| Cornelia Dölger |
| 27.07.2026 07:00 Uhr |
Hinzu kommt ein Vorwurf, den unter anderem der Deutsche Hanfverband (DHV) erhebt. Er fußt auf besagter Anhörung im Gesundheitsausschuss Ende Juni, bei der Sachverständige, Verbände und Experten Stellung zu den umstrittenen Sparmaßnahmen bezogen. Eingeladen war auch der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA), vertreten durch den damals noch amtierenden Vorsitzenden Professor Josef Hecken. Hecken ist inzwischen im Ruhestand, seine Nachfolge übernahm zum 1. Juli die ehemalige Staatssekretärin im hessischen Gesundheitsministerium, Sonja Optendrenk.
Im Ausschuss fragte der Vizevorsitzende und Unions-Gesundheitspolitiker Stephan Pilsinger (CSU) Hecken, wie der Vorrang von Fertigarzneimitteln verbindlich geregelt werden könnte und welche weiteren Wirkstoffe neben den im Gesetz aufgelisteten dafür in Betracht kommen. Hecken antwortete, denkbar wäre ein verpflichtender, mindestens sechsmonatiger Therapieversuch mit einem Fertigarzneimittel, bevor kostenintensive Apothekenzubereitungen verordnet werden.
Zudem könnten Cannabis-Vollextrakte als zugelassene Fertigarzneimittel ausdrücklich berücksichtigt werden, so Hecken weiter. Ein Präparat nannte er nicht – laut DHV zielte er mit dem Hinweis aber »eindeutig« auf Exilby ab, ein Medikament gegen chronische Rückenschmerzen, das in Deutschland bereits zugelassen ist und in wenigen Monaten auf den Markt kommen soll. Mit Exilby sowie dem Präparat Sativex stünden künftig nur noch zwei verschiedene THC-haltige Fertigarzneimittel für den Therapiestart von Kassenpatienten zur Verfügung, wie der DHV kritisiert.
Exilby wird vom Münchner Pharmaunternehmen Vertanical hergestellt. Dessen Gründer und CEO ist Clemens Fischer. Der Pharma-Manager geht offen damit um, dass er vor der Bundestagswahl 2025 mehr als eine halbe Million Euro an gleich vier Parteien spendete: je 200.000 Euro an CSU und FDP, 100.000 Euro an die SPD und weitere 60.000 Euro an die CDU. Mit der Spende wolle er »die politische Mitte stärken«, wie Fischer im März 2025 »Business Insider« verriet.
Fischer und sein Unternehmen »dürften die größten Profiteure der kurzfristigen Verschärfung« sein, wie der DHV mutmaßt. Und diese Verschärfung gehe eben auf eine Initiative der CSU zurück und sei im Gesundheitsausschuss mit Stimmen von Union und SPD durchgesetzt worden, sodass sie per Beschlussempfehlung ins Gesetz gelangte. Dies sei ein »skandalöser Vorgang«.
Die Berliner Apothekerin Melanie Dolfen, deren Betriebe sich auf die Cannabisversorgung spezialisiert haben, erhebt nun schwere Vorwürfe und fordert eine parlamentarische Überprüfung der jüngst beschlossenen Einschränkungen. Sie will wissen, ob und wie Einfluss auf die Gesetzesänderung genommen wurde und ob dabei Pharmainteressen eine Rolle gespielt haben. »Wie solche medizinisch-fachlichen Detailregelungen kurzfristig in ein Gesetz zur Stabilisierung der Beitragssätze gelangen konnten, muss transparent aufgearbeitet werden. Allein diese Tatsache ist dubios.«