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Nebenwirkungen
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Orale Tumortherapie sicher begleiten

Eine orale Krebsmedikation gibt den Patienten viel mehr Flexibilität, bedeutet aber auch mehr Verantwortung im Umgang mit der Therapie. Hier kann die Apotheke zum Sicherheitsanker werden: durch frühzeitige Beratung, strukturierte Begleitung und das rechtzeitige Erkennen von Warnsignalen.
AutorKontaktOliver Scherf-Clavel
Datum 10.05.2026  08:00 Uhr

Fokus auf Warnsignale und Nebenwirkungen

Untersuchungen zeigen, dass ein relevanter Anteil der Patienten ihre orale Tumortherapie nicht exakt nach Vorgabe einnimmt. Unerwünschte Arzneimittelwirkungen (UAW) gehören zu den wichtigsten Ursachen für eigenständige Therapiepausen oder -abbrüche.

Ein Beispiel: Eine 59-jährige Patientin möchte in der Apotheke ihr Rezept über Ribociclib, einen CDK4/6-Inhibitor, einlösen. Sie berichtet, dass sie wegen eines Hormonrezeptor-positiven metastasierten Mammakarzinoms behandelt werde. Seit einigen Tagen habe sie zunehmende Durchfälle und fühle sich deutlich erschöpft. Außerdem sei sie unsicher, ob sie ihre Medikamente weiterhin wie gewohnt einnehmen soll. Im Gespräch stellt sich heraus, dass die Frau zusätzlich ein Johanniskraut-Präparat gegen depressive Verstimmung einnimmt. Aufgrund der Durchfälle habe sie das Tumortherapeutikum bereits mehrfach nicht geschluckt.

Nebenwirkungen führen zur Verunsicherung und gleichzeitig bleiben mögliche Interaktionen mit der Begleitmedikation oft unentdeckt. Apothekenteams sind häufig niedrigschwellige Ansprechpartner bei Fragen zur Therapie oder bei neu auftretenden Beschwerden. Durch strukturierte Beratung, frühzeitiges Erkennen von Warnsignalen (Kasten), Beachtung von Komorbiditäten und konsequente Interaktionsprüfung können sie wesentlich zur Arzneimitteltherapiesicherheit beitragen. Die Herausforderung besteht darin, Beschwerden einzuordnen, potenzielle Risiken zu erkennen und gleichzeitig die Therapietreue zu sichern.

Im Apothekenalltag stehen Tumordiagnosen selten im Vordergrund. Die Patienten wenden sich vielmehr mit konkreten Beschwerden an die Apotheke: Durchfall, Hautveränderungen, Fatigue oder Infektanzeichen. Einige häufige und patientenrelevante UAW sind in der Tabelle 1 aufgeführt.

Für viele Nebenwirkungen gibt es inzwischen evidenzbasierte Empfehlungen zum Management. Eine wichtige Orientierung bietet die S3-Leitlinie »Supportive Therapie bei onkologischen PatientInnen« (Stand April 2025), die unter Federführung der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften entwickelt wurde. Sie fasst evidenzbasierte Maßnahmen zur Prävention und Behandlung therapiebedingter Nebenwirkungen zusammen und ist eine wertvolle Informationsquelle für die pharmazeutische Beratung.

Wirkstoffgruppen (Beispiele) Kurzmanagement in der Apotheke Hinweis auf mögliche Red Flags
Diarrhö
Tyrosinkinase-Inhibitoren, zum Beispiel EGFR-, ALK-, VEGFR-TKI,
Einige PARP-Inhibitoren, Capecitabin
Flüssigkeitszufuhr und Elektrolyte thematisieren,
frühzeitig Antidiarrhoika nach ärztlicher Empfehlung einsetzen,
Ernährung anpassen
anhaltende oder schwere Diarrhö, Fieber, Zeichen der Dehydratation
Übelkeit, Erbrechen
PARP-Inhibitoren,
einige TKI,
klassische orale Zytostatika, zum Beispiel Capecitabin, Temozolomid
Einnahmezeitpunkt prüfen,
kleine Mahlzeiten empfehlen,
Antiemetika nach ärztlicher Vorgabe
starkes oder anhaltendes Erbrechen, fehlende Flüssigkeitsaufnahme
Mukositis, Stomatitis
mTOR-Inhibitoren, einige zielgerichtete Therapien und Zytostatika konsequente Mundpflege,
reizende Speisen vermeiden,
alkoholfreie Mundspülungen
starke Schmerzen, Nahrungsaufnahme nicht möglich, Pilzverdacht
Dermatologische Toxizität (Exanthem, trockene Haut)
vor allem EGFR-Inhibitoren und andere TKI frühzeitige Hautpflege,
UV-Schutz,
irritierende Hautprodukte vermeiden
ausgeprägte Hautreaktionen oder rasche Verschlechterung
Hand-Fuß-Syndrom
Capecitabin,
Multikinase-Inhibitoren, zum Beispiel Sorafenib, Regorafenib, Sunitinib
Druck und Reibung reduzieren,
intensive Hautpflege,
frühzeitige Beratung bei ersten Symptomen
Schmerzen, Blasenbildung oder funktionelle Einschränkung
Fatigue, Leistungsminderung
zahlreiche zielgerichtete Therapien,
PARP-Inhibitoren,
antihormonelle Therapien
Aktivitätsplanung,
moderate Bewegung,
Belastungssteuerung besprechen
ausgeprägte Verschlechterung oder Begleitsymptome
Hämatotoxizität, Infektanfälligkeit
CDK4/6-Inhibitoren, PARP-Inhibitoren,
einige TKI,
orale Zytostatika
Patienten für Infektanzeichen sensibilisieren,
Selbstmedikation bei Fieber kritisch prüfen
Fieber oder Infektanzeichen unter Therapie
Hypertonie
VEGF-/VEGFR-gerichtete Therapien, zum Beispiel Multikinase-Inhibitoren regelmäßige Blutdruckkontrolle empfehlen,
Interaktionen und OTC prüfen
neu auftretender oder stark erhöhter Blutdruck
QT-Verlängerung, Arrhythmien
einzelne TKI Interaktionscheck,
Elektrolytverluste durch gastrointestinale Toxizität berücksichtigen
Synkope, Palpitationen oder Schwindel
Hepatotoxizität
substanzabhängig bei verschiedenen zielgerichteten Therapien möglich Phytotherapeutika und Nahrungsergänzungsmittel aktiv erfragen,
potenziell hepatotoxische Kombinationen vermeiden
Ikterus, dunkler Urin, Oberbauchschmerzen
Metabolische Effekte, zum Beispiel Hyperglykämie
einige zielgerichtete Therapien, zum Beispiel mTOR-Inhibitoren Blutzuckerwerte beachten,
Begleitmedikation prüfen
symptomatische Stoffwechselentgleisung
Tabelle 1: Häufige unerwünschte Arzneimittelwirkungen oraler Tumortherapeutika; typische Wirkstoffgruppen und Beratungshinweise, geordnet nach Beratungsanlass
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