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Tattoos und Piercings

Anders schön

Potenzielle Gefahren

Die Komplikationsrate bei Piercings liegt bei circa 28 Prozent (2) und hängt im Wesentlichen von Faktoren wie Hygiene, Lokalisation des Stichkanals, Material des Körperschmucks und Nachsorge ab.

Zu den Personen mit deutlich erhöhtem Risiko für Komplikationen gehören Patienten mit Diabetes mellitus oder einem beeinträchtigten Immunsystem, zum Beispiel nach Organtransplantation oder HIV-Infektionen, beziehungsweise Menschen mit Herzfehlern, Blutungsneigung oder atopischer Dermatitis beziehungsweise Glucocorticoid-Therapie (3).

Bakterielle und virale Infektionen gelten neben Blutungen, Ausrissen, Allergien, überschießender Narbenbildung (Keloiden) und Fremdkörpergranulomen als Hauptrisiken von Piercings (4, 5, 6). Am komplikationsträchtigsten sind Piercings im Genitalbereich sowie in Brustwarzen, Zunge, Bauchnabel, Ohren und Nase (2).

Als mögliche Komplikationen von Brustwarzenpiercings bei Frauen sind Abszesse oder Laktationsstörungen durch Verstopfung der Milchdrüsengänge bekannt. Bei Ohrpiercings besteht die Gefahr einer Ohrmuschelperichondritis (4, 5, 6). Hier können eine systemische Antibiose oder sogar chirurgische Eingriffe unumgänglich werden.

Bei leichten Entzündungen, die beispielsweise mit einer Rötung einhergehen, können neben Povidon-haltigen Lösungen auch Tyrothricin-haltige Wundgele indiziert sein. Je nach Stärke der Entzündung kann es unumgänglich werden, den Schmuck zu entfernen. Bei starken Schwellungen, Schmerzen und Absonderung von Eiter sowie chronisch anhaltenden Beschwerden sollte der Patient an einen Arzt verwiesen werden.

Piercings bestehen heutzutage nicht nur aus Metall, sondern unter anderem auch aus Silikon, Holz, Glas, Titan, Horn, Stein oder Polytetrafluorethylen (PTFE; Teflon). Die Kenntnis des Materials ist wichtig, um die Frage beantworten zu können, ob – sollte ein bildgebendes Verfahren wie Röntgen beziehungsweise Computer- oder Magnetresonanztomografie anstehen – der Schmuck zwingend entfernt werden muss.

Da Magnetresonanztomografen mit starken Magneten arbeiten, dürfen sich in der zu untersuchenden Region keine selbst magnetischen Metallteile befinden. Beim Röntgen oder bei der Computertomografie können Metallteile im Untersuchungsfeld das entstehende Bild und damit die Diagnose verschleiern oder verfälschen. Hier müssen metallhaltige Piercings also auf jeden Fall »raus«. Piercings aus PTFE hingegen sind nicht magnetisch. Das Material ist auf Röntgenbildern nicht sichtbar und kann auch als Platzhalter eingesetzt werden, wenn anderer Schmuck herausgenommen werden muss.

Stichwort »alternative Behandlungsverfahren«: Wird im Internet das sogenannte »Daith Piercing« in der waagerechten Brücke und innersten Auswölbung der Ohrmuschel als Therapie gegen Migräne und Clusterkopfschmerz empfohlen, so gibt es dafür keine pathophysiologische Grundlage. Die Deutsche Migräne und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) rät somit vom »Daith Piercing« zur Migränebehandlung dringend ab.

Wie jede Körpermodifikation kann auch ein Piercing irgendwann nicht mehr gewollt sein. Der Schmuck wird herausgenommen, der zumeist gedehnte Stichkanal jedoch bleibt sichtbar. Hier kann eine kleine Operation Abhilfe schaffen. Bei einem circa 20-minütigen Eingriff wird der Hautschlauch, der sich nach dem Stechen entlang des schmalen Stichkanals gebildet hat, zur Gänze herausgeschnitten. Der Stichkanal wird im Anschluss komplett vernäht.

So »verschwinden« auch kleine Löcher in den Augenbrauen, der Nase oder den Lippen. Weit gedehnte Tunnellöcher in den Ohrläppchen können nach einer Umverteilung des Gewebes zusammengenäht werden. Dies kann jedoch mit größeren Narben verbunden sein.

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