| Juliane Brüggen |
| 08.06.2026 16:20 Uhr |
Depotinjektionen sind in bestimmten Anwendungsfeldern aktuell »trendige« Arzneiformen. / © Adobe Stock/Kawi
Reichl stellte unter anderem die Long-Acting Injectables (Depotinjektionen) vor – »die trendigsten Arzneiformen bei den Psychopharmaka«. Vorteile seien neben flachen Plasmakonzentration-Zeit-Profilen vor allem die verbesserte Adhärenz und Diskretion im Alltag. Nachteilig ist, dass nach der Injektion keine Flexibilität besteht: »Ist es einmal injiziert, ist es injiziert.« Nebenwirkungen können entsprechend lange anhalten.
Die Retardierungsprinzipien haben sich im Laufe der Zeit entwickelt, wie Reichl berichtete: Zunächst standen ölige Wirkstoff- oder Prodrug-Lösungen im Fokus, was jedoch Nachteile wie Injektionsschmerzen und schlechte Kontrollierbarkeit mit sich brachte. Danach folgten wässrige Suspensionen: »Hier kann man die Retardierung über die Teilchengröße und die schwere Löslichkeit des Wirkstoffs erreichen und einstellen«, erklärte Reichl. Zuletzt etablierte es sich, eine Polymermatrix hinzuzunehmen.
Vor allem bei Neuroleptika habe es Innovationen gegeben. Als Beispiel zeigte Reichl Risperidon ISM® (Okedi®) – ISM steht für »in-situ-microparticle«. Die In-situ-Depot-Injektionssuspension basiert auf Polyglactin, einem bioabbaubaren Copolymer, und wird einmal im Monat intramuskulär appliziert. Unmittelbar vor der Injektion wird das Pulver aus Wirkstoff-Mikropartikeln und Copolymer mit dem Lösungsmittel Dimethylsulfoxid (DMSO) gemischt. In den Muskel eingebracht, diffundiert DMSO aus dem Gewebe, erklärte der Apotheker – das Copolymer bildet eine Matrix, aus der Wirkstoff kontinuierlich freigesetzt wird. »Es bildet das Depot also in situ«, so Reichl. »Besonders interessant daran ist, dass DMSO etwas vom Risperidon löst und schneller freigibt. So kommt man zu einem biphasischen Freisetzungsprofil« – was die Einstellung erleichtere. »Nicht alles, was innovativ ist, ist aber auch einfach«, schränkte Reichl ein. Die Rekonstitution, die in der Arztpraxis erfolgen muss, könne fehleranfällig sein.
Professor Dr. Stephan Reichl berichtete über Weiterentwicklungen und aktuelle Trends in der Galenik. / © PZ/Alois Müller
Neue Entwicklungen gibt es laut Reichl zudem bei okulären Implantaten. Er stellte Beispiele vor, die in den USA zugelassen sind. Dazu gehört ein intrakamerales Implantat mit Travoprost (iDose TR®), das die Glaukomtherapie vereinfachen soll. Nach dem mikroinvasiven Einsetzen verbleibt das kleine Implantat (1,8 × 0,5 mm) drei Jahre im Auge und wird dann ersetzt.
Ein Austausch ist nicht erforderlich, wenn das intraokulare Implantat wiederbefüllbar ist, wie es bei Susvimo™ (Ranibizumab) der Fall ist. Das Implantat könnte bald auch hierzulande verfügbar sein, so Reichl, denn die EU-Zulassung ist beantragt. Nach chirurgischer Implantation wird das Port-Delivery-System alle sechs Monate wiederbefüllt – eine Erleichterung für Patienten, da alternativ einmal im Monat die intravitreale Injektion ansteht.
Spannend sei nicht zuletzt ein etwa reiskorngroßes, intraokulares Implantat, aus dem der ziliäre neurotrophe Faktor (CNTF) freigesetzt wird, so Reichl. Revakinagene Taroretcel-lwey (Encelto™), eine Gentherapie, wird bei der seltenen Erkrankung Makula-Teleangiektasie Typ 2 eingesetzt. Die Entwickler standen vor Herausforderungen, denn CNTF kann die Blut-Retina-Schranke nicht passieren und hat eine kurze Halbwertszeit, was die intravitreale Injektion ausschließt. Die Lösung: »In diesem Implantat sind retinale Pigmentepithelzellen enthalten – gentechnisch verändert, die kontinuierlich diesen Faktor produzieren«, erklärte Reichl. Die Membran zu entwickeln, war ebenfalls komplex: Sie muss für CNTF durchlässig sein, darf jedoch keine anderen Proteine adsorbieren. Die Zellen müssen zudem im Implantat verbleiben und Nährstoffe und Sauerstoff erhalten, Immunzellen dürfen nicht hineingelangen. Das funktioniere über eine Hohlfasermembran und eine dreidimensionale Fasergarnstruktur, an der die Zellen adhärieren, so Reichl. Die Anwendung ist aktuell auf 24 Monate begrenzt, prinzipiell sei die Idee aber, das Implantat lebenslang zu behalten.