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Gender Data Gap
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Verhängnisvolle Wissenslücke

Geschlechtsspezifische Unterschiede beeinflussen Pharmakokinetik, Pharmakodynamik, Wirksamkeit und Sicherheit von Arzneimitteln in relevantem Ausmaß. Zurzeit wird das jedoch noch nicht ausreichend berücksichtigt – auch weil entsprechende Daten fehlen.
AutorKontaktAnnette Rößler
Datum 08.06.2026  18:00 Uhr

Geht es in der Medizin und Pharmazie um die Unterschiede zwischen Frauen und Männern, spielen sowohl das biologische Geschlecht (Sex) als auch das soziokulturelle Geschlecht (Gender) eine Rolle. Beides muss berücksichtigt werden, will man für jede Patientin und jeden Patienten die bestmögliche Pharmakotherapie erreichen. Welche Aspekte dabei wichtig sind, führte Dr. Dirk Keiner, Chefapotheker am St. Georg Klinikum in Eisenach, beim Pharmacon in Meran aus.

Problematisch ist, dass die Grundlage für eine geschlechtersensible Pharmakotherapie oft fehlt – weil es schlicht keine beziehungsweise zu wenig Daten gibt. »Nur 35 Prozent der klinischen Studien weltweit werten Ergebnisse nach Geschlecht getrennt aus«, berichtete Keiner. Um hormonelle und andere geschlechtsabhängige »Störgrößen« möglichst gering zu halten, ist der bevorzugte Proband in klinischen Studien oft nach wie vor männlich: Frauen machten in kardiovaskulären Studien durchschnittlich nur 25 bis 40 Prozent der Teilnehmenden aus, informierte der Apotheker.

Geringere Dosis für Frauen

Die Folge dieses Gender Data Gaps können etwa Dosierungsempfehlungen sein, die für beide Geschlechter gleich sind, es aber eigentlich nicht sein sollten. Beispiel Zolpidem: Nach der Anwendung dieses Schlafmittels haben Frauen ein deutlich höheres Risiko für einen Hangover am nächsten Tag als Männer. Deshalb empfiehlt die US-amerikanische Zulassungsbehörde FDA seit dem Jahr 2013 für Frauen eine Dosis von 5 mg statt wie zuvor – und wie weiterhin für Männer – 10 mg. In der deutschen Fachinformation Zolpidem-haltiger Präparate fehlt dieser Hinweis.

Geschlechterstereotypen wie das von der wehleidigen Frau einerseits und dem »harten Kerl« andererseits können ebenfalls eine adäquate Pharmakotherapie verhindern. Der Referent zitierte hierzu eine isrealische Studie, die 2024 im Fachjournal »PNAS« erschienen war (DOI: 10.1073/pnas.2401331121). Ein Autorenteam um Mika Guzikevits von der Hebrew University of Jerusalem konnte darin belegen, dass weibliche Patientinnen mit Schmerzen in der Krankenhaus-Notaufnahme gegenüber männlichen Patienten systematisch benachteiligt werden: Bei gleichen Beschwerden erhielten Frauen weniger Schmerzmittel als Männer. Die Autoren vermuteten, dass dies für Frauen eine Unterversorgung mit Analgetika bedeutete.

Auch Männer könnten profitieren

Häufig liegen die Nachteile aufseiten der Frauen, wenn geschlechtsspezifische Unterschiede in der Medizin ignoriert werden. Doch auch Männer könnten profitieren, wenn diese stärker berücksichtigt würden. So gilt etwa die Osteoporose als typische Frauenkrankheit. Männer sind in der Tat viel seltener betroffen – aber nicht nie. Auch Männer müssten sich bewusst sein, wie wichtig Ernährung und Bewegung für die Knochengesundheit sind, mahnte Keiner. Bei ihnen hätten andere Risikofaktoren als bei Frauen eine größere Relevanz mit Blick auf das Osteoporose-Risiko, vor allem Alkoholkonsum und eine ungesunde Ernährung.

Da bei den Betroffenenzahlen ein so deutlicher Frauenüberhang besteht, gereicht hier der Gender Data Gap den Männern zum Nachteil. So gibt es für die ohnehin schon weniger zugelassenen Arzneistoffe bei männlichen Patienten mit Osteoporose auch weniger Daten als bei weiblichen. Bei Frauen betrage die Number needed to treat (NNT) für die Wirkstoffklasse der Bisphosphonate 50, so Keiner. »Bei Männern wissen wir das nicht genau. Wahrscheinlich ist sie dreimal so hoch wie bei Frauen. Trotzdem behandeln wir Männer mit Osteoporose mit Bisphosphonaten.«

All diese Beispiele zeigten: »Genderpharmazie ist kein Spezialthema, sondern ein integraler Bestandteil moderner Arzneimitteltherapie und pharmazeutischer Verantwortung«, fasste Keiner zusammen. Das Geschlecht dürfe nicht zum Gesundheitsrisiko werden. Männer und Frauen müssten gleich gut versorgt werden.

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