Eine ausführliche Anamnese mit gezielten Fragen grenzt die mögliche Diagnose ein. Der Arzt fragt nach Dauer, Form (Dreh-, Schwankschwindel) und Einsetzen der Symptome (plötzlich, schleichend), nach möglichen Auslösern durch Bewegungsänderungen und nach Begleitsymptomen. Eine Reihe von Fragebögen können laut der S2k-Leitlinie »Schwindel in der Hausarztpraxis« zum Einsatz kommen. Es werden Grunderkrankungen, Arzneimittelgebrauch, psychische Faktoren und Alkoholkonsum erfragt.
Dann folgen klinische Tests: Der Kopfimpulstest zeigt kompensatorische Augenbewegungen bei schneller Drehung des Kopfes, die Nystagmus-Untersuchung testet ruckartige unwillkürliche Augenbewegungen, der Schellong-Test gibt Aufschluss über orthostatische Fehlregulationen. Hinzu kommen Augen- und neurologische Untersuchungen, Hörtest und Check-up der Halswirbelsäule sowie Elektrokardiogramm und Sonografie der hirnversorgenden Gefäße.
Um Arzneimittel-bedingten Problemen auf die Spur zu kommen, hilft ein möglichst vollständiger Medikationsplan aus der Apotheke.
Da Schwindel so viele Ursachen haben kann, ist die möglichst exakte Differenzialdiagnose Voraussetzung für eine wirksame Therapie. Die Behandlung der ursächlichen Erkrankung steht im Vordergrund. An den Symptomen setzen medikamentöse, physikalische, psychotherapeutische und in seltenen Fällen operative Therapieoptionen an.
Die verschiedenen Pharmakagruppen zur Behandlung von Schwindel werden in der Leitlinie mit den »acht A’s« zusammengefasst: Antivertiginosa, Antikonvulsiva, Antidepressiva, Antiphlogistika, Anti-Menière-Mittel, Antimigränosa, Aminopyridine als Kaliumkanalblocker sowie Acetyl-DL-Leucin.
Laut Leitlinie werden Antivertiginosa symptomatisch gegen Übelkeit und Erbrechen bei akuten peripheren oder zentralen vestibulären Störungen, zur Prophylaxe von Übelkeit und Erbrechen durch die Befreiungsmanöver beim BPLS, zur Prophylaxe der Bewegungskrankheit und bei zentralem Lageerbrechen eingesetzt (Tabelle). Dabei sollen sedierende Wirkstoffe wie Dimenhydrinat, Ondansetron oder Benzodiazepine maximal über drei Tage bei heftigem Schwindel mit Erbrechen eingenommen werden, da bei längerer Einnahme die zentrale Kompensation des Vestibularapparats gehemmt wird.
| Inhaltsstoff | Indikation | Nebenwirkungen | Bemerkung |
|---|---|---|---|
| Dimenhydrinat, Dimenhydrinat-Cinnarizin-Kombi | Schwindel verschiedener Ursache | anticholinerge Wirkung, QT-Zeit-Verlängerung, Benommenheit | für ältere Menschen ungeeignet (Priscus 2.0), Therapie über 2 Wochen, in der Kombination 2 bis 4 Wochen |
| Flunarizin | vestibulärer Schwindel | EPMS | für ältere Menschen ungeeignet (Priscus 2.0), Therapie über 6 Monate |
| Sulpirid | Morbus Menière, bei Versagen anderer Antivertiginosa | anticholinerge Wirkung, QT-Zeit-Verlängerung, Benommenheit, EPMS | für ältere Menschen ungeeignet (Priscus 2.0), Indikation alle 3 bis 6 Monate überprüfen |
| Ginkgo-Extrakt | multifaktorieller Schwindel, Altersschwindel | erhöhtes Blutungsrisiko, gastrointestinale Probleme | cave: Kombination mit Antikoagulanzienund Gerinnungshemmern, Therapieüber 6 bis 8 Wochen |
| Betahistin | Schwindel bei Morbus Menière | gastrointestinale Probleme, Kopfschmerzen | Langzeitbehandlung, wechselseitige Reduktion der Wirkung durch Kombination mit Antihistaminika, Einnahme zum Essen verringert gastrointestinale Probleme |
Calciumkanalblocker (Cinnarizin, Flunarizin) sind geeignet bei vestibulärem Schwindel infolge von anhaltenden Funktionsstörungen des Gleichgewichtsapparats.
Das H1-Antihistaminikum Dimenhydrinat ist indiziert bei Schwindel und Nausea unterschiedlicher Genese. Cinnarizin und Dimenhydrinat gibt es als Kombinationsarzneimittel, beide Substanzen sollen die neuronale Aktivität der Vestibulariskerne in der Medulla oblongata reduzieren. Da das H1-Antihistaminikum Diphenhydramin die Blut-Hirn-Schranke überwindet, ist die Substanz zugelassen bei Übelkeit und Erbrechen und wirkt so auch gegen Schwindel. Der Dopaminrezeptor-Antagonist Sulpirid ist indiziert bei Schwindelzuständen des peripheren Vestibularapparats wie Morbus Menière.
Aufgrund ihrer sedativen und anticholinergen Effekte sind Dimenhydrinat, Diphenhydramin und Sulpirid in der Priscus-Liste für ältere Menschen als ungeeignet eingestuft (Tabelle). Sie erhöhen das Sturzrisiko und provozieren die Verschlimmerung von Erkrankungen wie Prostatavergrößerung, Glaukom oder Demenz.
Histaminrezeptor-Agonisten wie Betahistin werden vor allem beim Menièreschen Symptomenkomplex eingesetzt. Die Evidenzlage ist allerdings umstritten. Das Apothekenteam kann darauf hinweisen, dass die Einnahme zum Essen gastrointestinale Probleme verringert und dass durch Kombination mit Antihistaminika beide Substanzen in ihrer Wirkung reduziert sind. Eine weitere Option bei Menière ist die intratympanale Therapie mit Corticoiden oder die Gabe des ototoxischen Aminoglykosid-Antibiotikums Gentamicin. Letzteres erkauft die Linderung des Schwindels mit stärkerem Hörverlust.
Umfassende Differenzialdiagnose beim Arzt / © Shutterstock/DC Studio
Bei Übelkeit und Erbrechen werden Antiemetika wie Dimenhydrinat und antiemetisch wirksame Prokinetika wie Metoclopramid, Domperidon oder Ondansetron eingesetzt.
Die kausale Therapie erfolgt mit Corticoiden bei der akuten einseitigen Vestibulopathie und Triptanen bei akuter vestibulärer Migräne, Aminopyridinen bei Gangstörungen und Carbamazepin/Oxcarbazepin bei der Vestibularisparoxysmie. Bei funktionellem Schwindel können auch selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer wie Escitalopram versucht werden.
Betroffene fragen in der Apotheke mitunter nach Ginkgo-Produkten und Homöopathika. Die Evidenz bei vestibulären Schwindelsyndromen bezieht sich primär auf den speziellen Ginkgo-Extrakt EGb 761® in hoch dosierter Form. In der Apotheke sollte auf Nebenwirkungen wie Magen-Darm-Beschwerden (Übelkeit, Durchfall) und allergische Hautreaktionen hingewiesen werden. Insbesondere bei Einnahme von Blutverdünnern ist die verstärkte Blutungsneigung zu beachten. Ginkgo-Präparate sollten 10 bis 14 Tage vor einer geplanten Operation abgesetzt werden. Das Apothekenteam sollte die Kunden unbedingt darauf hinweisen, den Schwindel beim nächsten Arztbesuch zwecks Differenzialdiagnose anzusprechen.