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Leopoldina
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RNA-Therapien brauchen eine nationale Strategie

RNA-Arzneimittel könnten die Behandlung zahlreicher Krankheiten grundlegend verändern: Sie können die Bildung schädlicher Proteine unterdrücken, fehlende Proteine bereitstellen oder Immunzellen gegen Tumoren mobilisieren. Daran erinnert aktuell die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina in ihrer Nationalen Empfehlung »RNA-basierte Medizin«.
AutorKontaktTheo Dingermann
Datum 05.11.2026  09:20 Uhr

Chancen für die Onkologie und Infektiologie

Große Hoffnungen gibt es in der Onkologie. Für individualisierte mRNA-Immuntherapien werden Tumormutationen analysiert und passende veränderte Antigene, sogenannte Neoantigene, ausgewählt. Die daraus entwickelten mRNA sollen eine T-Zell-Antwort gegen die Krebszellen auslösen. Klinische Studien liefern ermutigende Hinweise, unter anderem beim Melanom; für andere Tumorarten ist die klinische Datenlage noch dünn. Erprobt werden außerdem Kombinationen mit bestehenden Immuntherapien.

Ein weiterer Ansatz soll T-Zellen direkt im Körper mithilfe von mRNA mit einem chimären Antigenrezeptor ausstatten. Das könnte die aufwendige Herstellung von CAR-T-Zellen vereinfachen, muss sich aber klinisch bewähren.

Besondere Chancen sieht die Akademie bei extrem seltenen Erbkrankheiten. Modulare ASO könnten auf individuelle Mutationen zugeschnitten werden, auch wenn weltweit nur einzelne Menschen betroffen sind. Solche N=1-Therapien stellen jedoch neue Anforderungen an Prüfung, Finanzierung und Herstellung. Bei der Genomeditierung ist mit Casgevy bereits eine Behandlung für Sichelzellkrankheit und Beta-Thalassämie zugelassen: Blutstammzellen werden außerhalb des Körpers verändert und anschließend zurückgegeben.

Auch die Infektionsmedizin bleibt ein wichtiges Feld. Neben Covid-19 steht bereits ein mRNA-Impfstoff gegen RSV zur Verfügung. Besonders weit reicht die Idee »programmierbarer Antibiotika«. Darunter versteht man Antisense-Wirkstoffe, die lebenswichtige bakterielle RNA angreifen oder die Bildung von Virulenz- und Resistenzfaktoren unterdrücken können. Bislang handelt es sich dabei um Forschungsansätze.

Pharmazeutisch-technologische Herausforderungen

Der entscheidende Engpass ist häufig der Transport. RNA wird im Körper rasch abgebaut, gelangt schlecht in Zielzellen und kann unerwünschte Immunreaktionen auslösen. Chemische Modifikationen verbessern Stabilität und Verträglichkeit. Lipidnanopartikel schützen die Wirkstoffe und erleichtern ihre Aufnahme; die Kopplung an N-Acetylgalactosamin ermöglicht die gezielte Aufnahme bestimmter Oligonukleotide in Leberzellen. Herz, Muskulatur und Gehirn bleiben schwerer erreichbar. Auch lange Wirkzeiten sind nicht uneingeschränkt vorteilhaft: Bei experimentellen RNA-Therapien gegen Bluthochdruck könnte die anhaltende Wirkung in akuten Situationen problematisch werden.

Zur pharmazeutischen Herausforderung gehört zudem die reproduzierbare Qualität. Kurze Oligonukleotide werden überwiegend chemisch synthetisiert, mRNA wird enzymatisch anhand einer DNA-Vorlage hergestellt. Aufreinigung, Analytik, Trägersysteme und teils anspruchsvolle Kühlketten treiben Kosten und Aufwand.

Die Leopoldina fordert, den Plattformcharakter regulatorisch besser zu berücksichtigen: Bereits validierte Herstellungsverfahren sollten stärker nutzbar sein. Für frühe klinische Prüfungen und N=1-Studien schlägt sie risikoadaptierte Vorgaben für Herstellung und Dokumentation vor. Maßstab müsse eine belastbare Bewertung von Nutzen und Risiken bleiben.

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