundheitssysteme für die Zukunft besser rüsten. / © Imago/Ukrinform
Eine Studie des Beratungsunternehmens »Roland Berger« zeigt, dass Gesundheitssysteme auf der ganzen Welt nicht ausreichend auf Krisen und Konflikte vorbereitet sind. Die Dringlichkeit sei erkannt, doch zwischen Problembewusstsein und tatsächlicher Vorsorge klaffe eine erhebliche Lücke. Für die Studie wurden 486 Fachleute aus Politik, von Kostenträgern, Versorgung sowie Pharma- und Medizintechnikunternehmen international befragt. 81 Prozent der Befragten sind demnach überzeugt, dass die Widerstandsfähigkeit von Gesundheitssystemen künftig wichtiger wird. Kein einziger Befragter hält sein Gesundheitssystem für vollständig gerüstet, um geopolitisch bedingte Störungen zu bewältigen.