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Comirnaty

Israel meldet Zusammenhang zwischen Impfung und Myokarditis

Die Impfung mit dem Covid-19-Impfstoff Comirnaty® von Biontech und Pfizer kann bei jungen Männern offenbar doch eine Myokarditis (Herzmuskelentzündung) auslösen. Einem Bericht aus Israel zufolge ist die Komplikation aber sehr selten und meistens vorübergehend.
Annette Rößler
03.06.2021  14:00 Uhr

Ein möglicher Zusammenhang zwischen der Comirnaty-Impfung und einer Myokarditis wird schon länger vermutet. Erstmals kam der Verdacht in Israel auf, wo nahezu die gesamte, sehr erfolgreiche Impfkampagne auf der Biontech/Pfizer-Vakzine basiert. Das israelische Gesundheitsministerium hatte jedoch zunächst Entwarnung gegeben: Es sei nicht sicher, dass es im Vergleich zum Vorjahreszeitraum einen Anstieg der Zahl von Herzmuskelentzündungen gebe, hieß es Ende April vonseiten der Regierung. Auch die Europäische Arzneimittelagentur EMA betonte anlässlich der Zulassungsempfehlung für den Impfstoff für 12- bis 15-Jährige vorige Woche, dass derzeit nicht von einem ursächlichen Zusammenhang ausgegangen werde.

Wahrscheinlich wird diese Einschätzung jedoch nicht mehr lange Bestand haben. Aktuell zitiert das Fachmagazin »Science« auf seiner Nachrichtenseite aus einem Bericht israelischer Forscher an die dortige Regierung, dem zufolge eine Myokarditis bei jungen Männern infolge der Impfung tatsächlich gehäuft auftritt. Die Rate dieser Komplikation liege zwischen einem von 3000 und einem von 6000 geimpften 16- bis 24-Jährigen, das entspreche dem 5- bis 25-Fachen des Üblichen. Die meisten Fälle seien jedoch milde verlaufen und innerhalb weniger Wochen ausgeheilt, was für eine Myokarditis typisch ist.

Klasseneffekt der mRNA-Impfstoffe?

Da auch nach der Impfung mit der Covid-19-Vakzine von Moderna, bei der es sich wie bei Comirnaty um einen mRNA-Impfstoff handelt, einzelne Fälle von Myokarditis aufgetreten sind, ist ein Klasseneffekt möglich. Über einen Pathomechanismus kann derzeit jedoch nur spekuliert werden. Möglicherweise könnten die sehr hohen Antikörpertiter, die durch die Impfung bei jungen Menschen generiert würden, in seltenen Fällen eine Überreaktion des Immunsystems auslösen, die dann zu der Herzmuskelentzündung führe, heißt es bei »Science«.

In diesem Fall könnten eine Verzögerung der Zweitimpfung oder eine Reduzierung der Dosis das Risiko senken. Ob Ersteres funktioniere, könne sich in den kommenden Monaten erweisen: Einige Länder haben wegen des Impfstoffmangels den Zeitraum zwischen Erst- und Zweitimpfung mit Comirnaty von den empfohlenen drei Wochen auf bis zu 16 Wochen ausgedehnt. Möglicherweise werde dort bei längerem Impfintervall ein Rückgang der Myokarditis-Fälle zu beobachten sein. Ergebnisse zur Reaktogenität einer niedrigeren Dosis würden aus einer Studie der Hersteller mit jüngeren Kindern ebenfalls für die kommenden Monate erwartet.

Professor Dr. Dror Mevorach von der Hadassah University sagte gegenüber »Science«, die neue Analyse deute stark darauf hin, dass die Impfung eine Myokarditis auslösen könne. »Ich bin überzeugt davon, dass es einen Zusammenhang gibt.« Für Eltern gelte es jetzt, die Risiken gegeneinander abzuwägen, sagte Dr. Douglas Diekema vom Seattle Children’s Hospital. Die Myokarditis verlaufe meistens mild und müsse nur mit Entzündungshemmern behandelt werden, während eine SARS-CoV-2-Infektion auch bei jungen Menschen eine schwere Covid-19-Erkrankung mit möglichen Langzeitfolgen verursachen könne. Selbst wenn sich der Verdacht bestätige, würden dadurch vermutlich nicht viele Ärzte bezüglich der Impfung ihrer eigenen Kinder ihre Meinung ändern, glaubt Diekema.

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