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Nebenwirkungen
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Orale Tumortherapie sicher begleiten

Eine orale Krebsmedikation gibt den Patienten viel mehr Flexibilität, bedeutet aber auch mehr Verantwortung im Umgang mit der Therapie. Hier kann die Apotheke zum Sicherheitsanker werden: durch frühzeitige Beratung, strukturierte Begleitung und das rechtzeitige Erkennen von Warnsignalen.
AutorKontaktOliver Scherf-Clavel
Datum 10.05.2026  08:00 Uhr

Gastrointestinale Nebenwirkungen

Gastrointestinale Beschwerden zählen zu den häufigsten Nebenwirkungen bei oralen Tumortherapeutika. Besonders Durchfälle können unter Tyrosinkinase-Inhibitoren (TKI) wie Lapatinib, Neratinib oder Tucatinib sowie bei anderen zielgerichteten Therapien relativ früh auftreten. Prophylaktisch ist eine Beratung zum Nebenwirkungsmanagement wichtig.

Pathophysiologisch spielen mehrere Mechanismen eine Rolle. Viele zielgerichtete Therapien greifen in Signalwege ein, die nicht nur in Tumorzellen, sondern auch im gesunden Gewebe eine wichtige Rolle spielen. Im Gastrointestinaltrakt beeinflussen sie unter anderem die Proliferation und Regeneration des Darmepithels. Bei Störungen kann die Integrität der Schleimhaut beeinträchtigt werden. Verstärkte sekretorische Prozesse im Darm führen zu vermehrter Flüssigkeitssekretion und damit zu Durchfällen.

Die S3-Leitlinie zur supportiven Therapie empfiehlt bei tumorbedingter oder therapieinduzierter Diarrhö ein symptomatisches Management mit ausreichender Flüssigkeitszufuhr, Elektrolytausgleich sowie gegebenenfalls Antidiarrhoika. Entscheidend ist eine frühzeitige Intervention, um Dehydratation und Therapieunterbrechungen zu vermeiden.

In der Apotheke sollte zunächst geklärt werden, wann die Beschwerden begonnen haben und wie häufig sie auftreten. Begleitsymptome wie Fieber, Bauchschmerzen oder Zeichen der Dehydratation sind wichtige Hinweise auf einen möglicherweise schwereren Verlauf (Red Flags). Einfache Maßnahmen wie ausreichende Flüssigkeitszufuhr, Elektrolytersatz und eine frühzeitige antidiarrhoische Therapie bewirken häufig eine deutliche Besserung. Gleichzeitig sollten Patienten wissen, bei welchen Symptomen eine ärztliche Rücksprache erforderlich ist.

Übelkeit und Erbrechen: frühzeitig gegensteuern

Zu den häufigen und besonders belastenden Nebenwirkungen onkologischer Therapien gehören Übelkeit und Erbrechen. Ausprägung und zeitlicher Verlauf hängen stark vom Wirkstoff ab. Besonders häufig sind die Probleme bei PARP-Inhibitoren wie Olaparib und Talazoparib sowie bei einigen TKI (Tabelle 1).

Pathophysiologisch sind mehrere Mechanismen beteiligt. Zentrale und periphere Signalwege greifen ineinander: Im Brechzentrum des Zentralnervensystems spielen Neurotransmitter wie Serotonin (5-HT₃), Dopamin und Substanz P eine zentrale Rolle. Gleichzeitig können Reize aus dem Gastrointestinaltrakt, etwa durch Schleimhautschädigung oder veränderte Motilität, Übelkeit und Erbrechen auslösen.

Diese Probleme sind oft gut behandelbar, wenn sie frühzeitig erkannt und konsequent behandelt werden. Die S3-Leitlinie zur Supportivtherapie empfiehlt eine risikoadaptierte antiemetische Prophylaxe sowie ein strukturiertes Vorgehen bei bestehenden Beschwerden. Eine frühzeitige Intervention kann oftmals verhindern, dass die Therapie eigenständig pausiert oder abgesetzt wird.

In der Apotheke sollte zunächst geklärt werden, ob eine antiemetische Begleittherapie verordnet wurde und ob diese regelmäßig eingenommen wird. Viele Patienten nutzen eine »Bedarfsmedikation« nur sparsam, sodass das Apothekenteam gezielt nachfragen und gegebenenfalls zur konsequenten Einnahme anleiten sollte.

Ergänzend können nicht medikamentöse Maßnahmen sinnvoll sein. Dazu gehören kleine häufige Mahlzeiten, das Meiden stark riechender oder fettreicher Speisen sowie eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr. Auch eine Anpassung des Einnahmezeitpunkts der Tumormedikation kann im Einzelfall hilfreich sein.

Häufig setzen Patienten Ingwer als natürliches Mittel gegen Übelkeit ein. Die antiemetische Wirkung wird unter anderem auf Effekte auf serotonerge Signalwege im Gastrointestinaltrakt sowie auf die Magenmotilität zurückgeführt. Die Evidenzlage ist jedoch uneinheitlich: Während einzelne Studien einen moderaten Nutzen bei leichter Übelkeit zeigen, ist für stärkere Beschwerden oder Erbrechen kein verlässlicher Effekt belegt. Ingwer kann daher allenfalls ergänzend eingesetzt werden, ersetzt jedoch keine leitliniengerechte antiemetische Therapie. Zudem sollten mögliche Risiken, etwa gastrointestinale Reizungen oder Effekte auf die Blutgerinnung bei hoch dosierter Anwendung, berücksichtigt werden.

Auch hier müssen die Patienten die Grenzen des Selbstmanagements kennen. Anhaltendes oder starkes Erbrechen, fehlende Flüssigkeitsaufnahme oder Zeichen der Dehydratation erfordern eine ärztliche Abklärung.

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