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Schwangerschaft

Verantwortung mal zwei

Werdende Mütter scheuen oft davor zurück, Arzneimittel einzunehmen. Zurückhaltung ist durchaus angebracht, aber auch Schwangere sollten Krankheiten nicht unbehandelt lassen oder unnötig leiden. Für viele leichtere Erkrankungen gibt es bewährte Medikamente mit überschaubarem Risiko.
Nicole Schuster
14.01.2021  11:00 Uhr

Eine werdende Mutter sorgt sich nicht nur um sich und den eigenen Körper. Sie möchte das in ihr wachsende Leben schützen. Trotzdem müssen Frauen auch in der Schwangerschaft Medikamente einnehmen. Einige, weil sie an chronischen oder akuten Erkrankungen leiden, andere, weil ihnen typische Schwangerschaftsbeschwerden arg zusetzen. Eine Pharmakotherapie in der Schwangerschaft ist daher keine Ausnahme, sondern eher die Regel. Die Sicherheit hat dabei oberste Priorität.

Auswirkungen auf die Entwicklung des Ungeborenen, das sich in einer höchst vulnerablen Lebensphase befindet, lassen sich meistens nicht unmittelbar nachweisen; Arzneimittel können das Kind aber so schädigen, dass es lebenslang beeinträchtigt ist (1).

»Zur Behandlung der meisten Erkrankungen und Gesundheitsstörungen gibt es Arzneimittel, für die wir ausreichend Erfahrungen in der Schwangerschaft haben«, sagt Dr. Wolfgang E. Paulus von der Beratungsstelle für Reproduktionstoxikologie der Universitätsfrauenklinik Ulm gegenüber der PZ. Dennoch gilt der Grundsatz: so wenig Arzneimittel und nur so kurz wie möglich (2).

Mehr als nur Morgenübelkeit

Zu den Leiden, die durch physiologische Veränderungen in der Schwangerschaft entstehen, gehören Übelkeit und Erbrechen. Die Literatur gibt als generelle Inzidenz 70 bis 80 Prozent an. Die Hälfte der Frauen leidet vor allem in der Frühschwangerschaft daran, etwa ein weiteres Viertel nur an Übelkeit. Letztere tritt nicht nur am Morgen auf, wie es der Begriff »Morgenübelkeit« suggeriert. Viele Schwangere verspüren sie persistierend den ganzen Tag über. Bei 60 Prozent der Betroffenen verschwinden die Beschwerden am Ende des ersten Trimenons, bei 90 Prozent spätestens bis zur 20. Schwangerschaftswoche (SSW).

Unter Hyperemesis/Emesis gravidarum versteht man die extreme Form der Übelkeit, die hauptsächlich im ersten Trimenon auftritt. Bei schweren Verläufen mit Dehydratation und Elektrolytverschiebung und einem Gewichtsverlust von mehr als 5 Prozent müssen viele Frauen stationär aufgenommen werden; dort werden Flüssigkeit, Elektrolyte und Glucose substituiert (3).

Wenn Frauen an Übelkeit leiden, sollte das Apothekenteam empfehlen, bekannte Auslöser der Beschwerden (Trigger) zu meiden. Dazu können sehr fettes, scharfes Essen und bestimmte Gerüche zählen. Besser verträglich sind in der Regel mehrere kleine, kohlenhydrat- und proteinreiche Mahlzeiten über den Tag verteilt. Dabei nicht vergessen, ausreichend zu trinken.

Gegen Übelkeit, nicht aber Erbrechen helfen Ingwer, Akupunktur und eine Supplementierung von Vitamin B6 (Pyridoxin). Als Antiemetika können Apotheker und PTA ältere H1-Antihistaminika (wie Dimenhydrinat, Doxylamin) empfehlen. Die Kombination von Doxylamin und Pyridoxin ist seit 2019 in Deutschland für diese Indikation zugelassen. Meclozin ist in Deutschland nicht mehr im Handel. Gegen Ende der Schwangerschaft sollten H1-Antihistaminika nicht mehr angewendet werden, da sie womöglich wehenfördernd wirken.

Haben konservative Maßnahmen und Antihistaminika versagt, kann der Arzt Metoclopramid als wirksamsten Dopamin-Antagonisten (neben Promethazin) gegen Übelkeit und Erbrechen verordnen. Noch stärker wirksam ist der Serotonin-Antagonist (5-HT3-Blocker) Ondansetron; dieser sollte ebenfalls nur bei Therapieversagen angewendet werden und das auch nur ab dem ersten Trimenon. In den ersten Monaten könnte der Wirkstoff gemäß EMA-Aussagen zu einem geringen Anstieg der Inzidenz von kindlichen Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalten führen (2–8).

Kleiner Trost: Einer Kohortenstudie zufolge hatten Schwangere, die in den ersten Wochen nach der Befruchtung unter den Beschwerden litten, seltener eine Fehlgeburt. In die Studie wurden allerdings nur Frauen aufgenommen, die bereits eine oder zwei Fehlgeburten hinter sich hatten (9).

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