Dass der Rückgang der weiblichen Sexualhormone ein breites Spektrum an psychischen und kognitiven Symptomen mit sich bringen kann, liegt unter anderem an den Estrogen-Rezeptoren, vor allem ER-α und ER-β, die sich in zahlreichen Bereichen des Gehirns finden. Besonders viele davon weist der präfrontale Cortex auf. Er gilt nicht nur als wichtiges Zentrum des Arbeitsgedächtnisses, sondern steuert auch die Emotionsregulation.
Für das Kurzzeitgedächtnis und die Informationsverarbeitung ist der Hippocampus zuständig. Die Amygdala (Mandelkern) verarbeitet Emotionen wie Angst, Wut oder Freude und regelt körperliche Stressreaktionen. Der Nucleus suprachiasmaticus (SCN) im Hypothalamus verantwortet als »innere Uhr« den Schlaf-Wach-Rhythmus. All diese Regionen sind reich an Estrogen-Rezeptoren. Gleiches gilt für den Locus coeruleus im Hirnstamm, der den Großteil des Neurotransmitters Noradrenalin im Gehirn produziert; Funktionsstörungen im »blauen Kern« sind mit Erkrankungen wie Alzheimer, Depressionen und Angststörungen assoziiert.
Stimmungsschwankungen und Traurigkeit können durch das Hormonchaos ausgelöst oder verstärkt werden. / © Getty Images/Mindful Media
Über die Rezeptoren steigert Estradiol die Aufnahme von Glucose in die Gehirnzellen und die Energiebereitstellung in den Mitochondrien. In Tierversuchen ließ sich nachweisen, dass der Glucosestoffwechsel im Gehirn unter Estrogen-Mangel um 15 bis 25 Prozent sinkt. Steht nicht ausreichend Glucose zur Energiegewinnung zur Verfügung, greift das Gehirn vermehrt auf Ketonkörper zurück. Diese gewinnt es unter anderem aus der fettreichen weißen Substanz (Substantia alba), der Schutzschicht der reizweiterleitenden Nervenfasern. Tatsächlich deuten Hirnscans darauf hin, dass die weiße Substanz bei Frauen in der Perimenopause an Volumen verliert. Auch die Nervenkörpermasse, die graue Substanz, im Hippocampus und in der Amygdala schrumpft. Und: Das Gehirn produziert weniger Energie – das bremst die geistige Leistungsfähigkeit. Nach der Menopause relativiert sich das zum großen Teil wieder.
Darüber hinaus greift Estrogen auf mehreren Ebenen in verschiedene Neurotransmitter-Systeme ein. Zum einen fördert es die Serotoninbildung, indem es die Aktivität des Schlüsselenzyms Tryptophan-Hydroxylase erhöht. Gleichzeitig hemmt Estrogen den Abbau des »Glückshormons« durch die Monoaminoxidase A (MAO-A) und steigert die Konzentration des Neurotransmitters im synaptischen Spalt – so wie manche Antidepressiva. Auf ähnliche Weise reguliert das Sexualhormon auch die Verfügbarkeit von Dopamin, Noradrenalin und Glutamat. Der Effekt: Die Stimmung verbessert sich; Aufmerksamkeit, Antrieb und Lernfähigkeit steigen.