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Modellprojekte Grippeimpfung

Wie sich Apotheken gegen Risiken absichern

Im Rahmen von Modellprojekten können auch Apotheken die Grippeimpfung durchführen. Um sich gegen mögliche Haftungsrisiken abzusichern, sollten sie gegebenenfalls ihre Berufshaftpflicht aktualisieren.
Ev Tebroke
02.10.2020  08:00 Uhr

Mit dem Start der Grippe-Saison 2020/21 bieten bundesweit viele Apotheken für Erwachsene die Möglichkeit an, sich in der Offizin gegen Grippe impfen zu lassen. Im Rahmen von Modellprojekten unterstützen sie damit das Ziel von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU), die Durchimpfungsraten zu erhöhen. Insbesondere vor dem Hintergrund der Coronavirus-Pandemie und aktuell erneut steigender Infektionszahlen ist ein Grippeschutz von hoher Bedeutung, um vor allem Risikogruppen im Fall einer Covid-19-Infektion vor schweren Krankheitsverläufen zu schützen. Darauf hatte die Ständige Impfkommission (STIKO) zuletzt explizit hingewiesen.

Das Impfen war bislang den Ärzten vorbehalten. Auf Bundesebene hatte die Ärzteschaft daher massiv gegen die Unterstützung der Apotheker protestiert. Sie hatten unter anderem argumentiert, dies gefährde die Patientensicherheit und Apothekern sei die Ausübung von Heilkunde untersagt. Die am Modellprojekt teilnehmenden Apotheken sehen das Impfen aber als eine Präventionsleistung, die auch in vielen anderen Ländern längst problemlos in den Offizinen durchgeführt wird. Um die Sicherheit der Patienten zu gewährleisten, hat hierzulande die Bundesapothekerkammer (BAK) eine Leitlinie erstellt, wie die Grippeimpfung zu erfolgen hat. Ein Curriculum regelt zudem entsprechende Schulungsinhalte.

Was das Haftungsrisiko betrifft, so ist die Tätigkeit des Impfens nicht über die in § 84 Arzneimittelgesetz (AMG) geregelte Gefährdungshaftung abgedeckt. Die bezieht sich ausschließlich auf die Abgabe von Arzneimitteln, erklärt Jurist Ulrich Laut, Geschäftsführer der Landesapothekerkammer Hessen, gegenüber der PZ. Beim Impfen hingegen wird das Arzneimittel angewendet. In diesem Fall greift demnach im Versicherungsfall die typische Berufshaftpflicht. Mögliche gesundheitliche Risiken muss der Apotheker vorab per Fragebogen mit dem Patienten abklären und dieser muss – genau wie sonst auch in der Arztpraxis – schriftlich einwilligen. Wenn der Apotheker die Impfung leitliniengemäß durchführe, also kein Kunstfehler vorliege, ist nach Angabe des Juristen Laut der Fall einer möglichen Impfreaktion durch die Berufshaftpflicht gedeckt. Allerdings sollte jeder Apotheker individuell mit seiner Versicherung abklären, ob eventuell ein Zusatzvertrag zu den bestehenden Versicherungskonditionen erforderlich ist.

Das betont auch Jurist Carsten Wohlfeil, Geschäftsführer des Saarländischen Apothekervereins. Jeder am Impfprojekt beteiligte Apotheker müsse individuell mit seiner Berufshaftpflicht abklären, ob das zusätzliche Risiko gegebenenfalls eine Vertragsanpassung erforderlich macht. »Das ist von Fall zu Fall unterschiedlich«, so Wohlfeil. »Manche Versicherungen verlangen einen Zuschlag, andere halten die bestehenden Vertragskonditionen für ausreichend.« Was das Thema Impfreaktion betrifft, so gebe es dafür keinen Haftschutz. Das sei individuell nie ganz auszuschließen. Der Apotheker sichere sich aber durch das vorherige Abfragen der Kontraindikationen gegen eine Haftung ab.

Das Saarland zählt neben dem Gebiet Nordrhein zu den ersten Regionen, in denen die Modellprojekte zur Grippeimpfung in den nächsten Tagen starten dürften. Laut Wohlfeil steht nur noch das Okay des Robert-Koch-Instituts (RKI) aus, dann fällt der Startschuss.

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