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Nebenwirkungen
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Orale Tumortherapie sicher begleiten

Eine orale Krebsmedikation gibt den Patienten viel mehr Flexibilität, bedeutet aber auch mehr Verantwortung im Umgang mit der Therapie. Hier kann die Apotheke zum Sicherheitsanker werden: durch frühzeitige Beratung, strukturierte Begleitung und das rechtzeitige Erkennen von Warnsignalen.
AutorKontaktOliver Scherf-Clavel
Datum 10.05.2026  08:00 Uhr

»Eigentlich sollte ich die Tabletten jeden Tag nehmen, aber gestern habe ich sie weggelassen.« Die Patientin wirkt unsicher, während sie ihr Rezept für ein Krebsmedikament in der Apotheke vorlegt. Seit einigen Tagen habe sie Durchfall, außerdem fühle sie sich ungewöhnlich erschöpft. Ob das normal sei, wisse sie nicht. Deshalb habe sie die Einnahme vorsichtshalber pausiert.

Solche Situationen gehören mittlerweile zum Alltag vieler Apotheken, denn die Onkologie hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten grundlegend verändert. Während früher vor allem intravenöse Chemotherapien dominierten, die in einem eng überwachten klinischen Setting infundiert werden, stehen heute zielgerichtete Wirkstoffe und hormonelle Therapien zur Verfügung, die oral eingenommen werden. Für viele Patienten bedeutet dies eine deutliche Erleichterung: Die Behandlung kann im häuslichen Umfeld erfolgen, regelmäßige Infusionstermine entfallen und der Alltag lässt sich besser strukturieren.

Damit verlagert sich jedoch ein Teil der Verantwortung auf die Patienten und ihre Angehörigen. Fragen zur richtigen Einnahme, zum Umgang mit Nebenwirkungen oder zur Einordnung neuer Symptome müssen häufig eigenständig beantwortet werden.

Zudem hat sich das Nebenwirkungsprofil deutlich verschoben. Klassische Chemotherapien verursachen typischerweise akute und häufig schwerwiegende Toxizitäten, die von Ärzten eng überwacht werden. Zielgerichtete Therapien hingegen führen häufig zu eher chronischen, teilweise moderaten, aber dauerhaft belastenden Nebenwirkungen. Diese können die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen und langfristig die Therapietreue gefährden.

Fokus auf Warnsignale und Nebenwirkungen

Untersuchungen zeigen, dass ein relevanter Anteil der Patienten ihre orale Tumortherapie nicht exakt nach Vorgabe einnimmt. Unerwünschte Arzneimittelwirkungen (UAW) gehören zu den wichtigsten Ursachen für eigenständige Therapiepausen oder -abbrüche.

Ein Beispiel: Eine 59-jährige Patientin möchte in der Apotheke ihr Rezept über Ribociclib, einen CDK4/6-Inhibitor, einlösen. Sie berichtet, dass sie wegen eines Hormonrezeptor-positiven metastasierten Mammakarzinoms behandelt werde. Seit einigen Tagen habe sie zunehmende Durchfälle und fühle sich deutlich erschöpft. Außerdem sei sie unsicher, ob sie ihre Medikamente weiterhin wie gewohnt einnehmen soll. Im Gespräch stellt sich heraus, dass die Frau zusätzlich ein Johanniskraut-Präparat gegen depressive Verstimmung einnimmt. Aufgrund der Durchfälle habe sie das Tumortherapeutikum bereits mehrfach nicht geschluckt.

Nebenwirkungen führen zur Verunsicherung und gleichzeitig bleiben mögliche Interaktionen mit der Begleitmedikation oft unentdeckt. Apothekenteams sind häufig niedrigschwellige Ansprechpartner bei Fragen zur Therapie oder bei neu auftretenden Beschwerden. Durch strukturierte Beratung, frühzeitiges Erkennen von Warnsignalen (Kasten), Beachtung von Komorbiditäten und konsequente Interaktionsprüfung können sie wesentlich zur Arzneimitteltherapiesicherheit beitragen. Die Herausforderung besteht darin, Beschwerden einzuordnen, potenzielle Risiken zu erkennen und gleichzeitig die Therapietreue zu sichern.

Im Apothekenalltag stehen Tumordiagnosen selten im Vordergrund. Die Patienten wenden sich vielmehr mit konkreten Beschwerden an die Apotheke: Durchfall, Hautveränderungen, Fatigue oder Infektanzeichen. Einige häufige und patientenrelevante UAW sind in der Tabelle 1 aufgeführt.

Für viele Nebenwirkungen gibt es inzwischen evidenzbasierte Empfehlungen zum Management. Eine wichtige Orientierung bietet die S3-Leitlinie »Supportive Therapie bei onkologischen PatientInnen« (Stand April 2025), die unter Federführung der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften entwickelt wurde. Sie fasst evidenzbasierte Maßnahmen zur Prävention und Behandlung therapiebedingter Nebenwirkungen zusammen und ist eine wertvolle Informationsquelle für die pharmazeutische Beratung.

Wirkstoffgruppen (Beispiele) Kurzmanagement in der Apotheke Hinweis auf mögliche Red Flags
Diarrhö
Tyrosinkinase-Inhibitoren, zum Beispiel EGFR-, ALK-, VEGFR-TKI,
Einige PARP-Inhibitoren, Capecitabin
Flüssigkeitszufuhr und Elektrolyte thematisieren,
frühzeitig Antidiarrhoika nach ärztlicher Empfehlung einsetzen,
Ernährung anpassen
anhaltende oder schwere Diarrhö, Fieber, Zeichen der Dehydratation
Übelkeit, Erbrechen
PARP-Inhibitoren,
einige TKI,
klassische orale Zytostatika, zum Beispiel Capecitabin, Temozolomid
Einnahmezeitpunkt prüfen,
kleine Mahlzeiten empfehlen,
Antiemetika nach ärztlicher Vorgabe
starkes oder anhaltendes Erbrechen, fehlende Flüssigkeitsaufnahme
Mukositis, Stomatitis
mTOR-Inhibitoren, einige zielgerichtete Therapien und Zytostatika konsequente Mundpflege,
reizende Speisen vermeiden,
alkoholfreie Mundspülungen
starke Schmerzen, Nahrungsaufnahme nicht möglich, Pilzverdacht
Dermatologische Toxizität (Exanthem, trockene Haut)
vor allem EGFR-Inhibitoren und andere TKI frühzeitige Hautpflege,
UV-Schutz,
irritierende Hautprodukte vermeiden
ausgeprägte Hautreaktionen oder rasche Verschlechterung
Hand-Fuß-Syndrom
Capecitabin,
Multikinase-Inhibitoren, zum Beispiel Sorafenib, Regorafenib, Sunitinib
Druck und Reibung reduzieren,
intensive Hautpflege,
frühzeitige Beratung bei ersten Symptomen
Schmerzen, Blasenbildung oder funktionelle Einschränkung
Fatigue, Leistungsminderung
zahlreiche zielgerichtete Therapien,
PARP-Inhibitoren,
antihormonelle Therapien
Aktivitätsplanung,
moderate Bewegung,
Belastungssteuerung besprechen
ausgeprägte Verschlechterung oder Begleitsymptome
Hämatotoxizität, Infektanfälligkeit
CDK4/6-Inhibitoren, PARP-Inhibitoren,
einige TKI,
orale Zytostatika
Patienten für Infektanzeichen sensibilisieren,
Selbstmedikation bei Fieber kritisch prüfen
Fieber oder Infektanzeichen unter Therapie
Hypertonie
VEGF-/VEGFR-gerichtete Therapien, zum Beispiel Multikinase-Inhibitoren regelmäßige Blutdruckkontrolle empfehlen,
Interaktionen und OTC prüfen
neu auftretender oder stark erhöhter Blutdruck
QT-Verlängerung, Arrhythmien
einzelne TKI Interaktionscheck,
Elektrolytverluste durch gastrointestinale Toxizität berücksichtigen
Synkope, Palpitationen oder Schwindel
Hepatotoxizität
substanzabhängig bei verschiedenen zielgerichteten Therapien möglich Phytotherapeutika und Nahrungsergänzungsmittel aktiv erfragen,
potenziell hepatotoxische Kombinationen vermeiden
Ikterus, dunkler Urin, Oberbauchschmerzen
Metabolische Effekte, zum Beispiel Hyperglykämie
einige zielgerichtete Therapien, zum Beispiel mTOR-Inhibitoren Blutzuckerwerte beachten,
Begleitmedikation prüfen
symptomatische Stoffwechselentgleisung
Tabelle 1: Häufige unerwünschte Arzneimittelwirkungen oraler Tumortherapeutika; typische Wirkstoffgruppen und Beratungshinweise, geordnet nach Beratungsanlass

Gastrointestinale Nebenwirkungen

Gastrointestinale Beschwerden zählen zu den häufigsten Nebenwirkungen bei oralen Tumortherapeutika. Besonders Durchfälle können unter Tyrosinkinase-Inhibitoren (TKI) wie Lapatinib, Neratinib oder Tucatinib sowie bei anderen zielgerichteten Therapien relativ früh auftreten. Prophylaktisch ist eine Beratung zum Nebenwirkungsmanagement wichtig.

Pathophysiologisch spielen mehrere Mechanismen eine Rolle. Viele zielgerichtete Therapien greifen in Signalwege ein, die nicht nur in Tumorzellen, sondern auch im gesunden Gewebe eine wichtige Rolle spielen. Im Gastrointestinaltrakt beeinflussen sie unter anderem die Proliferation und Regeneration des Darmepithels. Bei Störungen kann die Integrität der Schleimhaut beeinträchtigt werden. Verstärkte sekretorische Prozesse im Darm führen zu vermehrter Flüssigkeitssekretion und damit zu Durchfällen.

Die S3-Leitlinie zur supportiven Therapie empfiehlt bei tumorbedingter oder therapieinduzierter Diarrhö ein symptomatisches Management mit ausreichender Flüssigkeitszufuhr, Elektrolytausgleich sowie gegebenenfalls Antidiarrhoika. Entscheidend ist eine frühzeitige Intervention, um Dehydratation und Therapieunterbrechungen zu vermeiden.

In der Apotheke sollte zunächst geklärt werden, wann die Beschwerden begonnen haben und wie häufig sie auftreten. Begleitsymptome wie Fieber, Bauchschmerzen oder Zeichen der Dehydratation sind wichtige Hinweise auf einen möglicherweise schwereren Verlauf (Red Flags). Einfache Maßnahmen wie ausreichende Flüssigkeitszufuhr, Elektrolytersatz und eine frühzeitige antidiarrhoische Therapie bewirken häufig eine deutliche Besserung. Gleichzeitig sollten Patienten wissen, bei welchen Symptomen eine ärztliche Rücksprache erforderlich ist.

Übelkeit und Erbrechen: frühzeitig gegensteuern

Zu den häufigen und besonders belastenden Nebenwirkungen onkologischer Therapien gehören Übelkeit und Erbrechen. Ausprägung und zeitlicher Verlauf hängen stark vom Wirkstoff ab. Besonders häufig sind die Probleme bei PARP-Inhibitoren wie Olaparib und Talazoparib sowie bei einigen TKI (Tabelle 1).

Pathophysiologisch sind mehrere Mechanismen beteiligt. Zentrale und periphere Signalwege greifen ineinander: Im Brechzentrum des Zentralnervensystems spielen Neurotransmitter wie Serotonin (5-HT₃), Dopamin und Substanz P eine zentrale Rolle. Gleichzeitig können Reize aus dem Gastrointestinaltrakt, etwa durch Schleimhautschädigung oder veränderte Motilität, Übelkeit und Erbrechen auslösen.

Diese Probleme sind oft gut behandelbar, wenn sie frühzeitig erkannt und konsequent behandelt werden. Die S3-Leitlinie zur Supportivtherapie empfiehlt eine risikoadaptierte antiemetische Prophylaxe sowie ein strukturiertes Vorgehen bei bestehenden Beschwerden. Eine frühzeitige Intervention kann oftmals verhindern, dass die Therapie eigenständig pausiert oder abgesetzt wird.

In der Apotheke sollte zunächst geklärt werden, ob eine antiemetische Begleittherapie verordnet wurde und ob diese regelmäßig eingenommen wird. Viele Patienten nutzen eine »Bedarfsmedikation« nur sparsam, sodass das Apothekenteam gezielt nachfragen und gegebenenfalls zur konsequenten Einnahme anleiten sollte.

Ergänzend können nicht medikamentöse Maßnahmen sinnvoll sein. Dazu gehören kleine häufige Mahlzeiten, das Meiden stark riechender oder fettreicher Speisen sowie eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr. Auch eine Anpassung des Einnahmezeitpunkts der Tumormedikation kann im Einzelfall hilfreich sein.

Häufig setzen Patienten Ingwer als natürliches Mittel gegen Übelkeit ein. Die antiemetische Wirkung wird unter anderem auf Effekte auf serotonerge Signalwege im Gastrointestinaltrakt sowie auf die Magenmotilität zurückgeführt. Die Evidenzlage ist jedoch uneinheitlich: Während einzelne Studien einen moderaten Nutzen bei leichter Übelkeit zeigen, ist für stärkere Beschwerden oder Erbrechen kein verlässlicher Effekt belegt. Ingwer kann daher allenfalls ergänzend eingesetzt werden, ersetzt jedoch keine leitliniengerechte antiemetische Therapie. Zudem sollten mögliche Risiken, etwa gastrointestinale Reizungen oder Effekte auf die Blutgerinnung bei hoch dosierter Anwendung, berücksichtigt werden.

Auch hier müssen die Patienten die Grenzen des Selbstmanagements kennen. Anhaltendes oder starkes Erbrechen, fehlende Flüssigkeitsaufnahme oder Zeichen der Dehydratation erfordern eine ärztliche Abklärung.

Hämatologische Nebenwirkungen

Viele zielgerichtete Wirkstoffe können die Hämatopoese beeinflussen und zu Zytopenien führen (Tabelle 1). Besonders relevant ist die Neutropenie, die das Risiko schwerer Infektionen erhöht.

Ein klassisches Beispiel sind CDK4/6-Inhibitoren wie Abema-, Palbo- und Ribociclib, die die Regulation des Zellzyklus beeinflussen. Durch Hemmung bestimmter Cyclin-abhängiger Kinasen wird die Zellproliferation in der G1-Phase gestoppt. Dieser Mechanismus hemmt Tumorzellen am Wachstum, kann aber auch schnell proliferierende gesunde Zellen betreffen – darunter Vorläuferzellen der Hämatopoese im Knochenmark.

Für Patienten ist diese Nebenwirkung häufig nicht unmittelbar erkennbar. Umso wichtiger ist es, sie für Warnzeichen wie Fieber, Schüttelfrost oder ausgeprägtes Krankheitsgefühl zu sensibilisieren. Fieber während einer onkologischen Therapie sollte grundsätzlich ärztlich abgeklärt werden. Zentrale Aufgabe der Apotheke ist es, frühzeitig Warnsymptome zu erkennen und die Grenzen der Selbstmedikation klar zu kommunizieren.

Dermatologische Toxizität

Hauttoxizitäten gehören zu den typischen Nebenwirkungen vieler zielgerichteter Therapien. Besonders häufig treten sie bei Inhibitoren des epidermalen Wachstumsfaktorrezeptors (EGFR) auf, zum Beispiel Afa-, Erlo- und Gefitinib. Dieser Rezeptor spielt eine wichtige Rolle bei der Regulation der Zellproliferation und Differenzierung in der Haut. Wird der Signalweg pharmakologisch gehemmt, kann dies zu Störungen der Hautbarriere und zu entzündlichen Hautreaktionen führen.

Die Leitlinie zur supportiven Therapie empfiehlt unter anderem frühzeitige hautpflegende Maßnahmen sowie eine konsequente Prävention, da sich dadurch der Schweregrad dermatologischer Nebenwirkungen häufig reduzieren lässt. Zur Prävention gehören konsequente Hautpflege, UV-Schutz sowie die Vermeidung mechanischer oder chemischer Belastungen der Haut. Einen hohen Stellenwert hat die Basispflege mit Urea-Cremes (5 Prozent).

Klinisch äußert sich die dermale Toxizität häufig als akneiformes Exanthem, trockene Haut oder Juckreiz. Auch das sogenannte Hand-Fuß-Syndrom, das unter bestimmten Wirkstoffen auftreten kann, ist eine relevante dermatologische Nebenwirkung. Auch wenn diese Symptome meist nicht lebensbedrohlich sind, können sie die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen und zu Therapiepausen führen.

Kardiovaskuläre und metabolische Effekte

Einige Wirkstoffklassen können kardiovaskuläre Effekte wie Hypertonie oder Veränderungen der Herzrhythmik verursachen. Besonders bekannt ist die Hypertonie unter VEGF-gerichteten Therapien, zum Beispiel mit Lenvatinib, Cabozantinib oder Regorafenib; diese wird auf eine verminderte Bildung vasodilatatorischer Faktoren, insbesondere Stickstoffmonoxid, und eine endotheliale Dysfunktion zurückgeführt.

Auch Veränderungen der kardialen Erregungsleitung (QT-Zeit-Verlängerung) können auftreten. Diese sind vor allem dann klinisch relevant, wenn zusätzliche Risikofaktoren wie Elektrolytstörungen oder interagierende Begleitmedikation vorliegen.

Zu den metabolischen Effekten gehören Störungen des Glucose- oder Lipidstoffwechsels. Diese können unter anderem durch Eingriffe in zelluläre Signalwege entstehen, die auch bei der Regulation des Energiestoffwechsels eine Rolle spielen.

Fatigue

Fatigue zählt zu den häufigsten und zugleich belastendsten Beschwerden bei Krebspatienten. Sie äußert sich als anhaltende körperliche und geistige Erschöpfung, die sich durch Ruhe oder Schlaf kaum bessert und deutlich über ein »normales« Müdigkeitsgefühl hinausgeht. Die Entstehung ist multifaktoriell. Neben direkten Therapieeffekten spielen entzündliche Prozesse, Veränderungen im Energiestoffwechsel, Anämie, Schlafstörungen sowie psychische Belastungen eine Rolle. Auch Begleiterkrankungen oder Arzneimittel können zur Ausprägung der Fatigue beitragen.

In der Apotheke ist zunächst eine sensible Einordnung der Beschwerden wichtig. Gleichzeitig sollten mögliche Ursachen, etwa eine Anämie oder Stoffwechselstörungen, bedacht und bei entsprechenden Hinweisen ärztlich abgeklärt werden.

Die Patienten sollten wissen, dass es Strategien zur Linderung der Fatigue gibt. Eine frühzeitige Aufklärung kann helfen, die Lebensqualität zu verbessern und die Therapietreue sicherzustellen. Im Vordergrund stehen Maßnahmen zum Selbstmanagement. Dazu gehören eine realistische Belastungssteuerung, regelmäßige moderate körperliche Aktivität sowie eine Tagesstruktur mit bewusst eingeplanten Erholungsphasen. Auch Schlafhygiene und eine ausgewogene Ernährung können unterstützend wirken.

Konkret können Patienten davon profitieren, größere Aktivitäten in energiereichere Tagesphasen zu legen und Aufgaben bewusst zu priorisieren (»Energiehaushalt planen«). Ebenso hat sich leichte regelmäßige Bewegung – etwa tägliche Spaziergänge – als hilfreich erwiesen, um die Fatigue langfristig zu reduzieren, auch wenn dies initial kontraintuitiv erscheinen mag.

Interaktionen: häufig unterschätztes Risiko

Interaktionen gehören zu den zentralen Herausforderungen bei der Betreuung von Patienten unter oraler Tumortherapie. Sie bleiben oft lange unentdeckt, können den Therapieerfolg jedoch erheblich beeinflussen.

Ein wesentlicher Grund dafür liegt in den pharmakokinetischen Eigenschaften vieler oraler Tumortherapeutika. Vor allem TKI werden über hepatische Enzymsysteme metabolisiert, insbesondere über das Cytochrom-P450-Isoenzym CYP3A4. Gleichzeitig sind sie häufig Substrate von Transportproteinen wie P-Glykoprotein. Veränderungen in diesen Systemen können daher zu erheblichen Schwankungen der Wirkstoffexposition führen. Einige relevante Wechselwirkungen sind in Tabelle 2 aufgeführt.

Risikokonstellation Typische Auslöser Klinische Bedeutung bei oTT Beratung in der Apotheke
CYP3A4-Induktion Johanniskrautpräparate, einige pflanzliche Kombinationen,
Rx-Medikamente wie Anfallsuppressiva oder Rifampicin
Abfall der Wirkstoffspiegel vieler TKI: Wirkverlust möglich Johanniskraut konsequent vermeiden,
aktiv nach pflanzlichen Antidepressiva fragen
CYP3A4-Hemmung Grapefruitprodukte, Bitterorange, einige NEM, zum Beispiel hoch dosierte Curcumin- oder Grüntee-Extrakte,
Rx-Medikamente wie Clarithromycin oder HIV-Therapeutika
erhöhte Wirkstoffspiegel: Risiko verstärkter Toxizität Grapefruit und entsprechende Produkte meiden,
NEM aktiv erfragen
additive QT-Verlängerung bestimmte Antibiotika, Antidepressiva, Antihistaminika,
Elektrolytverluste durch Durchfall/Erbrechen
erhöhtes Risiko für Arrhythmien bei QT-verlängernden oTT Begleitmedikation prüfen,
bei Palpitationen oder Synkope ärztliche Abklärung
gastrointestinale pH-abhängige Resorption Protonenpumpenhemmer, H₂-Blocker, Antazida reduzierte Bioverfügbarkeit einzelner oTT Einnahmeabstände prüfen oder Alternativen erwägen,
Rücksprache mit Onkologie
additive Hepatotoxizität pflanzliche Präparate wie Kava-Kava und Schöllkraut,
hoch dosierte NEM,
Alkohol, Paracetamol
erhöhtes Risiko für Leberschädigungen NEM, Phytotherapie gezielt abfragen,
bei Unsicherheit ärztliche Rücksprache
Blutungsrisiko Antikoagulanzien, Thrombozytenaggregationshemmer, NSAR additive Blutungsrisiken bei bestimmten zielgerichteten Therapien Begleitmedikation prüfen,
Selbstmedikation mit NSAR kritisch hinterfragen
Probiotika bei Immunsuppression OTC-Probiotika seltene, aber relevante Infektionsrisiken bei schwerer Immunsuppression ohne Rücksprache mit dem Behandlungsteam zurückhaltend empfehlen
Elektrolytstörungen ausgeprägte Diarrhö oder Erbrechen, Diuretika Elektrolytverluste können Arrhythmie-Risiko erhöhen Flüssigkeits- und Elektrolytmanagement besprechen
seltene, aber kritische Interaktionen Beispiel: Brivudin + Capecitabin potenziell lebensbedrohliche Interaktion bei Capecitabin aktiv nach antiviraler Therapie (Herpes/Zoster) fragen
Tabelle 2: Interaktionen und Risikokonstellationen bei oralen Tumortherapeutika (oTT); NEM: Nahrungsergänzungsmittel

Substanzen, die CYP3A4 hemmen, können die Plasmakonzentration vieler oraler Tumortherapeutika erhöhen und damit das Risiko von Nebenwirkungen steigern. Umgekehrt führen Enzyminduktoren zu einer beschleunigten Metabolisierung und damit zu verminderten Wirkstoffspiegeln, was die Wirksamkeit der Therapie beeinträchtigen kann. Ein klassisches Beispiel ist Johanniskraut. Als CYP3A4-Induktor kann es die Plasmaspiegel zahlreicher TKI, zum Beispiel von Ribociclib, Dasatinib oder Olaparib, deutlich reduzieren. Für die Patienten ist diese Interaktion häufig nicht offensichtlich, da es sich oft um ein frei verkäufliches pflanzliches Arzneimittel handelt.

Auch Transportproteine wie P-Glykoprotein spielen eine Rolle. Sie beeinflussen die Bioverfügbarkeit und die Elimination vieler Wirkstoffe. Hemmung oder Induktion dieser Transporter kann die Wirkstoffspiegel ebenfalls klinisch relevant verändern.

Ebenso können Lebensmittel die Pharmakokinetik oraler Tumortherapeutika beeinflussen. Besonders bekannt ist die Interaktion mit Grapefruit und verwandten Zitrusfrüchten. Deren Inhaltsstoffe hemmen das intestinale CYP3A4 und erhöhen so die systemische Verfügbarkeit bestimmter Wirkstoffe durch eine verminderte First-Pass-Metabolisierung in der Darmmukosa. Als Folge können Nebenwirkungen verstärkt auftreten.

Ein häufig unterschätzter Mechanismus betrifft die pH-abhängige Resorption bestimmter Wirkstoffe. Einige TKI, zum Beispiel Neratinib, Ceritinib oder Bosutinib, benötigen ein saures Milieu im Magen, um ausreichend resorbiert zu werden. Protonenpumpenhemmer (PPI), H₂-Rezeptorantagonisten oder Antacida können den Magen-pH-Wert erhöhen und dadurch die Bioverfügbarkeit dieser Substanzen deutlich reduzieren. Da PPI aufgrund ihrer lang anhaltenden Wirkung in der Regel keinen sinnvollen Einnahmeabstand ermöglichen, gehört die gezielte Nachfrage nach säurereduzierenden Arzneimitteln in jede Beratung.

Additiv oder antagonistisch: pharmakodynamische Effekte

Neben pharmakokinetischen spielen auch pharmakodynamische Wechselwirkungen eine Rolle. Sie entstehen, wenn mehrere Substanzen ähnliche Nebenwirkungsprofile aufweisen und sich ihre Effekte addieren oder gegenseitig beeinflussen, etwa im Sinn einer Abschwächung der Wirkung (Tabelle 2). Beispiele sind:

  • QT-Zeit-Verlängerung durch Kombination mehrerer entsprechend wirksamer Arzneimittel,
  • erhöhtes Blutungsrisiko bei gleichzeitiger Einnahme von Antikoagulanzien und bestimmten zielgerichteten Therapien,
  • verstärkte hepatotoxische Effekte durch Kombination mit potenziell leberschädigenden Substanzen, einschließlich Phytotherapeutika, zum Beispiel Schöllkraut oder ethanolhaltige Zubereitungen,
  • reduzierte Wirkung einer antiestrogenen Therapie durch Phytoestrogene,
  • gesteigerte Toxizität von Capecitabin durch hoch dosierte Folsäure.

Elektrolytstörungen infolge gastrointestinaler Nebenwirkungen können indirekt das Risiko für kardiale Arrhythmien erhöhen und sollten mitbedacht werden.

Strukturierte Beratung als Sicherheitsfaktor

Die Abgabe oraler Tumortherapeutika erfordert häufig eine intensivere Beratung als bei vielen anderen Arzneimitteln. Neben den üblichen Informationen sollten insbesondere folgende Aspekte berücksichtigt werden:

  • Einnahmeschema und Therapiepausen,
  • Umgang mit vergessenen Dosen,
  • mögliche Nebenwirkungen und Warnzeichen,
  • Interaktionen mit Begleitmedikation und
  • Besonderheiten der Selbstmedikation.

Eine strukturierte Beratung (Tabelle 3) hilft, arzneimittelbezogene Probleme frühzeitig zu erkennen, und gibt den Patienten Sicherheit im Umgang mit ihrer Therapie.

Für Patienten unter oraler Tumortherapie gibt es inzwischen die spezifische pharmazeutische Dienstleistung »Pharmazeutische Betreuung bei oraler Antitumortherapie«. Diese pDL richtet sich an Personen, die eine orale Tumortherapie ambulant beginnen. In einem strukturierten Beratungsgespräch werden unter anderem das Einnahmeschema, das Nebenwirkungsmanagement, die Interaktionen sowie praktische Aspekte der Therapie besprochen. Zwei bis sechs Monate später kann ein weiteres Gespräch stattfinden, um auftretende Probleme frühzeitig zu identifizieren und die Therapie zu begleiten.

Ein zentrales Problem ist, dass viele Patienten gar nicht wissen, dass ihnen diese Dienstleistung zusteht. Gerade bei so komplexen Therapien wie oralen Tumortherapeutika bietet sie eine wertvolle Gelegenheit, die Arzneimitteltherapiesicherheit zu erhöhen und die Therapietreue zu stärken. Die Apothekenteams können aktiv auf diese pDL hinweisen und Patienten zur Inanspruchnahme ermutigen.

Was wird geklärt? Beispiel-Formulierungen Ergebnis, Dokumentation
1. Verordnung und Schema verifizieren
Wirkstoff, Stärke, Dosierung Einnahmeschema (kontinuierlich versus Zyklus),
Pausen, Startdatum
»Nehmen Sie das durchgehend oder in Zyklen? Gibt es Einnahmepausen?« Schema/Startdatum notieren,
Abweichungen klären
2. Einnahmeregeln sichern
mit/ohne Nahrung, Tageszeit, Schlucken (nicht zerkleinern),
Umgang mit vergessener Dosis
»Mit oder ohne Essen? Was sollen Sie tun, wenn Sie eine Dosis vergessen haben?« Kerneinnahmeregeln dokumentieren und mitgeben
3. Kurzscreening auf Nebenwirkungen (symptomorientiert)
Diarrhö und Übelkeit, Haut und Hand-Fuß-Syndrom, Mundschleimhaut, Fatigue, Infektanzeichen, Blutdruck (falls relevant) »Gab es seit Beginn Durchfall, Übelkeit, Hautprobleme oder Fieber?« Symptomliste: ja/nein,
Beginn, grobe Schwere
4. Red-Flag-Abfrage (Sicherheitscheck)
Fieber, Blut im Stuhl oder Erbrochenen, starke Dehydratation, Unfähigkeit zu trinken/essen, schwere Hautreaktionen oder Blasen, Synkope/Thoraxschmerz »Hatten Sie Fieber über 38 °C? Können Sie ausreichend trinken?« Red Flag vorhanden: sofortige ärztliche Abklärung empfohlen,
Hinweis und Zeitpunkt dokumentieren
5. Supportivtherapie und Selbstmedikation abfragen
Antiemetika und Antidiarrhoika, Hautpflege, Mundpflege, Schmerzmittel »Was haben Sie gegen Übelkeit/Durchfall schon bekommen? Was nehmen Sie aktuell zusätzlich?« Supportivplan, Fehlstellen identifizieren
6. Interaktionscheck (OTC, NEM, Ernährung konsequent!)
OTC, Phytotherapie/NEM, Grapefruit, Johanniskraut, Säureblocker, QT-Zeit-Verlängerung, Blutungsrisiken, NSAR »Nehmen Sie etwas Pflanzliches oder eine Nahrungsergänzung? Grapefruit oder Johanniskraut?« Liste von OTC, NEM, Nahrungsmitteln,
kritische Kombinationen markieren
7. Kurzintervention: zwei bis drei individuelle Kernbotschaften
je nach Risiko: konkrete Handlungs­empfehlungen bei gastrointestinalen UAW, Prävention von Hautschäden und Hand-Fuß-Syndrom, Mundpflege, Blutdruck­selbstmessung, Fatigue-Strategien »Wenn X auftritt, starten Sie Y sofort. Bei Z melden Sie sich umgehend.« individuelle Kernhinweise dokumentieren,
Merkblatt aushändigen
8. Adhärenz und Handling ansprechen
Bedeutung regelmäßiger Einnahme,
keine eigenständigen Pausen,
sichere Aufbewahrung und Entsorgung
»Bitte nicht eigenständig pausieren. Melden Sie Nebenwirkungen früh - häufig kann man gegensteuern.« Adhärenz-Hinweis dokumentieren
9. Follow-up anbieten
vor allem zu Beginn oder bei Dosisanpassungen: kurzer Check nach einigen Tagen »Wenn in den nächsten Tagen Nebenwirkungen auftreten oder sich noch Fragen ergeben, rufen Sie kurz an oder kommen Sie vorbei.« Follow-up-Vermerk (optional)
Tabelle 3: Beratungsleitfaden für die strukturierte Abgabe oraler Tumortherapeutika (oTT)

Digitale Unterstützung für die Beratung

Für die Beratung zu oralen Tumortherapeutika stehen mehrere spezialisierte Informationsquellen zur Verfügung, die Apotheker bei der Einordnung von Nebenwirkungen und Interaktionen unterstützen.

Die Onkologika-Datenbank der European Society of Oncology Pharmacy (ESOP) und der Deutschen Gesellschaft für Onkologische Pharmazie liefert pharmakologische Informationen zu onkologischen Wirkstoffen und zur Begleittherapie sowie Übersichten zu Nebenwirkungen und Dosierungsschemata; zudem ermöglicht sie die Erstellung patientenindividueller Medikationspläne.

Die Datensammlung des AMBORA-Projekts stellt praxisorientierte Merkblätter zum Management häufiger Nebenwirkungen sowie Informationen zu Interaktionen mit OTC-Präparaten, Phytotherapeutika und Nahrungsergänzungsmitteln bereit.

Die Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie bieten evidenzbasierte Informationen zu Therapiestrategien und Nebenwirkungen.

Ergänzend stellt der Krebsinformationsdienst verständliche Informationen für Patienten bereit, die sich gut in Beratungsgesprächen einsetzen lassen.

Die S3-Leitlinie der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften enthält umfassende evidenzbasierte Empfehlungen zur Prävention und Behandlung therapiebedingter Nebenwirkungen.

Fazit

Mit der wachsenden Zahl zielgerichteter Substanzen nimmt auch die Bedeutung ambulanter und oral verabreichter Tumortherapien kontinuierlich zu. Mit der Verlagerung der Therapie in den häuslichen Bereich steigen die Anforderungen an das Nebenwirkungsmanagement, die Interaktionsprüfung und die Therapietreue. Diese wichtige Rolle können und müssen Apotheker übernehmen. Durch strukturierte Beratung, frühzeitiges Erfassen von Warnzeichen und systematische Überprüfung der Begleitmedikation lassen sich viele Probleme im Alltag der Patienten frühzeitig erkennen.

Die pDL »Pharmazeutische Betreuung bei oraler Antitumortherapie« bietet hierfür einen geeigneten Rahmen. Leider wissen immer noch viele Patienten und selbst Ärzte nicht, dass diese pDL existiert – ja, sogar ein Anspruch darauf besteht. Apothekenteams sollten Menschen mit oraler Tumortherapie aktiv darauf ansprechen und die pDL anbieten. Da die zielgerichteten Medikamente, insbesondere bei Erstverordnungen, in der Regel bestellt werden müssen, eröffnet sich hier ein organisatorisches Zeitfenster für die Vorbereitung auf das Erstgespräch.

In Kombination mit evidenzbasierten Leitlinien zur supportiven Therapie und spezialisierten Informationsressourcen kann die Beratung dazu beitragen, die Arzneimitteltherapiesicherheit zu verbessern, und Patienten langfristig in ihrer Therapie unterstützen. Damit wird die Apotheke zu einem Sicherheitsanker in der interdisziplinären Betreuung onkologischer Patienten im ambulanten Setting.

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